https://www.faz.net/-gtl-p8jc

Kunstturnen : „Wir haben geredet, geredet, geredet“

  • -Aktualisiert am

Ronny Ziesmer Bild: dpa

Wie die deutschen Turner ihren Zustand aus Traurigkeit und Angst nach dem tragischen Trainingsunfall von Ronny Ziesmer überwinden, der an Armen und Beinen gelähmt bleiben wird.

          3 Min.

          Als Robert Juckel ein erstes Mal seine Hand in Richtung Zuschauer hob, ein kleines Winken andeutete, da wirkte es wie ein Signal zum Durchatmen. Oberflächlich betrachtet, war es ein Wettkampf wie viele andere auch an diesem Samstag abend in Schwäbisch Gmünd: Eine gutgefüllte Turnhalle, ein Moderator, der seine Unsicherheit mit unpassenden Versuchen der Stimmungsmache überspielte, begeistert klatschende Zuschauer, sinnlose Musikberieselung.

          Doch seit vier Tagen ist für die Hauptdarsteller auf dieser Turnbühne nichts mehr, wie es vorher war - und alle krampfhaften Versuche, bei einem Länderkampf gegen Rumänien und Italien Normalität zu demonstrieren, waren naturgemäß zum Scheitern verurteilt.

          Auftrag aus dem Krankenhaus: Die sollen sich zusammenreißen

          Während der Olympiavorbereitung stürzte der 24jährige Kunstturner Ronny Ziesmer in der Halle des Leistungszentrums Kienbaum im Training nach einem Sprung auf den Kopf. Er ist an Armen und Beinen gelähmt und wird es bleiben. In einem Schockzustand liefen für seine Mannschaftskameraden und seine Trainer die nächsten Tage ab. Beinahe mechanisch, sagt Cheftrainer Andreas Hirsch, habe er reagiert, bis er sich irgendwann klarmachte: "Ich muß nicht so handeln, die müssen überhaupt nichts trainieren."

          Aber sie mußten ein Vakuum füllen: "Wir haben geredet, geredet, geredet. Jeder mit jedem, die Athleten untereinander, die Athleten mit den Trainern, der Cheftrainer mit den anderen Trainern", sagt Thomas Andergassen. Der Stuttgarter Turner, der ohnehin alles hinterfragt, ist ebenso wie Mannschaftskapitän Sven Kwiatkowski im Gesicht deutlich gezeichnet vom tragischen Geschehen.

          Wichtige Unterstützung bekommen sie vom Heidelberger Sportpsychologen Hans-Dieter Hermann. Hirsch setzte das Training aus, überließ es seinen Athleten, ob sie an die Geräte gehen wollten oder nicht. Als er ihnen zeigte, wie auch er litt, gaben sie ihm neue Motivation. Erst anderthalb Tage vor dem Wettkampf entschieden sich die Turner, zum Länderkampf anzutreten. Gunter Schönherr, langjähriger Heimtrainer von Ronny Ziesmer, der mit ihm vor zwei Jahren von Cottbus an den Stützpunkt in Stuttgart gezogen war, hatte aus dem Krankenhaus den "Auftrag" mitgebracht: Die sollen sich zusammenreißen.

          Die bestandene Prüfung

          Andergassen, der in seinem Wettkampfprogramm den Sprung hat, bei dem Ziesmer verunglückte, ließ in Schwäbisch Gmünd dieses Gerät aus. Robert Juckel trat an - "er hat seinen wahrscheinlich wichtigsten Sprung überhaupt gemacht", sagt Hirsch. Juckel ist zwei Jahre jünger als Ronny Ziesmer, stammt aus demselben Verein und war mit ihm nach Stuttgart gewechselt. Erst nach dem Einturnen in Schwäbisch Gmünd sagte er dem Trainer, daß er springen werde. Und Hirsch honorierte es auf seine Art: hier eine beruhigende Hand auf der Schulter, dort ein Streicheln über den Kopf. Bis nach dem Bodenturnen, der letzten Übung, die Dämme brachen: Jeder einzelne wurde von allen anderen Mannschaftsmitgliedern innig umarmt; offensichtlich trat die Freude der jungen Männer zutage, gemeinsam diese schwerste Prüfung ihrer bisherigen Laufbahn bestanden zu haben.

          Sie hatten sich überwunden in ihrem Zustand aus Traurigkeit und Angst, sie hatten ein wichtiges Zeichen gesetzt. Und sie hatten Kräfte mobilisiert für bessere Leistungen, als die meisten von ihnen sie in den vergangenen Monaten geboten hatten - im Bewußtsein, sich für die anderen einzusetzen, ohne im Falle eines Fehlers verdammt zu werden. "Was wir geschafft haben, ist eine Selbstbestätigung, die jeden Egoismus hintenanstellt", sagte Hirsch. Seine Anspannung löste sich, als der letzte seiner Turner ohne Verletzung von der Matte ging: "Gesunde Athleten hatten bisher für mich eine Bedeutung im Zusammenhang mit der Mannschaftsleistung - jetzt ist ein gesunder Athlet für mich etwas anderes."

          Der Unfall von Kienbaum hat für diese Gruppe beinahe alles verändert. "Alles, dem ich das ganze Leben hinterhergejagt bin, war scheinbar wertlos." Doch der engagierte Trainer weigert sich, auch bei allen Sicherheitsbedenken den Sport nun in Frage zu stellen. "Er hat so viele Werte für unsere Gesellschaft und wichtige Funktionen - er ist ein Stück Kulturgut, das man nicht aufgeben darf. Er zeigt, was Menschen machen können, wenn sie ihr Talent fördern. Und wenn mir sechs begabte junge Leute sagen, sie wollen einen Wettkampf turnen, dann habe ich das zu begleiten und mit Respekt zu behandeln." Diese Turner, das weiß Hirsch, werden ihr weiteres Leben mit einer völlig anderen Wertvorstellung gestalten: " Sie werden sich nicht von irgendwelchen Nichtigkeiten treiben lassen."

          „Er wird immer zur Mannschaft gehören“

          Noch übermannt sie immer wieder der Schmerz. Robert Juckel hielt sich mit Mühe in Schwäbisch Gmünd aufrecht. Schon zu Beginn des Länderkampfes waren ihm bei der Nationalhymne die Tränen gekommen, bei der Siegerehrung konnte er sich nicht mehr beherrschen. Fluchtartig verließ er die Halle. "Niemand zwingt ihn, eine Situation zu meistern, die er nicht meistern kann", sagte Hirsch. Keiner von ihnen kann sich vorstellen, was auf Ronny Ziesmer zukommen wird. "Er wollte doch immer nur turnen", sagt Thomas Andergassen verzweifelt. "Ronny wird uns jetzt brauchen", sagt er und verspricht: "Er wird immer zur Mannschaft gehören. Nicht mehr als Turner, aber als Mensch."

          Die Mannschaft, ohnehin eine gute Mischung, ist noch enger zusammengerückt. Jeder versucht, das Geschehen auf seine Weise zu verarbeiten. Dazu gehört auch, daß alle herzhaft lachen, wenn die beiden Jüngsten, Fabian Hambüchen oder Matthias Fahrig, ungewollte Komik erzeugen. Und irgendwann, so hofft Andreas Hirsch, "irgendwann werden wir auch wieder mit Ronny lachen".

          Weitere Themen

          Der Krimi um Irans Judoka Mollaei

          Vor dem Regime geflohen : Der Krimi um Irans Judoka Mollaei

          Saeid Mollaei hat harte Zeiten hinter sich. In seine Heimat Iran kann der frühere Judo-Weltmeister nicht zurück. Nun lebt er an einem geheimen Ort in Deutschland. Seinen Traum gibt er trotzdem nicht auf.

          Topmeldungen

          Coronakrise : Kein „Tschernobyl-Moment“

          Chinas Führung kämpft gegen unliebsame Informationen über das Coronavirus. Jetzt hat Staatschef Xi gesprochen. Das zeigt, dass die Lage ernst ist. Problem: Wenn Xi im Spiel ist, muss alles besser werden – zumindest offiziell.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.