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Kunstturnen : Turnerinnen-Trainer, auf zum Streite!

  • -Aktualisiert am

Ärgert sich über den Streit der Trainer: Lisa Brüggemann Bild: dpa

Im Lager der deutschen Kunstturnerinnen herrscht eine frostige Atmosphäre. Die Nominierung der Trainerteams für die Weltmeisterschaften hat die Sprachlosigkeit zwischen den Hochburgen Köln und Bergisch Gladbach noch verstärkt: „Turner, auf zum Streite!“

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          Was für eine Harmonie: Strahlend kommen die beiden Mädchen an, öffnen weit die Münder: "Schauen Sie mal, wir haben heute beide den gleichen Zahn verloren." Derlei Teamgeist überrascht sogar den Trainer. Dieter Koch hat für diesen Nachmittag in der Halle des Kunstturnzentrums in Bergisch Gladbach einen Testwettkampf seiner Nachwuchsturnerinnen angesetzt. Vorher schnell noch die Glückwünsche zum Geburtstag der Ballett-Lehrerin, ein paar nette Worte hinüber zu den Übungsleitern, die sich mit den Kleinsten beschäftigen: Die Stimmung ist locker und gelöst. Frisch, fröhlich, frei - typisch Turnen eben. Typisch Turnen? Dieter Koch fällt das andere Motto ein: "Turner, auf zum Streite - da muß wohl was dran sein."

          Denn im Deutschen Turnerbund (DTB), Sparte Kunstturnen der Frauen, herrscht derzeit eine frostige Atmosphäre - wieder einmal. Konkret abzulesen waren die Differenzen an der Nominierung des Trainerteams für die Europameisterschaften am kommenden Wochenende. Petra Nissinen, die Teamchefin des DTB, hatte sich Shanna Poljakowa und Peter Brüggemann zur Seite geholt, wie schon zur WM im vergangenen Jahr in Anaheim. Die gebürtige Weißrussin und der Professor an der Deutschen Sporthochschule arbeiten als Trainer in Köln. In Bergisch Gladbach sind Dieter und Ulla Koch zu Hause - und auch sie nahmen einen dieser Plätze in der Reisegesellschaft nach Amsterdam für sich in Anspruch. Offenbar sah sich deshalb DTB-Präsident Rainer Brechtken zu einem Machtwort veranlaßt: In den Niederlanden werden die Turnerinnen nun von der Damenriege Nissinen, Poljakowa, Koch betreut.

          Nur 35 Kilometer beträgt die Fahrt von der einen Halle in die andere des nominell gemeinsamen Stützpunkts Bergisch Gladbach/Köln - doch der kurze Weg scheint unüberbrückbar. Die Geschichte ist verzwickt und selbst von den handelnden Personen nicht so ganz zu durchschauen. "Atmosphärische Störungen", sagt der Sportdirektor des Deutschen Turnerbundes, Wolfgang Willam. "Nichts Greifbares" sieht Petra Nissinen. "Ich kann nicht sagen, woran es liegt", meint achselzuckend Peter Brüggemann. "So schlimm ist es doch gar nicht", erklärt Dieter Koch. Doch beim Zusammentreffen der Protagonisten beider Zentren herrschen Spannungen, die sogar Unbeteiligten Unbehagen bereiten. Ohne sich auch nur eines Blickes zu würdigen, ohne ein Wort zu wechseln, sich den Rücken zuwendend gehen Turnerinnen und Trainer aneinander vorbei - zuletzt zu beobachten bei einem Testwettkampf in Frankfurt. "Das war der negative Höhepunkt", sagt Lisa Brüggemann, derzeit beste deutsche Turnerin und Tochter des Kölner Trainers. Weil der Sprecherin der Nationalmannschaft die Situation "extrem zu schaffen machte", sprach sie sich mit ihren Kolleginnen vom Bergisch Gladbacher Stützpunkt, mit Yvonne Musik, vor allem aber mit Birgit Schweigert aus. "Immerhin trainieren wir seit fünf Jahren zusammen, ich dachte, wir hätten eine Freundschaft."

          An der 22jährigen Birgit Schweigert, in Bergisch Gladbach geboren und dort für das Turnen entdeckt, läßt sich ein Grund für die Spannungen festmachen. Sie hat schon mehrmals die Fronten gewechselt. 1998 ging sie nach Ärger in Bergisch Gladbach zu Shanna Poljakowa und Brüggemann nach Köln - Ende vergangenen Jahres wieder zurück. Diesmal bekamen die Kölner zum Abschied einen Brief ohne Anrede und Unterschrift und können sich keinen Reim darauf machen. Birgit Schweigert, die in England studiert, gibt "Differenzen der Kölner Trainer mit meinem Londoner Trainer" als Grund an, Dieter Koch stimmt in die Klage ein: "Es hat an der Abstimmung gefehlt." Die Kölner wollen davon nichts wissen, Shanna Poljakowa habe mit ihrem Landsmann Wladimir Aksenow regelmäßig telefoniert. Und die Behauptung Kochs, der Russe sei bei einem Training in der Kölner Halle auf die Tribüne verbannt worden, nennt Lisa Brüggemann "die Unwahrheit".

          Empfindlichkeiten hüben wie drüben beherrschen das Bild. "Ich bin sicher nicht pflegeleicht", sagt Koch von sich. Sein Vertrag als Teamchef wurde im Jahr 2000 nicht verlängert, weil er nach dem schwachen Abschneiden bei der Weltmeisterschaft in China die deutschen Turnerinnen in der Öffentlichkeit bloßgestellt hatte. Dieter Koch und seine Frau Ulla, im DTB-Lenkungsstab für den Nachwuchs zuständig, waren als Heimtrainer in den vergangenen Jahren stets mit Akkreditierung bei den großen Meisterschaften dabei. Diesmal habe sich die Teamchefin nicht an die Absprachen gehalten, moniert Koch. Er sagt: "Peter Brüggemann und ich, das geht nicht, und Shanna Poljakowa und ich, das wollten die Kölner nicht." Petra Nissinen sieht das ganz anders: Die Zusage des DTB habe für das eingespielte Team von Anaheim gegolten. Sie sieht keine fachliche Begründung, nun Ulla Koch einzubinden, und will ihre Konsequenzen daraus ziehen: "Es besteht keine Vertrauensbasis mehr", sagt sie. Ende des Jahres läuft ihr Vertrag aus - es klingt nicht so, als ob sie noch so lange daran festhalten wollte.

          Auch für Dieter Koch hat die ganze Angelegenheit ungewohnte Folgen - wenngleich die wohl leichter zu verkraften sind: "Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren muß ich mir eine Eintrittskarte kaufen."

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