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Eishockey : Krefelder Schreckens-Szenario

  • -Aktualisiert am

Auch das Maskottchen wirkt derzeit etwas traurig: Die Zukunft der Krefeld Pinguine ist derzeit ungewiss. Bild: Picture-Alliance

Der russische Gesellschafter Ponomarew soll den Pinguinen viel Geld schulden. Er sieht es genau anders herum. Gibt es bald kein Erstliga-Eishockey mehr in Krefeld?

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          Matthias Roos muss dieser Tage unangenehme Gespräche führen. Mit Sponsoren, mit den Mitarbeitern der Geschäftsstelle, mit der Mannschaft. Sie alle wollen wissen, wie es weitergeht bei den Krefeld Pinguinen. Denn bei dem Klub aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) geht es um die Existenz, wie Geschäftsführer Roos offen sagt. Weil Gesellschafter Michail Ponomarew seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkomme. Der russische Geschäftsmann soll mit einem hohen sechsstelligen Betrag im Rückstand sein. Vor knapp zwei Wochen forderte Roos Ponomarew öffentlich auf, endlich zu zahlen, dessen Verhalten sei „respektlos und an Unzuverlässigkeit kaum mehr zu überbieten“.

          Ponomarew selbst weilte damals im Ausland. Erst diese Woche stellte er den Sachverhalt gegenüber dem WDR komplett anders dar: Nicht er schulde den Pinguinen Geld, sondern die Pinguine ihm. Weil er dem KEV vor einiger Zeit ein Darlehen gegeben habe, das nun fällig werde. Darüber hinaus habe er sich gegenüber dem Verein zu nichts verpflichtet. Dem Verein übrigens, dem er gleich noch vorwarf, sich bei der Liga unter Angabe falscher Zahlen die Lizenz für die neue Saison ergaunert zu haben.

          Theater zur Unzeit

          Die Pinguine wiesen das vor ihrem Spiel an diesem Freitagabend bei den Berliner Eisbären (19:30 Uhr) zurück und bezichtigten Ponomarew in einer Stellungnahme der Lüge. Auch DEL-Chef Gernot Tripcke verneinte die Version des Russen am Mittwoch auf Nachfrage: „Es gibt keine Anhaltspunkte für die Wahrheit der Aussage.“

          Für die DEL kommt das Theater dennoch zur Unzeit. Durch die Erfolge der Nationalmannschaft wie das Olympiasilber 2018, von deutschen Stars in Übersee wie Leon Draisaitl oder DEL-Klubs wie Red Bull München, der es im Februar ins Europapokalfinale schaffte, wähnt sich das deutsche Eishockey im Aufwind. Doch nun muss sich die DEL wieder mit dem Ruf der „Pleite-Liga“ auseinandersetzen. Dabei war die Zeit der Insolvenzen eigentlich vorbei. In Krefeld könnte es aber dazu kommen. Die Oktober-Gehälter seien gezahlt worden, aber spätestens im Dezember könnte es eng werden, sagt Roos. Die Lösung wird wohl sein, dass Wolfgang Schulz mal wieder einspringt. „Es gibt Gespräche mit Herrn Schulz, dass seine Zahlungen für Januar und Februar vorgezogen werden, das gibt uns Spielraum, aber hilft uns mit Blick auf die gesamte Saison nicht weiter“, sagt Roos.

          Anteile zum Verkauf

          Ebenjener Wolfgang Schulz ist seit Jahrzehnten der erste Mann im Krefelder Eishockey. Der Gesellschafter, der 48 Prozent am Klub hält, war nicht nur lange Zeit Sponsor, er glich auch stets das Minus in der Jahresbilanz durch sein Privatkonto aus. Schulz hat allerdings mehrfach angekündigt, sich bald zurückzuziehen, und sucht finanzkräftige Nachfolger. Den schien er vergangenes Jahr in Ponomarew gefunden zu haben, der beim Krefelder Fußballklub KFC Uerdingen die Fäden zieht und ihn von der fünften in die dritte Liga führte.

          Die Eishockey-Szene hatte Schulz dennoch gewarnt, weil Ponomarew zuvor bei der Düsseldorfer EG war und dort viel versprochen, aber wenig gehalten hatte. Über das Trikotsponsoring zwischen seiner Firma und der DEG gab es nicht mal einen Vertrag. Also zahlte er nicht den vollen Betrag. Bis heute. Auch andere Zusagen soll er nicht eingehalten haben. In Krefeld läuft es nun ähnlich. Auch hier gibt es laut Ponomarew keine schriftlichen Verpflichtungen. Roos sieht das anders. Es gäbe zwar keinen klassischen Vertrag, „aber Protokolle, E-Mails und SMS-Nachrichten, ich fühle mich ziemlich sicher“. Das offensive Auftreten des Geschäftsführers liegt an Schulz, der so genervt von Ponomarew ist, dass er keine andere Möglichkeit sieht, als die Öffentlichkeit über die Machtspielchen zu informieren und den Druck zu erhöhen. Schulz steckt in einem Dilemma: Er will die Zukunft seines Herzensvereins sichern, doch kein denkbares Modell scheint ihm das zu garantieren. Springt er nicht abermals ein, gälte er als der Totengräber des Klubs, der jahrelang nur durch ihn überlebte.

          Kauft er Ponomarew dessen Anteile wieder ab, ginge der als Sieger aus dem Streit hervor. Zwar wäre der russische Geschäftsmann dazu bereit, aber wohl für mehr als die angeblichen 350.000 Euro, die er dafür zahlte. Investor  Ponomarew hat nun verkündet, seine seine Anteile am Klub abstoßen zu wollen. „Ich versuche meine Anteile an den Krefeld Pinguinen zu verkaufen und bin guter Dinge, dass es noch in dieser Woche Fortschritte geben wird“, sagte der russische Geschäftsmann am Donnerstag am Rande der Vorstellung von Manager Stefan Effenberg bei Fußball-Drittligaklub KFC Uerdingen, bei dem Ponomarev ebenfalls Gesellschafter ist.

          Schulz will indes künftig eher weniger als mehr im Verein machen. Die dritte Möglichkeit wäre, dass Schulz seine Anteile an Ponomarew verkauft, in der Hoffnung, dass der Russe als dann alleiniger Chef so investiert wie im Fußball. Doch dann könnte der Russe den Klub mitsamt der DEL-Lizenz an einen Bewerber aus der zweiten Liga verkaufen – ebenfalls mit kräftigem Gewinn. Auch dann gäbe es bald kein Erstliga-Eishockey mehr in Krefeld. Ein Szenario, das immer wahrscheinlicher wird.

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