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Kommentar zur Schwimm-WM : Bitte wenden

Hochmut kommt vor dem nächsten Startsprung: Chad Le Clos muss sich für Michael Phelps wappnen Bild: AP

Vermarktung um jeden Preis: Der Internationale Schwimmverband Fina macht seinen Sport zum Rummelplatz abstoßender Absonderlichkeiten. Besonders krass ist das Versagen beim Kampf gegen Doping.

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          Wie spannend es wird im Schwimmen im kommenden Jahr? Sehr. Eine wesentliche Komponente lässt sich in neun Ziffern komprimieren: 50,45. 1:52,94. So schnell war Michael Phelps bei den amerikanischen Meisterschaften in San Antonio über 100 und 200 Meter Schmetterling, während in Kasan der Südafrikaner Chad Le Clos über 100 Meter und der Ungar Laszlo Cseh über die doppelte Distanz Weltmeister wurden. Beide waren langsamer als Phelps, deutlich langsamer: Le Clos 11 Hundertstelsekunden, Cseh über eine halbe Sekunde.

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          In einem Jahr, bei den Olympischen in Rio, werden sie aufeinandertreffen: Phelps gegen seine Herausforderer. Der erfolgreichste Athlet der Olympia-Historie, der Schwimmer, für den das Karrieredrehbuch – ähnlich wie bei der 18-jährigen Katie Ledecky, die in Kasan zu fünf Titeln kraulte – vorsieht, dass keine Grenzen vorgesehen sind, gegen Le Clos, zum Beispiel. Der klopfte schon in Kasan Sprüche. Er freue sich auf das Duell mit Phelps, weil der seit Jahren langsamer sei. Dann sprang der Amerikaner in Texas ins Wasser – und zeigte, warum der Internationale Schwimmverband Fina ihn unbedingt per Wildcard nach Kasan locken wollte, obwohl er vom amerikanischen Verband nach einer Alkoholfahrt gesperrt war.

          Die Skrupellosigkeit der Fina

          Der Fina, geführt vom demnächst 80-jährigen Julio Cesar Maglione, dem Präsidenten aus Uruguay, und seinem rumänischen Generalsekretär Cornel Marculescu, geht es um die Vermarktung ihres Sports, offenkundig um jeden Preis. Dazu gehört nicht nur die von Phelps ausgeschlagene Einladung. In ihrem Sport dürfen nationale Schwimmverbände zehnjährige Mädchen nach Tatarstan schicken und der Weltöffentlichkeit vorführen, damit mit der Anzahl der teilnehmenden Nationen geprotzt werden kann.

          In ihrem Sport werden Doping-Sperren so geschickt verkürzt, dass neben anderen Sun Yang und Julija Jefimowa in Kasan starten und Weltmeister werden durften. Die angebliche Zahl der Doping-Kontrollen in Kasan wird einfach mal aus der Luft gegriffen, von Marculescu verdreifacht, als wären solche Phantastereien nicht mehr als ein Stammtisch-Witzchen im Anglerverein. Für ihn  sind die Fälle Yang und Jefimowa  „kleinere Unfälle“. Kurzum: Dieser Weltverband lässt seine WM und seinen Sport zum Rummelplatz für Absonderlichkeiten verkommen. Die meisten davon sind, nüchtern betrachtet, abstoßend. Am drängendsten erscheint die Aufklärung des virulenten Doping-Problems. „Die Schwimmer sind unter enormem Druck, weil sie wissen, dass Konkurrenten dopen. Sie wissen, dass mit Mikrodosierungen gearbeitet wird, nachts gedopt wird. Dass am nächsten Tag nichts mehr nachweisbar ist. Jeder weiß, dass das alles passiert“, sagte John Leonard, der Chef der Weltvereinigung der Schwimmtrainer, der F.A.Z.

          Chef-Bundestrainer Lambertz fällt beim Thema Doping der Vergleich von Stöcken und Macheten ein. Und Franziska van Almsick sagt in der ARD: „Die Fina hat auf ganzer Linie versagt. (. . .) Mit der Fina ist der richtige Kampf gegen Doping einfach nicht möglich.“ Neun, inklusive der Mixed-Staffeln sogar zwölf Weltrekorde wurden in Kasan geschwommen. Welcher ist über Zweifel erhaben? Die russischen Gastgeber aber verkaufen ihre WM als riesigen Erfolg. Die Fina sieht sich bestätigt: Weiter so, auf nach Rio, Phelps wartet. Dabei braucht das Schwimmen, mehr noch als manch anderer Sport, eine Wende. Und zwar eine schnelle.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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