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Kommentar : Sport ist mehr als nur Unterhaltung

  • -Aktualisiert am

Das bekannte Radrennen am 1. Mai in Frankfurt wurde abgesagt Bild: dpa

Die Entscheidung, das Radrennen in Frankfurt nach dem wohl geplanten Attentat abzusagen, ist vernünftig. Davon abgesehen muss es das Ziel der Politik sein, Sportveranstaltungen mit aller Macht zu schützen.

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          Ein Attentat auf eine Sportveranstaltung? Das erscheint auf den ersten Blick noch irrer als Angriffe auf die Symbole verhasster Staaten. Vielleicht ist es deshalb so selten vorgekommen in den vergangenen Jahrzehnten. Der Angriff auf das Olympische Dorf in München 1972, auf die heiteren Spiele, wo Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ Mitglieder der israelischen Mannschaft erschossen und Geiseln nahmen, die Bombenexplosionen während der Sommerspiele in Atlanta 1996 und 2013 beim Boston-Marathons haben wie alle anderen nichts als Wut, Trauer und Elend erzeugt.

          Aber auch Abscheu bei denen, die eigentlich zu Sympathisanten selbst mörderischer Extremisten gezählt werden. Denn der Sport, zumindest das Fußballspiel, der Sprint, das Radrennen gilt als politikfreier Raum, insofern er nicht zu Propagandazwecken missbraucht wird. Dort trifft sich mehr oder weniger die gesamte Gesellschaft, um sich unterhalten und mitreißen zu lassen. Und erlebt, geht es regelgerecht zu, dass der Erfolg allein von Talent und Fleiß der Athleten abhängt; nicht von der Herkunft, der Hautfarbe, vom Glauben oder vom Reichtum.

          Das funktioniert ganz gut, von der Kreisklasse bis in die Weltspitze. Die Bedeutung des Sports, seiner Veranstaltungen, könnte weiter  wachsen, weil es kaum noch Gelegenheiten im öffentlichen Leben gibt, bei denen so viele höchst unterschiedliche Menschen zusammenfinden und Sitzplatz an Sitzplatz, Schulter an Schulter, einer gemeinsame Leidenschaft frönen. Man muss diese Erkenntnis nicht überhöhen und gleich vom Sport als das Völkerverständigungsmittel schlechthin sprechen. Dazu gibt es zu viele feindselige Auseinandersetzungen in den kleinen wie großen Arenen.

          Aber allein über ein einziges Ereignis des Sports wie etwa das 7:1 der Deutschen gegen Brasilien während der WM 2014 kommen Menschen in aller Welt ins Gespräch, nähern sich einander an. Das kann der erste Schritt auf dem Weg zum gegenseitigen Verständnis sein, zu einem Nebeneinander. Genau das aber wollen die angeblichen Glaubenskrieger verhindern und gewaltsam die Unterscheidung von aus ihrer Sicht Gläubigen und Ungläubigen durchsetzen.

          Wer also Sportveranstaltungen angreift, wie es vermutlich das in Oberursel festgenommene Ehepaar beabsichtigte, zerstört eine potentielle Keimzelle des Zusammenwachsens. Dagegen muss sich die Gesellschaft wehren. Im Fall des bekannten Radrennens am 1. Mai hatte das Landeskriminalamt allerdings keine andere Wahl, als es alle Wettbewerbe absagte. Die vielen Zuschauer, die Profis, die rund 5000 Amateurfahrer, die sich auf der Profistrecke in den Taunus aufmachen wollten, alle Beteiligten konnten nicht geschützt werden. Keine Polizei der Welt ist in der Lage, innerhalb eines Tages eine Strecke von mehr als 100 Kilometern zu sichern. Zumal offenbar nicht klar war, ob es Komplizen gibt.

          Von solchen vernünftigen Entscheidungen abgesehen muss es das Ziel der Politik sein, Sportveranstaltungen mit aller Macht zu schützen. Denn sie bieten mehr als Unterhaltung. Die Politiker stünden dabei nicht alleine. Das deutete sich am Donnerstagabend an. Spontan entschied sich ein Gruppe Amateurfahrer am Freitag aufs Rad zu steigen und demonstrativ in den Taunus zu fahren. Über ihren Sport entdeckten diese Hobbyradler eine zweite Gemeinsamkeit: Nämlich symbolisch Widerstand zu leisten, wenn der Frieden weggebombt werden soll.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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