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Kommentar : Schamloser Mime

Mitläufer und Leugner: Ingo Steuer Bild: WDR/Max Kohr

Ingo Steuer hat als IM der Stasi Sportlern geschadet. Nun spielt der Eiskunstlauftrainer das Unschuldslamm. Daß er den Schreibtischtätern des Mielke-Imperiums ihre Rechtfertigung verschaffte, will Steuer nicht wahrhaben.

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          Ingo Steuer ist ein Mitläufer. Das paßt ja prima zum Beruf: Ein Eiskunstläufer als Stasi-Spitzel von untergeordneter Bedeutung. Leider ist Herr Steuer nicht nur auf dem Eis mächtig gesprungen. Nein, er hat sich auch gestreckt und gereckt für die Firma. Das ist nun seit zwei Monaten bekannt. IM Torsten hat Menschen nach allen Regeln der Kunst denunziert.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Trotzdem durfte Steuer in einem Interview der „Bild“-Zeitung den Verfolgten mimen, fühlte sich behandelt wie „ein Mörder“: Der Täter als Opfer einer medialen Hexenjagd. Diese Strategie versuchte Steuer am Dienstag abend in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ fortzuspinnen. Irgendwie, man mochte es kaum glauben, ist dies dem Mann mit mehr als 80 dokumentierten konspirativen Berichten über Bekannte und Kollegen gelungen. Und das im Kreise lauter Stasi-Experten. Aber Vera Lengsfeld, einst von ihrem Mann verraten, hatte keine Ahnung vom Einzelfall Steuer. Peter-Michael Diestel, der letzte Innenminister der DDR, ist eine Art Stasi-Anwalt, der Historiker Wolfgang Leonhard träumt vom Fang der großen Fische und nicht von der Enttarnung irgendeines Eiskunstläufers: „So ein Quatsch.“ Da blieb nur noch die Thüringer Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, die couragierte Hildigund Neubert. Aber - leider - hatte die Dame die Akte Steuer nicht gelesen, sondern nur die Zeitung.

          Maischberger wurde ihrer Rolle nicht gerecht

          Dabei reichte schon die tägliche Lektüre. Frau Maischberger hätte die Verfolgungstheorie von Herrn Steuer, den Verdacht, Neid habe ihn zur Strecke gebracht, mit einem Satz entkräften können. Hier die Auflösung: Steuers Spitzelei ist im Rahmen einer vor Winterspielen üblichen Überprüfung durch das Nationale Olympische Komitee bekanntgeworden. Stasi-Leute sollen eben nicht mit Steuergeldern zu Olympischen Spielen geschickt werden. Zumindest nicht solche, die Schuld auf sich geladen haben.

          Schuld? Davon kann in seinem Fall keine Rede sein, sagte Steuer Frau Maischberger und präziser der „Bild“: „Ich habe nie jemanden in Schwierigkeiten gebracht. Das schwöre ich. Ich habe Lappalien aufgeschrieben.“ Sicher. Lappalien wie die Information des 22jährigen Sportfreaks über den möglichen Fluchtversuch einer ehemaligen Eiskunstläuferin: „Es besteht jedoch die Möglichkeit, daß sie nach Frankreich gehen will, zu einem französischen Eiskunstlauftrainer, zu welchem sie bereits am 7. 4. 1989 während des ISU-Schaulaufens in Karl-Marx-Stadt intimen Kontakt hatte.“ Steuer beobachtete laut Stasi auch eine Sportlerin, die in den Wohnwagen eines Artisten von „Holiday on Ice“ stieg, „um zu ficken“. Ja, alles nur Lappalien.

          Der „übelste Fall“

          Daß die Affäre Steuer von der Stasi-Kommission des deutschen Sports als „übelster Fall“ ihrer zehnjährigen Beratungszeit eingeschätzt wird, macht den Schnüffler nicht zum Stasi-General. Aber Typen wie Steuer haben den Schreibtischtätern des Mielke-Imperiums die Rechtfertigung verschafft. Ohne diese treuen, zuverlässigen IM hätte die Anhäufung von Herrschaftswissen als Basis für die Schläge des brutalen Schwertes der Partei nie funktionieren können. Dabei war die freiwillige Beteiligung von größter Bedeutung. Wer sich weigerte, oder wer sich nach der Werbung ekelte, Freunde und Bekannte auf schamloseste Weise auszuliefern, hatte in der Regel keine Bestrafung zu fürchten.

          Bis heute hat die Wahrheit den meisten IM im Sport kaum geschadet. Selbst Steuer ist nicht viel passiert: Die Bundeswehr hat ihn ein halbes Jahr vor Ablauf des Vertrages entlassen. Das NOK mußte ihn per Gerichtsbeschluß doch zu Olympia mitnehmen. Die Eislauf-Union kümmert sich um eine privatfinanzierte Stellung. Und wenn das nicht klappt, wird Steuer im Ausland einen Job finden. Von einer solchen Zukunft haben manche verratene Republikflüchtlinge immer wieder geträumt. In einer Stasi-Zelle, dank der Mitläufer.

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