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Kommentar : Schach ist am Zug

Soll Schach zum Pflichtfach in der Grundschule werden? Bild: dpa

So konzentriert und facettenreich war Schach in Deutschland noch nie zu sehen: Erst der WM-Zweikampf in Bonn zwischen Anand und Kramnik. Dann die Olympiade in Dresden. Ein Randspiel ist seiner Randlage entrückt. Die Stellung ist aussichtsreich.

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          Zeitlich so konzentriert und inhaltlich derart facettenreich war Schach in Deutschland noch nie zu sehen: Erst der WM-Zweikampf in Bonn zwischen dem Inder Anand und dem Russen Kramnik. Dann die Olympiade in Dresden, um deren Trophäe mehr als 1500 Teilnehmer aus 152 Nationen in Vierermannschaften vor insgesamt 15.000 Zuschauern konkurrierten.

          Dass beide Großereignisse in Deutschland stattgefunden haben, ist gut für das Schach hierzulande. Ein Randspiel ist seiner Randlage entrückt, vielleicht sogar dauerhaft. Auch, weil Zeitungen selten so ausführlich darüber berichtet haben und überdies Partien im Internet live mitverfolgt und nachgespielt werden konnten. Insgesamt 52 Millionen Menschen rund um den Globus sollen im World Wide Web den Schachmeistern auf die Finger geschaut haben.

          Schach spielende Kinder können sich besser konzentrieren

          Das war gut so: Viel von der ängstigenden und Respekt einflößenden Unnahbarkeit der Schachspieler ist verlorengegangen und manches Vorurteil abgebaut worden. Auch Schachspieler, man glaubt es kaum, machen Fehler. Und ein Superhirn alleine reicht nicht, um ein Superspieler zu werden. Wer zur Weltklasse gehören will, muss wie in jeder anderen Sportart knallhart und dauerhaft dafür arbeiten. Alleine ist das nicht möglich. Deshalb beschäftigt jeder namhafte Großmeister ein professionelles Team, das Varianten analysiert und Züge ausdenkt, die der Chef dann am Brett spielt.

          Ob die tollen Schach-Wochen in Deutschland tatsächlich mehr Menschen animiert haben, selbst mal (wieder) zu den Figuren zu greifen, ist schwer einzuschätzen. Für einen Boom wie einst im Tennis oder in der Formel 1 fehlt vermutlich noch ein Meister aus Deutschland in der internationalen Spitzenklasse, einer, der als Siegertyp Zug um Zug das Interesse schürt. Immerhin versuchen die Vereine und Verbände, die Gunst des Rampenlichts zu nutzen.

          Schach ist mehr als eine Methode

          Die weitgehend unbekannte „Deutsche Schachstiftung“ hat vorgeschlagen, Schach zum Pflichtfach in der Grundschule zu machen. Begründung: Schach spielende Kinder könnten sich besser und länger konzentrieren und außerdem ein besseres Gedächtnis entwickeln als andere. Das ist sicher so. Dass offenbar auch viele Eltern den Nutzen des Schachs erkannt haben, belegt das schon seit längerem steigende Interesse an freiwilligen Schachspiel-Stunden in der Schule. Der Zuspruch ist so groß, dass sogar landes- und bundesweite Wettbewerbe für Schulschachspieler heute selbstverständlich wie regelmäßig sind.

          Schach zu instrumentalisieren, um die Leistung in anderen Unterrichtsfächern zu verbessern, ist nicht verwerflich. Daraus einen Zwang zu entwickeln, könnte allerdings die Motivation verringern. Denn Schach ist mehr als eine Methode. Schach ist zuallererst ein Denk-Spiel. Und dabei gilt, was auch für andere Sportarten gilt: Nur der spielt gut, der gerne spielt - ganz aus eigenem Antrieb. Die Stellung ist aussichtsreich.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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