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Kommentar : Notnagel im Weltmeisterland

  • -Aktualisiert am

Christian Zeitz in Schräglage: Kiel schwinden die Kräfte Bild: dpa

Der THW Kiel versucht, mit dem neu verpflichteten Andrej Tschepkin in das Finale der Champions League einzuziehen. Der Rekordmeister leidet unter einer dünnen Spielerdecke und geringem finanziellen Spielraum. Das Wirtschaften im deutschen Handball gleicht einem Drahtseilakt.

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          Solch einen Spieler sieht man lieber bei sich als beim Gegner: Andrej Tschepkin ist 205 Zentimeter lang und wiegt 124 Kilogramm. Der deutsche Handballmeister THW Kiel hat den Abwehrriesen drei Tage vor dem wichtigsten Spiel der Saison in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verpflichtet. Nach der schweren Verletzung von Kreisläufer Markus Ahlm brauchte der THW dringend Ersatz für das Rückspiel im Halbfinale der Champions League gegen Portland San Antonio an diesem Freitag.

          Zwei Tore Rückstand muss der THW aufholen. Das ist mit der Bestbesetzung schon schwer genug gegen die spanische Weltauswahl, doch dem Kieler Trainer Zvonimir Serdarusic standen am Dienstag beim Training nur sieben Feldspieler zur Verfügung, weil die Profis Ahlm, Jeppesen und Szilagyi ausfallen. Jetzt soll es ein 41 Jahre alter Ukrainer richten, der seine Laufbahn 2005 beim FC Barcelona beendete. Unter dem Motto „Oldies fürs Parkett“ hatte der THW sogar an die Altstars Staffan Olsson, Magnus Wislander und Volker Zerbe gedacht.

          Dünne Spielerdecke

          Was originell klingt, ist ein Alarmsignal für die Spitzenteams. Seit Jahren ist die Spielerdecke bei den Top-Klubs aus Flensburg und Kiel zu dünn, wenn es im Frühling in der Champions League drauf ankommt. Der hohen Belastung geschuldete Verletzungen und Krankheiten haben die zu kleinen Kader geschwächt.

          Zweiter deutscher Halbfinalist: Flensburg kämpft in der Champions League gegen Valladolid
          Zweiter deutscher Halbfinalist: Flensburg kämpft in der Champions League gegen Valladolid : Bild: dpa

          Die ebenfalls im Halbfinale stehende SG Flensburg hat die Zügel in der Bundesliga gezwungenermaßen schleifen lassen, um eine halbwegs frische Mannschaft für die Spiele gegen CBM Valladolid zusammenzubekommen. Angeschlagene Profis durften sich ausruhen. Resultat: drei Auswärtsniederlagen in der Liga nacheinander, Meisterschaft ade.

          Der Traum von 16 gleichwertigen Spielern

          Weder der Kieler noch der Flensburger Kader ist üppig genug, um in allen drei Wettbewerben bis zum Ende mithalten zu können. Für die enorme Belastung mit bis zu 100 Spielen pro Jahr müssten sich Topklubs 16 gleichwertige Spieler leisten. In Spanien bei Ciudad Real, Barcelona und San Antonio gelingt das. Dort stehen millionenschwere Unternehmer hinter den Klubs. Das Geld der Klubs im Norden hingegen reicht hinten und vorn nicht für diesen Kraftakt: Sechs Millionen Euro lässt sich der THW sein kleines, teures Team kosten, und doch hätte es eine Unterdeckung gegeben, wären nicht Pokalendrunde und Viertelfinale der Champions League erreicht worden.

          Während die Gehälter der Stars in Deutschland stetig steigen, weil sich viele Vereine um die wenigen Asse balgen, wachsen die Einnahmen kaum: Fernsehgelder sind lächerlich gering, die Marketing- und Sponsoringeinnahmen längst ausgereizt, die Hallen sowieso ausverkauft.

          Verfehlte Jugendarbeit rächt sich

          Das Wirtschaften ist für die deutschen Topvereine zum Drahtseilakt geworden. Wer zu wenig riskiert, wird die Champions League nie gewinnen, wer zu viel riskiert, stürzt ab - so wie jetzt der SC Magdeburg. Dessen inzwischen zurückgetretener Manager Bernd-Uwe Hildebrandt hat sich auf dem Weg zurück an die europäische Spitze total verhoben.

          Insofern handelt Kiel richtig: Bevor sich der Klub in den finanziellen Ruin stürzt, verzichtet er auf sportliche Triumphe. Doch das Modell Tschepkin kann keine Dauerlösung sein beim Kampf um den begehrtesten Titel im Vereinshandball. Es rächt sich bitter, dass der THW seit Jahren auf eine vernünftige Jugendarbeit verzichtet und keinen einzigen Nachwuchsspieler im Kader hat.

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