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Kommentar : Herzzerreißende Wahrheit

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Die BKA-Durchsuchung der Uni-Klinik Freiburg hat bewiesen, dass die Geständnisse des Frühjahrs nichts wert waren. Im Kampf gegen Doping muss der Sport künftig einen höheren Preis zahlen: mit der Kronzeugenregelung. Von Anno Hecker.

          Die Geständnisse des Frühjahrs sind nichts wert gewesen. Alle mehr oder weniger schöne Geschichten punktgenau bis zur Verjährungsgrenze erzählt, interessant, beeindruckend, zu Tränen rührend – aber ohne juristisch relevante Folgen, ohne großes Aufklärungspotential, gut berechnet und berechnend.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das ist das erste Ergebnis der Razzia von Freiburg. Ein gutes halbes Jahr hat es nämlich gedauert, bis die Staatsanwaltschaft erstmals dort zuschlagen durfte, wo Doper vermutlich ihr Doping betrieben haben. Wenn den verdächtigten Ärzten im Sommer vor lauter Manipulationsgeschichten nicht das Blut aus dem Hirn gesackt ist, dann werden sie wohl längst alle Indizien beiseite geräumt haben. Den Fahndern kann man das nicht vorwerfen. Den Teilzeit-Geständigen teilweise schon.

          Die Tür wird bis zum Anschlag geöffnet

          Nach dem Auftritt der Staatsgewalt in Freiburg stellt sich also wieder die Frage, wie man schneller zur ganzen Wahrheit vordringen kann. Die Welt-Anti-Doping-Agentur bietet in den nächsten Wochen eine Antwort an: Die Erweiterung der Kronzeugenregelung zum 1. Januar 2009. Sie ist so umfassend und konsequent, das jeder Delinquent angesichts der Aussichten ins Grübeln kommen wird.

          Ob Epo-Süchtiger oder Anabolika-Junkie, ob Betrüger oder Lügner, die internationale Sport öffnet seinen verlorenen Söhnen und Töchtern die Tür bis zum Anschlag. Wer Ross und Reiter nennt, wer Systeme aufdeckt und Zusammenhänge erklärt, kann mit diesen Informationen bis zu 75 Prozent seiner Strafe abbezahlen. Statt vier Jahren Sperre in extremen Fällen kommt es vielleicht nur zu einem, statt zu zwei Jahren nur zu sechs Monaten. Da schrumpfen ehedem existenzbedrohende Zwangspausen zu Übergangsphasen, praktische Berufsverbote zu Auszeiten, die kürzer sind als manche Rekonvaleszenz nach Verletzungen. Schon sitzt der Sünder wieder im Sattel.

          Große Enttäuschung

          Die Enttäuschung über eine solche Verhandlungsbereitschaft ist groß bei Sportlern und Ehemaligen, die sich als Liebhaber eine Karriere lang ohne pharmazeutische Beschleunigung ins Zeug legen und legten. Für eine saubere Sache, gegen schmutzige Geschäfte. Der frühere Ruder-Weltmeister Sebastian Thormann zum Beispiel erkämpft sich neben seiner Arbeit als engagierter Arzt in Luzern Freiräume, um ehrenamtlich in der Nationalen Anti-Doping-Agentur seine Vorstellung von Spitzensport umsetzen zu können.

          Deals mit den Skrupellosen gehören für ihn nicht dazu. Deshalb sagt ihm sein Sportler-Herz: „In diesem Ausmaß ist die Kronzeugenregelung eine Schande.“ Weiter oben kommt auch der Kopfmensch Thormann nicht um die Realität herum: „Man muss diesen Leuten entgegenkommen.“ Um voranzukommen. Der Preis dafür ist hoch. Der Sport hat keine Wahl.

          Im Kampf gegen Doping muss der Sport einen hohen Preis zahlen: mit der
          Kronzeugenregelung.

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