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Kommentar : Aufklärung ohne Tabus

  • -Aktualisiert am

Im Zwielicht: Stefan Schumacher Bild: AP

Zu früh aufgeatmet: Die skandalumwitterte Rad-WM ist noch lange nicht beendet. Stefan Schumacher ist nachträglich unter Dopingverdacht geraten. Der Bund Deutscher Radfahrer gibt abermals eine unglückliche Figur ab. Von Jörg Hahn.

          Zu früh aufgeatmet: Die skandalumwitterten Rad-Weltmeisterschaften sind noch lange nicht beendet. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) macht aus den Vorgängen um den Nürtinger Radprofi Stefan Schumacher einen „Fall“ – der Dritte des abschließenden Straßenrennens war in den Tagen vor dem Wettkampf wegen auffälliger Blutwerte ins Visier der Verbände geraten, dann aber als startberechtigt eingestuft worden –, indem er von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) einen Bericht zum Ablauf der Kontrolle Schumachers angefordert hat.

          Es ist ein Novum, dass der Dachverband sich in dieser Weise einschaltet – und womöglich ein Beleg dafür, dass der DOSB den Sportler noch längst nicht für exkulpiert hält. Tatsächlich hat der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) mit einer Erklärung zur Unschuld Schumachers am Tag nach der WM (!) mehr Fragen aufgeworfen als Aufklärung geleistet.

          Keine unabhängige Untersuchung?

          Bislang steht zweifelsfrei lediglich fest, dass die Nada nach einer nicht hasenreinen Trainingskontrolle von Schumacher ordnungsgemäß den BDR eingeschaltet hatte. Daran ist nichts auszusetzen. Das weitere Prozedere am WM-Schauplatz Stuttgart, für das dann der BDR und der Internationale Radsportverband (UCI) verantwortlich gewesen sind, wirkt widersprüchlich und intransparent. Der Verdacht drängt sich auf, dass es keine unabhängige Untersuchung gegeben hat, sondern dass von Anfang die Absicht bestand, die ohnehin schon schwer beschädigten Titelkämpfe nicht noch weiter zu belasten.

          Stefan Schumacher muss bewusst sein, dass der BDR ihn mit seltsamen Abläufen und einer fragwürdigen Verlautbarung nicht aus der Schusslinie genommen hat, im Gegenteil. Es wird längst munter spekuliert mit Zahlen von Hämoglobin, Hämatokrit, Retikulozyten und Stimulationsindex. Schumacher, und das ist dem BDR zuzuschreiben, scheint für manche schon überführt zu sein. Wenn dem Fahrer an seinem Ruf liegt und er als unbescholten gelten will, wenn er ein glaubwürdiger Protagonist für einen sauberen Radsport sein möchte, muss er bereit sein, seine persönlichen Ärzte von der Schweigepflicht zu entbinden, und zugleich darauf bestehen, dass sein Fachverband die ermittelten Blutwerte für eine neutrale Überprüfung freigibt.

          Nur dann wird sich die Behauptung einer körperlichen Anomalie als Folge einer Durchfallerkrankung bestätigen (oder widerlegen) lassen. Was wirkt wie ein anmaßender Angriff auf die Privat- oder gar Intimsphäre, ist für den Radsport der einzige Weg aus dem Dilemma. Die Sportart steckt, vorsichtig formuliert, so tief im Schlamassel, dass es vorerst keine Tabus und Grenzen bei der Wahrheitsfindung mehr geben kann.

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