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Turn-WM in Glasgow : Die Grazie des Herrn Uchimura

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Wo ist oben, wo unten? Bei der Performance von Kohei Uchimura weiß das niemand so genau Bild: AP

Wenn Kohei Uchimura turnt, hat es den Anschein völliger Mühelosigkeit. Bei der Turn-WM in Glasgow ist der Japaner der Star unter den Athleten.

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          Als Kohei Uchimura am Mittwochabend das Mannschaftsfinale der Weltmeisterschaft am Boden eröffnete und zu seiner Tsukahara-Diagonale ansetzte, da schauten alle hin, selbst seine Gegner. Als er sicher landete, gab es Szenenapplaus. Fast schien es, als mache sich in der Halle Erleichterung darüber breit, dass er, der bei diesem Teil in der Qualifikation arg gestürzt war, wieder souverän stand. Japan gewann zum ersten Mal seit 37 Jahren das Finale, und einmal mehr stand er im Mittelpunkt. Kohei Uchimura trat als Einziger seines Teams an allen Geräten an.

          Im Vorfeld hatte er erklärt, die Mannschaft sei ihm wichtiger als der mögliche Einzeltitel im Sechskampf. Was Kohei Uchimura seit seinem ersten Auftritt auf internationaler Bühne zeigt, hätte zuvor niemand für möglich gehalten. Seine Präzision und seine Beständigkeit sind in der Historie dieser Sportart beispiellos. Mit den Mehrkampftiteln 2009, 2010 und 2011 überholte er alle statistischen Vielfachsieger. An nahezu jedem Gerät vermag er besser zu sein als die gesamte Konkurrenz.

          Das Maß aller Dinge

          Im Teamfinale am Mittwoch war er der beste Turner am Barren und am Pauschenpferd, dem Spezialistengerät par excellence. Reckfinalist Andreas Bretschneider prognostiziert für den Sonntag: „Kohei hat die besten Karten.“ Seit er bei den Olympischen Spielen 2012 den Mehrkampftitel holte, gilt er als bester Turner der Historie, als Maß aller Dinge. Auch 2013 und 2014 wurde er souverän Weltmeister.

          Kohei begann als Dreijähriger an den Geräten zu spielen. Der Klub in der Nähe von Nagasaki gehörte seinen Eltern, selbst ehemalige Turner und seine ersten Trainer. Mutter Shuko sagte vor den Spielen in London, sie habe Kohei „vor allem den Geist und die Haltung eines Sportlers“ vermitteln wollen. Er sagt, als junger Turner sei er immer überall runtergefallen, habe nie fehlerfreie Übungen gezeigt - und lacht dabei leise. Die hohe Kunst des Turnens erlernte er nach dem Wechsel von Nagasaki ins nationale Trainingszentrum in Tokio.

          Wenn die Zeit scheinbar still steht: Uchimura an den Ringen Bilderstrecke
          Wenn die Zeit scheinbar still steht: Uchimura an den Ringen :

          Es gibt ein paar typische Kohei-Bewegungen. So führt er vor seinem Anlauf zum Sprung Arme und nach vorn ausgestreckte Hände in eine senkrechte Linie, als wolle er die Mitte des Geräts austarieren. Oder er nutzt die Zeit, bis das Startlicht aufblinkt, um die Übung im Geiste nochmals durchzugehen. Dann sieht man eine Schulter zucken, eine mit dem Kopf angedeutete Drehung, erkennt die Griffwechsel in den Handbewegungen. Am Mittwoch ballte er hie und da eine Faust nach seinen gelungenen Übungen, eher klein, zurückhaltend, und hüpfte dann lächelnd vom Podium, keine großen Gesten.

          Die Kunst von Kohei Uchimura liegt nicht in seinen Höchstschwierigkeiten. Die sind, nicht zuletzt in dieser Konstanz, schon erstaunlich genug, aber das Faszinierende ist etwas anderes. Er führt sie vor, als wären sie einfach, scheinbar ohne jede Anstrengung. Der Anschein von Mühelosigkeit, die sprezzatura, eine besondere Art der Grazie - darin besteht seine Kunst. Diese Grazie allerdings ist kein Kriterium der Wertungsvorschriften. Der Abstand zwischen ihm und dem Rest der Welt wäre, da sind sich Experten sicher, sonst in den letzten Jahren noch viel größer gewesen. Steve Butcher, Präsident des Technischen Komitees der Männer des Weltverbandes FIG, gab nach seinem Sieg im vergangenen Jahr zu, dass es den Kampfrichtern wohl manches Mal an Mut fehlt, die ganz hohen Noten zu ziehen. Hardy Fink, Direktor der Trainerausbildungen der FIG, sagt, man könne Videos von Uchimuras Übungen an jeder beliebigen Stelle anhalten: „Seine Körperpositionen sind immer perfekt.“

          Als Kohei Uchimura nach seinem vierten WM-Sieg 2013 den traditionell von einem Sponsor gestifteten „Preis für Eleganz“ erhielt, sagte er, er habe sich mehr darüber gefreut, dass die Schönheit seiner Darbietung geehrt wurde, als über das Gold. Überhaupt geht es Kohei Uchimura nach eigenen Aussagen nicht um Medaillen, sondern nur um die Perfektion, die er Übung für Übung anstrebt. Der Wettkampf sei der stete Versuch, sein bestes Training zu wiederholen. Geht es um die Frage großer Sportler, verweist er auf den Turner Witali Scherbo, sechfacher Goldmedaillengewinner von 1992, oder auf Usain Bolt. In Japan, in dem das Turnen der Männer eine ruhmreiche Tradition hat, ist Uchimura eine vielbeachtete Berühmtheit. Vor den Spielen in London setzte die nationale Fluggesellschaft sein Konterfei auf ihre Langstreckenflugzeuge.

          Als er mal sagte, er hasse Gemüse, liebe Schokolade und halte überhaupt nichts von Diäten, war die Aufregung riesig, weil er so vielen als Vorbild gilt. Auf die Frage, ob der Druck über die Jahre eher zunehme oder sich mit der Anzahl der Titel und Erfolge eine gewisse Gelassenheit einstellte, antwortete er am Mittwoch nach einer längeren Denkpause. „Eigentlich spüre ich überhaupt keinen Druck“, sagt er dann mit seiner tiefen Stimme, die so gar nicht zu dem schmalen Körper passen will. „Ich bedenke nur meine eigene Leistung, nicht die der anderen.“

          So auch am Mittwochabend. Alle Turner waren bereits fertig, als er ans Reck ging. Mitten in seiner Übung wurde die letzte Wertung für Großbritannien, den späteren Silbermedaillengewinner, angezeigt. Die Zuschauer begannen haltlos zu kreischen, und genau in diesem Moment verpasste Kohei Uchimura beim Cassina-Salto die Stange. Der Rest seiner Übung war makellos. „Ich hätte perfekt sein müssen am Reck, ich bin nicht zufrieden“, sagte er später. Das Gekreische in der Halle habe ihn nicht gestört. „Ich war ganz ruhig.“ Ganz ruhig wird er auch heute wieder antreten. Und nach Perfektion streben, nicht nach einer Medaille.

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