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European Championships : Der Versuch, die junge Sarah zu wecken

  • -Aktualisiert am

Große Medaillenhoffnung für Deutschland: Sarah Köhler. Bild: Imago

Schwimmerin Sarah Köhler will den hohen Erwartungen mit der Erinnerung an die frühere Unbeschwertheit begegnen. In Glasgow ist sie eine der großen Medaillenhoffnungen für Deutschland.

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          Wenn Sarah Köhler in sich hineinschaut, dann sieht sie die 16 Jahre junge Sarah, einen schüchternen Teenager, der mit einer beneidenswerten Leichtigkeit durch die Welt geht und sich „über nichts Gedanken macht“, wie Köhler es sagt. Jene Schwimmerin, die bei den Junioren-Europameisterschaften erstmals ein internationales Titelrennen bestritt. An diese Sarah also hält sich Köhler, wenn sie mal wieder auf ihre Titelchancen bei der EM in Glasgow angesprochen wird. „Ich sehe mich gar nicht als Weltklasse“, sagt sie dann. „Und das ist, glaube ich, auch gut so.“ Und doch: Für den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) hat sich die Langstreckenexpertin in wenigen Monaten zu einer der größten Medaillenhoffnungen gekrault. Die 24 Jahre alte Sarah Köhler ist also ganz plötzlich Leistungsträgerin. Plötzlich? Nicht ganz.

          Sarah Köhler hatte dem DSV schon bei den historisch schlechten Spielen von Rio de Janeiro 2016 eine von nur sieben Finalteilnahmen beschert, wurde Achte ebenfalls über 800 Meter Freistil, gehörte im Jahr darauf aber zu den Leidtragenden der harten Normen für die Weltmeisterschaften in Budapest. Zwar hatte sie die Norm bereits im April unterboten. Doch als dann der Qualifikationswettkampf vor der Tür stand, reichte es nicht für den Sprung ins Team, den ohnehin nur drei Schwimmer geschafft hatten. Ein Einzelfall, wie sich später herausstellen sollte.

          Hätte es damals schon den in diesem Jahr gültigen Qualifikationszeitraum gegeben – Köhler hätte sich auch für die Titelkämpfe in Ungarn qualifiziert. Und vielleicht hätte sie auch dort für einen der wenigen Lichtblicke gesorgt. „Ich habe schon ein paar Tage gebraucht, um durchzuatmen und das mal sacken zu lassen, dass ich die WM verpasst habe“, sagte Köhler später: „Aber im Endeffekt habe ich dann noch das Beste aus der Saison gemacht.“

          Eine Bestzeit fehlt noch

          Tatsächlich gewann sie wenige Wochen später bei der Universiade nicht nur zweimal Silber und einmal Gold und kürte sich damit zur erfolgreichsten Athletin der deutschen Studierenden-Nationalmannschaft. Sie schwamm bei ihrem Silberrennen über 1500 Meter Freistil zudem als erste Deutsche unter 16 Minuten, ein deutscher Rekord, den sie in diesem April auf 15:59,83 Minuten stellte. Über 400 Meter brach sie zudem den 18 Jahre alten deutschen Rekord von Anke Möhring, schlug nach 4:03,96 Minuten als Erste an. Möhring ist es auch, die jene Bestmarke hält, die die Langstreckenexpertin noch nicht knacken konnte: Diese 8:19,53 Minuten liegen genau eine Sekunde über Sarah Köhlers Bestzeit.

          Im vergangenen Dezember folgten dann Gold (800 Meter) und Silber (400 Meter) bei den Kurzbahn-Europameisterschaften in Kopenhagen, beides – natürlich – in deutschen Rekordzeiten. Danach fiel Köhler die Antwort auf die Frage, ob diese Erfolge die verpasste WM haben wettmachen können, sehr leicht: „Ja, ich bin super happy mit der Saison.“

          Und nun also, sieben Monate später, die große Chance auf den ersten Titel auf der prestigeträchtigeren Langbahn: Es wäre eine weitere EM-Medaille für den DSV, ein weiteres Positiverlebnis. Für das Finale über 800 Meter Freistil, das an diesem Samstag (18.00 Uhr in der ARD) ansteht, hat sich die topgesetzte Sarah Köhler nach 8:31,69 Minuten als Gesamtvierte empfohlen.

          Je näher das Rennen rückt, je größer die Aufmerksamkeit – desto schwerer fällt es Köhler, die junge Sarah hervorzurufen, das Gefühl der Unbeschwertheit aufrecht zu halten. Manchmal, sagt sie, neige sie einfach dazu, „in jede Faser meines Körpers rein zu hören“, sich zu viele negative Gedanken zu machen, „statt einfach mal auf meine Stärken zu vertrauen“. Zwar habe sie ihre Nerven durch die Erfahrung der vergangenen Monate besser im Griff, sagt sie. „Beim Vorlauf bin ich da schon recht abgestumpft. Aber vorm Finale wird die Aufregung sicher groß sein.“

          Sarah Köhler tut gut daran, sich nicht zu sicher zu sein. Weil die Russin Anna Egorowa am Freitagmorgen einen starken Schlussspurt gezeigt hat. Weil die Vorlaufschnellste Simona Quadarella aus Italien wohl noch nicht alle Karten aufgedeckt hat. Und dann ist da noch die weitgehend unbekannte Ajna Késely. Die Ungarin hat bei den Jugend-Europameisterschaften im vergangenen Jahr alle Freistiltitel gewonnen, die es von 200 bis 1500 Meter zu holen gab. Késely hat aber noch einen weiteren Trumpf im Ärmel: Sie ist tatsächlich 16 Jahre jung.

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