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Klitschko gegen Powetkin : Im Auftrag Putins

  • -Aktualisiert am

Für den TV-Trailer am Tisch: Klitschko und Powetkin, der seine nationalistische Einstellung auf seinen T-Shirts zur Schau trägt Bild: RTL

Alexander Powetkin boxt an diesem Samstag (21.30 Uhr) nicht nur um den Weltmeistertitel. Der Schwergewichtler soll gegen Wladimir Klitschko für seinen Präsidenten die Ehre Russlands mehren.

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          Ob Wladimir Putin im entscheidenden Moment den Daumen senken wird? Tu es, Alexander! Oder wird er die Halle unbemerkt durch den Hinterausgang verlassen? Du hast uns alle blamiert, Alexander! Boxer Alexander Powetkin soll an diesem Samstag (ab 20.15 Uhr live in RTL) im Auftrag seines Präsidenten die Ehre Russlands mehren.

          Dafür hat Putin tief in die Tasche gegriffen, so tief, dass er sogar den gleichermaßen im wie außerhalb des Rings so risikoscheuen Schwergewichts-Champion Wladimir Klitschko nach Moskau lockte. Putin will angeblich aus der ersten Reihe der Olimpijski-Arena miterleben, wie ein Landsmann zum ersten Mal den prestigeträchtigen Weltmeistertitel in der Königsklasse erobert, der ihn, nach den Worten des amerikanischen Schriftstellers Norman Mailer, zum „großen Zeh Gottes“ macht.

          Weltmeister eines Buchstabenverbandes durften sich schon vier Russen nennen, Powetkin selbst trägt den Gürtel der World Boxing Association (WBA). Wer aber Klitschko schlägt, den Champion dreier Verbände, ist die unumstrittene Nummer eins. Dafür zahlte der Oligarch und stellvertretende Präsident des russischen Boxverbandes, Andrej Ryabinsky, vor Monaten bei der Versteigerung des Kampfes in Panama-Stadt 23 Millionen Dollar – gleich 16 Millionen mehr als die Konkurrenz.

          Sicher ist eben sicher. Und dafür steuert Putin über das staatliche Mineralölunternehmen Rosneft, das als Sponsor des Kampfes auftritt, rund die Hälfte der Summe bei. Der Präsident ist in Spendierlaune, schließlich feiert er, der sich so gerne mit sportlichen Höhepunkten schmückt, am Montag seinen 61. Geburtstag. Eigentlich sollte auch der Kampf erst am präsidialen Geburtstagsabend stattfinden, aber da spielte das Fernsehen nicht mit. Sogar der mächtige amerikanische Bezahlsender HBO, der wegen mangelnder sportlicher Brisanz schon lange keinen Klitschko-Kampf mehr übertragen hat, geht live auf Sendung.

          Boxer von des Präsidenten Gnaden: Alexander Powetkin fortdert Wladimir Klitschko heraus
          Boxer von des Präsidenten Gnaden: Alexander Powetkin fortdert Wladimir Klitschko heraus : Bild: AP

          Putin wünschte sich den WM-Kampf nach Moskau, weil Powetkin nicht irgendeinen Weltmeister fordert, sondern einen aus der direkten Nachbarschaft – einen Ukrainer, der mittlerweile mehr Tage im Jahr beim einstigen Klassenfeind in Florida verbringt als in Kiew und dessen Bruder künftig zu seinem persönlichen Widersacher aufsteigen könnte. Witali Klitschko strebt das ukrainische Präsidentenamt an, er fordert die Loslösung vom Einfluss Moskaus und die Anbindung der Ukraine an den Westen.

          „Ich habe bereits die Möglichkeit gehabt, Putin zu treffen und mich mehrere Stunden mit ihm zu unterhalten. Er ist sehr sportbegeistert, er liebt Kampfsportarten“, sagt Wladimir Klitschko über den früheren Judokämpfer Putin. „Ich habe nichts dagegen, wenn er beim Kampf dabei ist.“ Putin wäre zumindest in präsidialer Gesellschaft: Auch sein berüchtigter Statthalter in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, wird in Moskau am Ring Platz nehmen.

          Held der nationalistischen russischen Rechten

          Ein Triumph über Klitschko wäre in mehrfacher Hinsicht historisch. Aber was, wenn das Projekt WM-Titel misslingt? Was, wenn Powetkin im Schlaghagel des Ukrainers untergeht? Dieses Szenario ist schließlich das wahrscheinlichste. Zwar ist Powetkin, Olympiasieger von 2004, bislang als Berufsboxer in 26 Kämpfen unbesiegt.

          Angst und Schrecken hat er in seiner mittlerweile acht Jahre währenden Profikarriere aber nicht verbreitet. Zudem spürt Powetkin den Druck, der auf ihm lastet. „Natürlich habe ich eine gewisse Verantwortung“, sagt der 34 Jahre alte Russe. Vor allem, da er sich als Vertreter des „wahren Russlands“ wähnt.

          Weltmeister und Herausforderer: Wladimir Klitschko und Alexander Powetkin treffen sich in Moskau
          Weltmeister und Herausforderer: Wladimir Klitschko und Alexander Powetkin treffen sich in Moskau : Bild: REUTERS

          Powetkin ist ein Held der nationalistischen russischen Rechten, welche die Ukraine noch immer als abtrünnige Provinz betrachtet. Mit einschlägigen Tätowierungen und T-Shirt-Motiven bedient Powetkin imperiale Gelüste seiner Anhängerschaft. Er trägt nicht nur Zaren und legendäre russische Feldherren auf dem Hemd – im Trainingslager in Kirgistan ließ sich der Boxer nun auch mit einem Kolowrat, einem russischen Hakenkreuz auf dem T-Shirt ablichten. Patriotismus ist das schon lange nicht mehr.

          Provokationen schon in der Pressekonferenz

          So passt es ins Bild, dass sich Titelverteidiger Klitschko bei der ersten Pressekonferenz zum „Machtkampf in Moskau“, so der Titel, mit dem Fernsehpartner RTL das Duell bewirbt, gleich eine Provokation gefallen lassen musste, die unter die Gürtellinie zielte. Ob denn das Gerücht stimme, dass er homosexuell sei, fragte ihn eine russische Journalistin im unschuldigsten Tonfall in Moskau – also dort, wo gleichgeschlechtliche „Propaganda“ dank Putin unter Strafe steht. Nein, das sei er nicht, antwortete Klitschko – und wenn doch, würde er es schon mitteilen.

          Boxen als Gesprächsthema? Wladimir Klitschko und Russlands Präsident Putin 2011 bei einem Martial Arts-Wettbewerb in Russland
          Boxen als Gesprächsthema? Wladimir Klitschko und Russlands Präsident Putin 2011 bei einem Martial Arts-Wettbewerb in Russland : Bild: dpa

          Klitschko, der Powetkin um zehn Zentimeter überragt, verlor seinen letzten Kampf vor mehr als neun Jahren. Aber fast so lange hatte er auch nicht mehr so wenig Kontrolle über einen Kampf. Für die Rekordbörse von 18 Millionen Dollar, die höchste seiner Laufbahn, begibt sich Klitschko in die Hände der russischen Veranstalter. Er, der bei seinen Kämpfen vom Austragungsort bis zur Vermarktung der Fernsehrechte alles selbst bestimmt, durfte nun nicht mitreden. So machte das Klitschko-Lager schon vor Wochen seine Furcht vor Manipulation öffentlich und drohte damit, den Kampf platzen zu lassen.

          „Mein Ruf ist mehr wert als diese Börse“, sagt Klitschko. Er wird dabei auch an einen Kampf im Mai gedacht haben. Powetkins Kumpel und Trainingspartner Denis Lebedew wurde in Moskau fürchterlich von Guillermo Jones aus Panama verprügelt und verlor seinen Weltmeistertitel im Cruisergewicht. Auch diesen Kampf hatte Baulöwe Ryabinsky mit seinem Geld nach Moskau geholt. Zwei Monate später kam Jones‘ Dopingprobe aus einem Moskauer Labor zurück – positiv.

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