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Klitschko gegen Chagaev : Eine Show – und 60.000 kommen

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Auf Haye folgt Chagaev: Wladimir Klitschko muss sich umstellen Bild: ddp

Das Interesse am Kampf zwischen Wladimir Klitschko und David Haye war nach den Provokationen des Briten groß. Nach dessen Verletzung tritt nun Ruslan Chagaev zum Spektakel an - das die Amerikaner gar nicht übertragen.

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          Ein Ukrainer boxt gegen einen Usbeken in Deutschland um eine Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Und 60.000 Menschen gehen hin. Bis vor kurzem war ein solcher Andrang unvorstellbar. Dabei könnten die Zuschauer auf den billigen Plätzen die Prügelszenen zwischen Wladimir Klitschko und Ruslan Chagaev am Samstag zu Hause vor dem Fernseher (RTL von 22 Uhr an) unentgeltlich und viel näher erleben als auf dem Video-Würfel und den zwei Großbildwänden in der Gelsenkirchener Fußball-Arena. Denn die Treffer im Ring – anders als Tore im Fußball – sind von den Rängen mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

          Die Zahl 60.000 ist nach der Schmeling-Ära eine neue Dimension im deutschen Boxen. Jeweils nur rund 30.000 Besucher sahen die ersten Weltmeisterschaften auf deutschem Boden überhaupt zwischen Harold Johnson und Gustav Scholz 1962 im Berliner Olympiastadion und Muhammad Ali gegen Karl Mildenberger 1966 im Frankfurter Waldstadion. Fernsehübertragungen gab es damals nicht. Der Titelkampf Axel Schulz gegen Michael Moorer 1996 im Dortmunder Westfalenstadion interessierte gerade mal 20 000 Besucher. Vor dem Fernseher aber hockten 11,8 Millionen Neugierige.

          Zwar sind Boxkämpfe der Klitschkos hierzulande mittlerweile „Events“ wie Popkonzerte, und Witali und Wladimir Klitschko genießen sozusagen als doppelter Max ungeheure Popularität. Dennoch ist der Nachkriegsrekord letztlich der blutrünstigen Provokation eines gewissen David Haye zu verdanken. Diese exzentrische Miniaturmischung aus großmäuligem Cassius Clay, primitivem Mike Tyson und karibischem Lennox Lewis hat das Open-Air-Spektakel inszeniert.

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          „So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben“

          Zunächst hatte der 28 Jahre alte Haye mit der Fotomontage eines geköpften Wladimir in einem britischen Fitness-Magazin die Klitschkos überhaupt auf sich aufmerksam gemacht. Ein ebenso cleverer wie geschmackloser Einfall. Zur Pressekonferenz im April war der abgetretene Champion des Cruisergewichts dann in einem schockierenden T-Shirt mit dem Abbild der abgeschlagenen Köpfe nun beider Klitschkos erschienen – das abscheulichste Ballyhoo seit dem Ausraster des Ohrbeißers Tyson, er werde „Lewis das Herz rausreißen und es ihm ins Maul stopfen“.

          Hayes grausam anzusehende Selbstdarstellung verfehlte ihren Sinn nicht: Im Nu waren 58.000 Karten für die Schalker Arena verkauft. Nach der verletzungsbedingten Absage des charismatischen Bösewichts muss das Publikum nun mit dem eher langweiligen Hepatitis-B-Antigen-Träger Chagaev vorliebnehmen. Mag die Propaganda, angeführt von Wladimir Klitschko, auch von einer sportlichen Aufwertung sprechen, für einen Kampf gegen Chagaev hätten die Veranstalter nie und nimmer die Schalker Arena als Schauplatz gewählt. Der amerikanische Bezahlsender HBO, die finanziell mächtigste Institution der Branche, verzichtet denn auch auf eine Übertragung. Die Begründung für die Absage: Keiner kenne den Ersatzmann. Ein unattraktiver Typ.

          Zur Pressekonferenz am vergangenen Montag kam Ruslan Chagaev im anthrazitfarbenen Politikeranzug, mit dunkler Krawatte und ausdrucksloser Miene daher wie der Botschafter Usbekistans. Nach dem „Schock von Helsinki“, der geplatzten WBA-WM gegen Nikolai Walujew wegen seiner Viruslast im Blut, hatte er die angebotene Rolle des Herausforderers von Wladimir Klitschko wie ein Geschenk des Himmels sofort angenommen. „So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben“, sagte Chagaev, dessen seltsamer Status als WBA-Weltmeister im Wartestand nach wie vor ungeklärt ist. Jedenfalls kommt es nach letztem Stand der Dinge zu keinem Vereinigungskampf. Der in Panama ansässige Weltverband WBA informierte den Usbeken Chagaev und seinen Promoter Klaus-Peter Kohl in der Nacht zum Samstag, dass der Fight gegen IBF/WBO-Weltmeister Klitschko wegen schwebender Verfahren nicht als Titelfight mitsanktioniert werde. „Es wird heute Abend nicht um den WBA-Gürtel von Ruslan Chagaev geboxt. Wir konzentrieren uns jetzt auf den Kampf gegen Wladimir Klitschko. Alles andere sehen wir danach“, sagte Klaus-Peter Kohl. Wie die WBA in einem kurzen Schreiben mitteilte, werde die Prüfung der Absage des WBA-Titelfights zwischen Chagaev und Nikolaj Walujew am 30. Mai in Helsinki sowie die Bearbeitung der Sonderanfrage (Special Request) zum Status von Ruslan Chagaev nicht vor dem 21. Juni abgeschlossen sein. Daher habe man eine Titelvereinigung im Schwergewicht nicht sanktioniert.

          „Erst danach beschäftigen wir uns wieder mit Walujew“

          Gegenüber den 2,13 Metern des schon einmal von ihm besiegten Riesen Walujew hat sich der Größenunterschied zwar von 28 auf 15 Zentimeter reduziert. Dennoch haben sich für den nur 1,85 Meter messenden Chagaev die Siegchancen nun verschlechtert. Statt mit einem schwerfälligen Bären wie Walujew bekommt er es jetzt mit einem aggressiven Tiger namens Klitschko zu tun. Dessen linke Pranke, im Boxjargon Führhand oder Jab genannt, zermürbt mit ihrer permanenten Wucht Rechtsausleger für den rechten Fangschlag. „Gegen Wladimir zu gewinnen wird verdammt schwer,“ sagt denn auch Chagaevs Manager Klaus-Peter Kohl.

          Konkurrent Wilfried Sauerland schmiedet derweil große Pläne mit seinen Russen: Wladimir Klitschko (IBF, WBO) gegen den Pflichtherausforderer Alexander Powetkin, Titelvereinigung Witali Klitschko (WBC) gegen Nikolai Walujew (WBA). RTL überträgt den einen, ARD den anderen Kampf. Bernd Bönte, Geschäftsführer der Klitschko Management Group, hat indes Walujew nach dessen Weigerung, gegen Klitschko einzuspringen, ins Wartezimmer verbannt.

          „Er soll erst einmal seine Pflichtverteidigung gegen John Ruiz erledigen. Witali wird im Herbst gegen einen anderen boxen. Erst danach beschäftigen wir uns wieder mit Walujew.“ Wie auch immer dieses Durcheinander einmal ausgeht: Den einzig wahren Champion als legitimen Nachfolger von Lennox Lewis wird es nicht geben. „Dazu“, verlangt der gerade in die Hall of Fame aufgenommene Brite, „müssten die Klitschkos gegeneinander kämpfen.“ Selbst im Boxen, wo vieles vorstellbar ist, eine reine Utopie.

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