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Klitschko besiegt Briggs : Grausames Lehrstück

  • -Aktualisiert am

Witali Klitschko dominierte den gesamten Kampf gegen Herausforderer Shannon Briggs Bild: dapd

Kein Mitleid mit dem Herausforderer: Der kollektive Mangel an Verantwortungsgefühl führt Schwergewichtsboxer Shannon Briggs direkt nach dem WM-Kampf gegen den siegreichen Witali Klitschko auf die Intensivstation.

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          Niemand hatte Mitleid mit Shannon Briggs während des Kampfes. Noch nicht einmal die eigene Ecke. Die Betreuer des Herausforderers schickten ihren Mann immer wieder in die Ringmitte, obwohl ihn dort nichts als die vernichtenden Schläge des Schwergewichts-Weltmeisters des Boxverbandes WBC erwarteten. Dass Witali Klitschko kein Erbarmen kannte und sich nach dem Kampf sogar noch ärgerte, dass sein Schlaghagel nur zu einem Punktsieg und nicht zu dem vom jauchzenden Publikum geforderten K.o. geführt hatte, kann man ihm schwerlich vorwerfen. Aber auch diejenigen, deren Geschäft nicht darin besteht, Briggs zu bekämpfen, übernahmen keine Verantwortung für den 38 Jahre alten Amerikaner.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Der Ringrichter nicht, der den Kampf jederzeit hätte abbrechen können, die Ringärzte nicht, die den Ringrichter dazu hätten auffordern können und das Management des Herausforderers auch nicht. In der Vorbesprechung hatten Briggs‘ Manager und Trainer noch ausdrücklich darum gebeten, ihren Kämpfer nicht zu früh zu stoppen, weil er auch in schwerer bis aussichtsloser Lage eine K.o.-Chance habe. Schließlich hatte Briggs seinen WM-Kampf gegen den Russen Ljachowitsch in der vorletzten (!) Sekunde durch K.o. gewonnen. Und so wurde die fünfte erfolgreiche Titelverteidigung von Witali Klitschko zu einem grausamen Lehrstück, wo im Berufsboxen die Prioritäten liegen und wie die Mechanismen funktionieren.

          „Schnelle Schläfrigkeit und Gleichgewichtsstörungen“

          Der kollektive Mangel an Verantwortungsgefühl führte Briggs direkt nach dem Kampf auf die Intensivstation der Uni-Klinik in Hamburg-Eppendorf. Im Ring noch hatte er mit fester Stimme ein Interview gegeben, in dem er seinen Peiniger einen besseren Boxer als George Foreman und Lennox Lewis nannte. In der Umkleidekabine stellte Ringarzt Stefan Bock dann eine „schnelle Schläfrigkeit und Gleichgewichtsstörungen“ beim Boxer fest und schickte ihn zu intensiveren neurologischen Untersuchungen ins Krankenhaus. In Eppendorf wurde nicht die befürchtete Gehirnblutung festgestellt, aber eine Gehirnerschütterung, sowie Knochenbrüche unter dem rechten und über dem linken Auge. Dazu ein Muskel- und ein Sehnenriss am linken Arm des Amerikaners.

          Briggs schwankte mehrfach, ging aber nie zu Boden

          Ringarzt Bock sagte, er habe sich ab der sechsten Runde um Briggs Sorgen gemacht. „Ich hätte mir gewünscht, der Ringrichter hätte mich oder meinen Kollegen gefragt, ob er den Kampf abbrechen soll. Ich hätte ja gesagt.“ Der Mediziner räumte allerdings ein, dass auch er die Möglichkeit gehabt hätte, auf den Ringrichter zuzugehen. „Wir können das beim Weltverband mit einer Roten oder Grünen Karte anzeigen.“ Er unterließ es, vorzupreschen. Bevor die Diagnose in Eppendorf gestellt wurde, sagte Bock: „Ich erwarte keine schweren Verletzungen. Aber die Langzeitfolgen sind schwer abzuschätzen. Es gibt ja noch ein Leben nach dem Boxsport, das soll er ja genießen können.“

          „Aus zwei Gründen habe ich nicht abgebrochen“

          Dieser Gedanke kam Bock spät, vielleicht zu spät, Ringrichter Ian John-Lewis gar nicht. „Aus zwei Gründen habe ich nicht abgebrochen. Erstens: Es war ein WM-Kampf. Er hat sich lange vorbereitet, war in ausgesprochen guter Form, da wollte ich Briggs die Chance nicht nehmen. Zweitens: Er hat immer wieder zurückgeschlagen, auch nach Phasen in denen er passiv die Schläge hinnahm“, sagte John-Lewis.

          Alles in allem sei Briggs - so der Ringrichter - aber nur ein, zwei Schläge von einem Abbruch entfernt gewesen. Dessen Ecke allerdings hätte ihn vor weiteren Schlägen bewahren können, sagte John-Lewis: „Nach der zehnten Runde habe ich den Betreuern von Briggs gesagt, dass ich den Kampf abbreche, wenn ihr Mann nicht zurückschlägt. Sie haben mich dafür beschimpft und beschworen, ihn weiterboxen zu lassen“, erzählte der 38 Jahre alte Engländer. Der frühere Profi wirkte bei seinen Erzählungen wie aufgedreht und unbelastet von jedem Selbstzweifel.

          Witali Klitschko: „Ich bin ein bisschen unzufrieden“

          Der Amerikaner Michael Buffer, seit vielen Jahren Ringsprecher, wendete sich mit Grausen ab: „Das war furchtbar, man hätte das Ganze stoppen müssen. Briggs wird nicht mehr derselbe sein, der er einmal war.“ Diesen Satz sagte auch - auf Deutsch - Klitschkos Trainer Fritz Sdunek. „Ich hätte an deren Stelle das Handtuch spätestens nach der zehnten Runde geworfen. Schon in der sechsten hat Briggs nur der Gong gerettet. Hätte diese Runde zehn Sekunden länger gedauert, wäre das besser für ihn gewesen, ihm wäre viel Prügel erspart geblieben.“

          Die 14.500 Boxsportfreunde in der ausverkauften Hamburger Arena genossen die Verlängerung, vermissten nur den K.o.-Schlag. Wie auch Witali Klitschko: „Ich bin ein bisschen unzufrieden“, sagte der 39 Jahre alte Ukrainer, der danach ausführlich seinen Herausforderer für dessen Mut lobte. Zynischerweise könnte Briggs die Fähigkeit, Schmerz zu ertragen, kurzfristig sogar einen Gewinn bringen. Falls er wieder kampffähig werden sollte, käme er nun als Gegner für Wladimir Klitschko in Frage. Auch der jüngere Bruder ist ständig auf der Suche nach Opfern, die sich nicht freiwillig in den Ringstaub werfen. Nach dieser blutigen Samstagnacht von Hamburg, mit Rekordquoten von bis zu 14 Millionen Fernsehzuschauern, wäre für und mit Briggs sicher ein gutes Geschäft zu machen.

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