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Wladimir und Vitali Klitschko : Aus Stein und Ton

  • -Aktualisiert am

Die Fäuste als Waffe: Wladimir Klitschko bekommt es am Samstag in Oberhausen mit dem Australier Will Leapai zu tun. Bild: picture alliance / Martin Huber

Die ukrainischen Boxer Vitali und Wladimir Klitschko sind zwei grundverschiedene Brüder. Der eine ist jetzt Politiker. Der andere steht am Samstag im Ring.

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          Wieder wird der große Bruder den Gegner fixieren wie die Schlange ihre Beute. Vitali Klitschko (42) wird in der Ringecke stehen und aufpassen, auf dass Wladimir (38) ja nichts passiert. Sein Beschützerinstinkt schlägt durch. Nach Lage der Dinge wird dem „Kleinen“ am kommenden Samstag, wenn er in Oberhausen gegen den in Tonga geborenen Australier Alex „Lionheart“ Leapai antritt, nichts passieren. Wladimir Klitschko, der aktuelle Schwergewichts-Weltmeister der Box-Verbände IBF, WBA und WBO, ist seit gut zehn Jahren ohne Niederlage, die letzte datiert vom 10. April 2004 gegen Lamon Brewster. Im Sport eine gefühlte Ewigkeit. Damals kursierten Verschwörungstheorien, weil Wladimir auf rätselhafte Weise schlappmachte. Zwei Blut- und Urinproben, die Klitschko nach dem Kampf in Las Vegas abgeben musste, verschwanden. Sein gesamtes Team inklusive Trainer Fritz Sdunek musste zum Lügendetektortest. Das FBI ermittelte. Ohne Ergebnis.

          Es war das letzte schmerzhafte Kapitel in der so lichten Karriere des Meisterboxers, die sich für jüngere Zeitgenossen so ausnimmt, als sei er unbesiegbar. Für die Boxszene ist die Ausgangslage lähmend. Der Fan murrt. Nur wer Boxen, zumal seine Königsklasse, als Event goutiert, wird auch in Oberhausen bereit sein, Preise zwischen 69 Euro im Oberrang und 999 Euro im Parterre inklusive Catering und After-Show-Party zu akzeptieren.

          Wie eine Stippvisite im Sanatorium

          In Deutschland ist das Interesse des Fernsehpublikums mit Einschaltquoten um die zehn Millionen stabil, der Rest der Welt registriert die Dominanz der Klitschko-Brüder eher gelangweilt. Da ist es, global gesehen, schon spannender, wie sich der Politiker Vitali schlägt, wenn es um Gegenwart und Zukunft der Ukraine geht. Blass und unrasiert, Jeans, Hemd, Kapuzenpulli, gefütterter Parka, schwere schwarze Stiefel, ein übernächtigter Mensch zwischen den Fronten der Polizei und der gewaltbereiten Demonstranten.

          Die winterlichen Bilder von ihm auf dem Majdan in Kiew waren nachhaltiger als die letzten Eindrücke vom Preisboxer Vitali Klitschko in Moskau. Im September 2012 stoppte er Herausforderer Manuel Charr, im Dezember 2013 wurde der Vorsitzende der prowestlichen Partei UDAR vom WBC zum Champion emeritus ernannt. Dieser Status erlaubt ein Comeback gegen den amtierenden Weltmeister, wann immer Vitali es passt. Es ist unrealistisch, weil er schon auf 42 Lebensjahre zurückblickt und das Leben eines Politikers nicht mit den Anforderungen an Form und Fitness auf einen Nenner zu bringen ist. Der Ausflug an den Ring in Oberhausen dürfte ihm vorkommen wie eine Stippvisite im Sanatorium.

          Politik - ein Kampf ohne Regeln

          In seinen 49 Ringschlachten hat Vitali Klitschko nur zweimal wegen Verletzungen gegen Chris Byrd und Lennox Lewis kapitulieren müssen. Die Politik dagegen hat ihm mehr Niederlagen als Siege beschert: Mit dem angestrebten Bürgermeisteramt in Kiew ist es nichts geworden, die Kandidatur um die Präsidentschaft der Ukraine hat er zugunsten des Oligarchen Petro Poroschenko zurückgezogen. Er ist ein Herausforderer geblieben.

          Als Boxer hat Vitali Klitschko, ein Kind der Sowjetunion, den Mythos des Erwählten, der durch Kraft, Disziplin und Härte an die Spitze steigt, beinahe vollkommen verkörpert. Aber im Kampf gegen Vetternwirtschaft und Korruption, gegen Gewalt als Mittel zum Zweck, für den demokratischen Machtwechsel im Parlament, ist er, aufgewachsen im festen Glauben an Lenin und Marx, an seine Grenzen gestoßen. Im Vergleich mit dem Boxen sei die Politik ein Kampf ohne Regeln - das Boxen ein Kinderspiel. Vitali Klitschko sagt das sichtlich bekümmert. Seine bombastisch verzierten Gürtel hat Klitschko mit Stehvermögen, Entschlossenheit, strategischem Denken, gebändigter physischer Präsenz erreicht. 87,25 Prozent seiner Gegner hat er durch K.o. bezwungen, es ist die zweithöchste Quote in der Geschichte des Profiboxens, knapp hinter Rocky Marciano (87,75). Ein russischer Trainer, der die ukrainischen Brüder als Amateure betreute, erinnert sich an einen „Vitali aus Stein und Wladimir aus Ton. Vitali war widerspenstig, Wladimir ließ sich formen. Er zerfiel aber auch schneller.“ Die Einschätzung bestätigte sich im Profilager. Bei seiner ersten Niederlage in Kiew gegen Ross Puritty (5. Dezember 1998), der zweiten gegen Corrie Sanders (8. März 2003) und der gegen Brewster.

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