https://www.faz.net/-gtl-78jxa

Kletterer Glowacz : „Wir schauen hinter den Horizont“

  • Aktualisiert am

So groß die Welt, so klein der Mensch: Stefan Glowacz Bild: Klaus Fengler

Früher hat Kletterer Stefan Glowacz sein Leben aufs Spiel gesetzt. Das findet er heute unbegreiflich, wie er im Interview verrät. Mittlerweile ist Glowacz 48 - und ein Abenteurer aus Leidenschaft.

          6 Min.

          Stefan Glowacz, 48, hat 1987, 1988 und 1992 das Rock Master gewonnen, die WM der Sportkletterer. Bis zu einem Trainingssturz 1990 pflegte der Bayer den Stil „Free Solo“, Felsklettern ohne jede Sicherung. 1993 beendete er seine Wettkampfkarriere und widmet sich seither dem Expeditionsbergsteigen, Wänden am Ende der Welt, bei denen schon das Erreichen des Kletterstartpunktes ein Abenteuer ist.

          Seit Donnerstag läuft sein Film „Jäger des Augenblicks“ in den Kinos, der die Expedition auf den Tafelberg Roraima (2723 Meter) in Venezuela dokumentiert. Glowacz hat sie mit Holger Heuber unternommen. Es war der zweite Versuch, beim ersten war noch Kurt Albert dabei, der zwischenzeitlich bei einem Absturz ums Leben kam.

          Herr Glowacz, was spricht dafür, den schwierigen Weg zu gehen, wenn es auch einen leichten gibt?

          Je größer der Widerstand, desto größer die Befriedigung. Mein Expeditionsstil besteht aus dem Abenteueraspekt und der sportlichen Herausforderung an der Wand. Da geht es um Ästhetik und um klettertechnisch höchste Schwierigkeiten.

          Welche Rolle spielt die Ästhetik?

          Klettern ist mit Kreativität und Schönheit verbunden. Ein schöner Berg ist wichtig, eine schöne Linie, die man in die Wand zeichnet. Ich könnte mich nicht für eine Wand begeistern, die nur ein riesiger Schotterhaufen ist. Es gibt ein Gebiet in Italien, das liegt an einer Müllkippe hinter der Autobahn, das hatte für eine gewisse Zeit die höchsten Schwierigkeiten. Mich hat es nie interessiert.

          Sie haben das Hinaufkommen durch das Hinkommen ergänzt. Warum?

          Heute ist alles möglich, es ist nur eine Frage der Finanzierung. Ich kann mich im Prinzip an jedem Ort der Erde absetzen und auch wieder abholen lassen, ich kann mich zu einer Wand in der Antarktis fliegen lassen, aber dann erlebe ich von der Antarktis bis auf die Kälte nicht viel. Wir sind deshalb von Feuerland in die Antarktis gesegelt, das ist eine andere Dimension. So definieren wir das neue Abenteuer. Unser Ansatz ist der Aspekt by fair means, adaptiert von den Höhenbergsteigern, die mit diesem Begriff eine Besteigung ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff bezeichnen. Für uns bedeutet es, dass wir uns nicht mit Hubschraubern einfliegen lassen, sondern dass wir vom letzten Zivilisationspunkt, der mit normalen Verkehrsmitteln erreicht werden kann, aus eigener Kraft zum Berg gelangen.



          Wie muss für Sie der Ort sein, für den es sich lohnt aufzubrechen?

          Die meisten bekannten Berge sind erschlossen. Wir müssen jetzt wieder aufbrechen, um herauszufinden, ob es unter den weißen Flecken noch lohnende Ziele gibt, die wir uns als Kletterer erschließen können. Wir sind Entdecker, wir haben die Neugier, hinter dem Horizont nachzuschauen, was noch möglich ist.

          Ihr Film, der jetzt in die Kinos kam und Ihre Erstbesteigung des Mount Roraima im südamerikanischen Dschungel dokumentiert, heißt „Jäger des Augenblicks“. Warum dieser

          Es sind die Augenblicke, die entscheidend sind. Das ganze Leben besteht aus ihnen. Aus intensiven und weniger intensiven Augenblicken.

          Und Sie jagen die intensiven?

          Ja, wir provozieren sie.

          Wie lange wirken diese Augenblicke?

          Man vergisst sie nicht in seinem Leben. Für mich sind sie der wahre Reichtum.

          Machen sie süchtig, diese Augenblicke? Bei der Rückkehr am Flughafen, sagt Ihre Frau, schwärmten Sie schon wieder von der nächsten Wand.

          Weitere Themen

          Werder-Fans feiern Klassenverbleib Video-Seite öffnen

          Jubel in Bremen : Werder-Fans feiern Klassenverbleib

          Nach zwei Unentschieden in der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim waren es allein die besser bewerteten Auswärtstore, die die Werderaner vor einem Abstieg in die zweite Liga bewahrten.

          Topmeldungen

          Segregierte Schulen : Das weiße Amerika bleibt unter sich

          Heute gibt es in Amerika mehr Schulen mit fast nur weißen oder fast keinen weißen Schülern als vor 30 Jahren. Das liegt auch an den Entscheidungen weißer Eltern – auch solchen, die seit Wochen „Black Lives Matter“ rufen.
          Ein Coronatest in Gütersloh Ende Juni

          Nach dem Gütersloh-Beschluss : Leitplanken für Lockdowns

          Darf ein Land keine Ausgangssperren mehr verhängen, wenn ein Corona-Hotspot auftaucht? Doch, sagen die Richter in ihrem Gütersloh-Beschluss. Es darf nur nicht Ungleiches gleich behandeln.
          Wie viele Klamotten, die wir besitzen, tragen wir eigentlich?

          Nachhaltiges Design : Wie kann Mode die Welt verändern?

          Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller beschäftigen sich seit Jahren mit nachhaltiger Mode. Nun haben sie ein Buch darüber herausgebracht, das zeigen soll: Mit Mode kann man die Welt verändern.
          Bela B Felsenheimer von Die Ärzte

          Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

          Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.