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Kitesurfen : Lift in den Himmel

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Tanz auf dem Wasser: Mario Rodwald ist der beste deutsche Kitesurfer - und er kann von seinem Sport auch leben Bild: hochzwei

Kiten in der Nordsee: Der deutsche Star Mario Rodwald genießt das Abheben – und das Fassbier in seiner Suite. Doch der Wettbewerb wird härter, denn der Kitesport wird immer professioneller.

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          Aus dem Lautsprecher scheppern englische Töne, und im Fahrerlager rappeln sich ein paar bärtige, langhaarige Männer aus liegender Position hoch: Wind ist da, in 45 Minuten kann es losgehen. Die Durchsage bringt hektische Betriebsamkeit dorthin, wo den Vormittag über, salopp gesagt, Abhängen angesagt war. Endlich weht das ersehnte Lüftchen. Neopren anziehen, Kitesegel aufpumpen, runter an den Strand von St. Peter, wo die flache, graue Nordsee wartet.

          Mario Rodwald beherrscht den schnellen Umstieg vom Warten zum Starten im Schlaf; der 23 Jahre alte Rendsburger ist seit Jahren der beste deutsche Kitesurfer der Königsdisziplin Freestyle. Mehr noch: Ende Juli verteidigte der schmächtige Lockenkopf seinen Titel als Europameister vor der kalabrischen Küste. „Drei Mal bin ich jetzt Europameister, das klingt einfach cool“, sagt er. „Ich genieße es.“ Solche Plazierungen bringen Vorteile mit sich. Rodwald, Zehnter der Weltrangliste, ist gesetzt in St. Peter. Andere quälen sich in diesen Ordinger Weltcuptagen von Beginn an durch das Hauptfeld. Auch an diesem Tag mit seinen wechselnden, schwachen Winden – eine Nervenprobe. Rodwald steigt erst ein, wenn die Besten dran sind. Auch abseits des Wassers genießt er früher unbekannte Privilegien. Zwei Kilometer entfernt, gleich am Deich, hat ein trendiges Hotel eröffnet und ihm eine großzügige Suite spendiert – inklusive Bier vom Fass.

          Nur zapfen muss er selbst. Als gezeichnete Figur mitten im Sprung schmückt er die offiziellen Wettkampfplakate. Es ist Rodwald anzumerken, dass die kleinen Aufmerksamkeiten sein Leben versüßen. „Aber ich schlafe auch weiter mit meinen Eltern im Wohnwagen am Strand“, sagt er. Abheben wird er weiterhin nur auf dem Wasser, wenn ihn sein Kite sieben, acht Meter in den wolkenverhangenen Himmel liftet. Auf dem Weg zum Millionär wie der Holländer Youri Zoon, Weltmeister 2011 und 2012, befindet sich Rodwald als einziger Deutscher, der vom Kiten leben kann, ohnehin nicht. Der exzentrische Zoon pflegt sein Hobby und kauft teure Autos und Wohnungen. Rodwald ist gerade aus dem Elternhaus in eine Kieler Studentenbude gezogen.

          Das norddeutsche Wunderkind

          Vor zwei Jahren war er das norddeutsche Wunderkind. Ohne große Gedanken stürzte er sich in die Wettbewerbe. Alles schien leicht, schwebend. Doch in einer Sportart, die sich stetig professionalisiert und einen steten Zustrom an jungen, unerschrockenen Fahrern aus Brasilien erfährt, ist der Weg nach ganz oben steinig. Der erste Weltcup-Sieg fehlt ihm immer noch. In dieser Saison erreichte Rodwald Ränge zwischen 7 und 17. Beim Höhepunkt am deutschen Strand will er endlich aufs Treppchen. Rodwald sagt: „Das Kiten ist gewachsen, und es gibt viel mehr sehr gute Fahrer als früher. Es wird härter, auch in Europa und Deutschland.“

          Acht Mal hat Rodwald den nationalen Titel geholt; in diesem Jahr könnte es knapp werden, auch, weil die Wertungsrichter bei den Tricks der jungen Wilden eher mal ein Auge zudrücken als bei „Super-Mario“. Er lächelt so etwas weg. Rodwald ist immer noch ein typischer Vertreter seines Sports: Er will auf dem Wasser sein Ding machen, das Kiten „ans Limit pushen“, wie er sagen würde. Wenn dabei ein Titel herausspringt, umso besser – vor allem für die Sponsoren und den Ausrüster.

          Rodwald will ganz nach vorn

          Er versucht vieles, so ist es nicht. Rodwald will ganz nach vorn. Bei der Kraft hat er auch dank eines Fitnesstrainers zugelegt, damit ihm für die (je nach Wind) 5 bis 15 Minuten langen Heats genug Puste bleibt. Er hat wieder neue Tricks einstudiert, obwohl es kaum noch Geheimnisse gibt im Zirkus: „Wenn ich irgendwo an den Strand gehe, kenne ich da 50 Leute. Irgendeiner postet immer, was man gerade macht.“ Zuletzt half ihm ein Kieler Mentaltrainer. Es ging darum, die Reserven auszuschöpfen. Rodwald ist nicht der aggressive Kämpfer am Kite; er orientiert sich im Wettkampf wenig am Gegner. „Ich bin am besten, wenn ich mein Ding mache“, sagt er, eine Erkenntnis der Zusammenarbeit.

          Die Vorgabe seines Mentaltrainers, ohne Erwartungshaltung in Wettkämpfe zu gehen, setzte er vor allem bei der EM perfekt um: „Mein Kopf war komplett frei, und ich habe mich von Trick zu Trick gesteigert.“ Die nächste Stufe wäre nun, diesen Zustand des „Flow“ verlässlich erreichen zu können. Rodwald fühlt, dass ihm dazu doch ein Stück fehlt. Seine Welt geht von Plazierungen knapp hinter der Weltspitze nicht unter. Der Deutsche gilt in der Szene als angenehm in Sieg und Niederlage. Er hat seine Art, mit Misserfolg umzugehen: Beim Weltcup im ägyptischen Roten Meer segelte er nach einem schlechten Wettkampf weit raus aufs Wasser, um sich dort zu sammeln. „Ich hatte einfach keine Lust, den wartenden Journalisten sofort etwas zu erklären.“ Rodwald hat sich zu einem Botschafter seiner Sportart entwickelt.

          Wenn er in den heimischen Revieren in Nord- und Ostsee fährt, bestaunen ihn die kleinen Kiter. Sein Ausrüster arbeitet eng mit ihm zusammen; immer wieder dreht Rodwald Videos seiner Tricks und zeigt sie und das Material auf seiner Homepage oder in Kite-Magazinen. Auch Facebook, Twitter und Instagram werden bedient. Gerade arbeitet er mit anderen Fahrern des Kiter-Verbandes PKRA daran, die Tour attraktiver für Sponsoren und Investoren zu machen, ohne dem Kiten seine Ursprünglichkeit zu rauben. Und dann? „Ich möchte meinen Bachelor in Management und Leadership mit 30 in der Tasche haben“, sagt Rodwald. „Vorher bin ich noch drei, vier Jahre dabei. Mit Ende 20 ist dann Ende auf diesem Niveau.“ Sagt es und trifft sich rasch mit Christophe Tack, dem Weltranglisten-Ersten aus Belgien. Wie Schulfreunde schlendern die beiden über die Anlage Richtung Fahrerlager. Eigentlich müssten sie Konkurrenten sein.

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