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Handballer Filip Jicha : Erst Assistent, dann Chef

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Erst Assistent, dann Chef: Kiels früherer Kapitän Filip Jicha. Bild: dpa

Filip Jicha, der ehemalige Kapitän des THW Kiel, soll dort 2019 Cheftrainer werden. Doch als er diese Nachricht selbst verkündet, zuckt der Klub zusammen. Abgestimmt war die öffentliche Äußerung nicht.

          Eine Fortbildung in Öffentlichkeitsarbeit sollte Filip Jicha dringend in seinen bald wieder prall gefüllten Terminkalender aufnehmen. Denn beim THW Kiel sind sie zuletzt ganz schön zusammengezuckt, als der Tscheche den „Kieler Nachrichten (KN)“ freimütig sagte, er werde im Sommer 2019 Trainer Alfred Gislasons Nachfolger. „Ich glaube, es wird so kommen“, sagte Jicha, aber wie eine Glaubensfrage klang das überhaupt nicht – eher wie ein Bekenntnis.

          Abgestimmt mit seinem ehemaligen und zukünftigen Arbeitgeber war diese Ankündigung keineswegs, doch einmal in Plauderlaune, wollte Filip Jicha nicht verschweigen, was sein Ziel ist. Ein ehemaliger Welthandballspieler wird kaum ewig Assistenztrainer bleiben. Aber der THW hätte schon gern selbst vermeldet, wer nächstes Jahr auf Gislason folgt – oder es diesem überlassen. Wobei Gislason selbst auch wenig von Absprachen hält: Schon Ende 2017 ließ der 58 Jahre alte Isländer die Katze aus dem Sack und verriet den „KN“, dass Jicha bald sein Assistent sei.

          Aber so ist Handball, da ist in der Medienarbeit noch nicht alles glattgeschliffen wie im Fußball. Und der THW bestätigte dann ja vor etwa einer Woche auch, dass Jicha, der frühere Anführer und Kapitän, vom 1. Juli an wieder beim Rekordmeister arbeitet. Das Thema Gislason-Nachfolge klammerte man allerdings aus. In drei Monaten beginnt nun Jichas Trainerausbildung, die im Mai 2019 endet, und dann sind es nur noch ein paar Wochen, bis Gislasons Vertrag ausläuft. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Gislason nach dann elf Kieler Jahren aufhören will – allenfalls der weniger strapaziöse Job als Nationaltrainer könnte ihn reizen, heißt es.

          Die Mannschaft läuft der Spitze hinterher

          An diesem Donnerstag (19 Uhr) treffen die Kieler in der Bundesliga auf den VfL Gummersbach. Die Mannschaft ist jedoch seit drei Jahren im Umbruch und läuft der nationalen und europäischen Spitze trotz eines Etats von zehn Millionen Euro hinterher. Und nun folgt auch die große Veränderung auf den Entscheider-Posten: Geschäftsführer Thorsten Storm hat die sportliche Leitung an Viktor Szilagyi abgegeben – Storm arbeitet fortan im Hintergrund in der Sponsoren-Akquise, und der ehemalige THW-Profi Szilagyi ordnet den Spielerkader. Auch er ist weitgehend Novize in diesem Job, zumindest auf diesem Niveau, denn seine Erfahrungen als Sportchef beschränken sich auf die beim Bergischen HC. In 15 Monaten reicht dann wohl Gislason den Taktstock an Jicha weiter, seinen früheren Lieblingsspieler.

          Von 2007 bis 2015 hat Jicha im Wortsinne die Knochen für den THW hingehalten. „Ich habe hier wirklich meine Gesundheit für die Mannschaft und ihre Erfolge gelassen“, sagte Jicha dem Kieler Heimspielheft „Zebra“. Er war ein Profi, der zur Not „mit dem Kopf unterm Arm“ voranging – die Champions-League-Titel 2010 und 2012 errang der THW auch dank seines Einsatzes. Jicha wurde verehrt wie die großen Schweden Wislander, Olsson, Lövgren, aber am Ende gab es Misstöne: In Lemgoer Jahren schlecht beraten, rutschte er mit seiner Frau und zwei Kindern in finanzielle Bedrängnis und wechselte im Sommer 2015 des Geldes und der geringeren Belastung wegen trotz laufenden Vertrages beim THW zum FC Barcelona. Die Hals-über-Kopf-Aktion kam entsprechend schlecht an, und in Spanien war er nur ein gutbezahlter Rekonvaleszent: Sein kräftiger Körper spielte nicht mehr mit. Im Sommer 2017 hat Jicha seine Karriere beendet. Sollte es Pfiffe geben bei seiner Rückkehr, könne er das nicht ändern, sagte Jicha – er habe alles für den Klub gegeben.

          Selbstbewusst, wie er ist, hat Filip Jicha klare Vorstellungen von seiner zukünftigen Arbeit. Er wolle Gislason als Assistent zunächst entlasten, aber als Trainer nicht kopieren, sagt Jicha: „Alfred ist ein Trainer der alten Schule, was für die jüngere Generation nicht immer einfach ist. Aber vielleicht bin ich dann ein Element, das dazwischen steht und Verbindungen schaffen kann.“ Wenn er dann die Rolle als Chefcoach übernommen habe, wolle er verstärkt auf Kommunikation setzen und die jungen Profis beim THW weiterentwickeln. Die als zentrale Rückraumspieler eingeplanten Nikola Bilyk und Lukas Nilsson sind 21 Jahre alt – sie könnten eine größere Nähe zu einem jungen Trainer entwickeln, der nicht weit entfernt von ihrer Lebenswirklichkeit ist.

          Wie jede wichtige Personalentscheidung ist auch Jichas Wahl riskant. Er kennt die Liga, er weiß, wie Handball geht, er hat die notwendige Verdrängung im Auftritt, die man in Kiel braucht – und schlau ist er auch. Doch das Coaching, die tausend kleinen Dinge, mit denen ein Trainer das Spiel beeinflussen kann: Das muss er lernen. Als Spieler nahm er den Ball in brenzligen Situationen, sprang hoch und knallte ihn ins Netz. So leicht wird es vom 1. Juli 2019 an nicht mehr sein.

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