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Kieler Handballprozess : Zwei Freisprüche und viele offene Fragen

  • -Aktualisiert am

Uwe Schwenker (l.) mit seinem Anwalt Gereon Wolters Bild: dpa

Uwe Schwenker und Zvonimir Serdarusic sind im Handball-Manipulationsskandal vom Vorwurf des Betrugs und der Untreue freigesprochen worden - obwohl die Kieler Richter „nicht von der Unschuld“ der beiden überzeugt waren.

          Sollten sie froh, zufrieden oder auch nur erleichtert gewesen sein, so konnte man das Uwe Schwenker und Zvonimir Serdarusic am Donnerstagmorgen zumindest nicht ansehen. Als beide Angeklagte den Saal 232 des Kieler Landgerichts um 10.32 Uhr als Freigesprochene verließen, schwiegen sie zunächst – und auch in den Gesichtern der langjährigen Meister-Macher des THW Kiel war nichts zu lesen.

          Um kurz nach neun Uhr kam aus dem Munde des Vorsitzenden Richters Matthias Wardeck der für sie entscheidende Satz: „Die Angeklagten sind freigesprochen.“ Keine Triumphgesten, nicht einmal ein Lächeln huschte über ihre Gesichter. Seit fast drei Jahren hatten sie damit zu leben, als Verdächtige mit ruiniertem Ruf in einer Manipulationsaffäre dazustehen, aus der erst eine Anklage und dann ein vier Monate langer Prozess wurde, in dem es – so Richter Wardeck – um „Indizien, Lügen, Gerüchte, Halbwahrheiten, persönliche Animositäten und wirtschaftliche Interessen“ ging.

          Serdarusic tippte ein paar SMS und sagte nur: „Ich bin froh, dass es vorbei ist.“ Da hatte sich Schwenker eine Treppe weiter unten mit seinen Getreuen verzogen. Eine Umarmung hier, ein Schulterklopfen da, jemand gratulierte. Für beide ist jetzt eine rasche Rückkehr zum Handball möglich – es sei denn, Oberstaatsanwalt Axel Goos macht von seinem Recht Gebrauch, beim Bundesgerichtshof in Leipzig Revision einzulegen.

          Er hatte in seinem Plädoyer vor neun Tagen eine achtzehnmonatige Haftstrafe auf Bewährung für Schwenker und eine siebzehnmonatige Haftstrafe auf Bewährung für Serdarusic gefordert. Goos sagte: „Ich werde die schriftliche Fassung des Urteils abwarten und dann entscheiden.“ Er sprach von einem „gut begründeten Urteil“ – das lässt vermuten, dass der kämpferische Ankläger auf eine Revision verzichtet.

          Nicht von Unschuld überzeugt

          Anderthalb Stunden erläuterte Wardeck sein Urteil. Die wichtigste Einschätzung setzte er dabei gleich an den Anfang: „Die Kammer ist nicht von der Schuld der Angeklagten überzeugt. Sie ist aber auch nicht von ihrer Unschuld überzeugt.“ Da es keine Verdachtsstrafen gebe und die Indizien nicht ausgereicht hätten, die Angeklagten zu verurteilen, müsse die Kammer sie freisprechen.

          „Es gibt keine Anhaltspunkte für eine Manipulation des zugrundeliegenden Spiels“, sagte Wardeck. Weder der Tatbestand des Betrugs noch der der Untreue oder Bestechung im geschäftlichen Verkehr sei Schwenker und Serdarusic nachzuweisen. Trotzdem seien viele Fragen offengeblieben

          Kern blieb nebulös

          Der Kern des Prozesses blieb auch für die drei Berufsrichter und die beiden Schöffen nebulös: Hat der Kroate Nenad Volarevic dem polnischen Schiedsrichter Miroslav Baum wenige Tage vor dem Rückspiel im Champions-League-Finale gegen die SG Flensburg im April 2007 in Warschau 45.000 Euro in bar übergeben, damit die Partie zugunsten der Kieler geleitet wird?

          Beweise dafür gibt es keine. Das hatte selbst Goos in seinem Schluss-Vortrag zugegeben. Der Ankläger hatte mittels der Flugdaten Volarevics von Zagreb über München nach Warschau rekonstruiert, dass Volarevic der Geldbote im Auftrage des THW sein müsse. Auf dem mühsamen Weg zur Wahrheitsfindung versuchte Goos den ganzen Prozess über akribisch, Indizien aufzusammeln, um so die Angeklagten zur Strecke zu bringen. Das reichte den Richtern nicht, mehr noch: Goos musste sich fehlende Objektivität von Wardeck vorwerfen lassen. „Ein Staatsanwalt muss auch entlastendes Material untersuchen. Das ist nicht vorgekommen.“

          Der Weg der 92.000 Euro bleibt unbekannt

          Als entlastend für die Angeklagten wertete das Gericht vor allem die Aussagen der beiden Schiedsrichter. Es gebe „keinerlei Verdachtsmomente“ gegenüber den in Kiel vernommenen Baum/Goralczyk: „An ihrer Glaubwürdigkeit besteht kein Zweifel. Sie haben hier wahrheitsgemäß und entspannt ausgesagt“, sagte Wardeck. Baum und Goralczyk hatten behauptet, weder Geld angeboten bekommen noch angenommen zu haben.

          Das Spiel haben sie nach Meinung aller Fachleute ausgewogen geleitet. Den Weg der 92.000 Euro, die vom THW-Konto entnommen und laut Anklage für Schiedsrichterbestechungen verwendet wurden, konnte vom Gericht nicht mehr nachvollzogen werden. Man merkte Wardeck aber an, dass er frühere Aussagen Schwenkers bezweifelte, wonach das Geld allein für Volarevics Scouting-Dienste eingesetzt worden ist.

          Handball vor Gericht

          Der feuchtfröhliche Abend des 30. Juli 2007 im Haus des ehemaligen HSV Hamburg-Präsidenten Andreas Rudolph auf Mallorca blieb indes unbewertet – damals soll Schwenker betrunken geprahlt haben, er wisse, wie man die Champions League gewinne. Nämlich durch Bestechung. Wardeck sagte: „Diese Spur wäre im Sande verlaufen und hätte den Prozess unnötig aufgebläht, weil wir Sachverständige hätten bemühen müssen, um herauszufinden, ob ein betrunkener Herr Schwenker lügt oder nicht. Das ist unmöglich.“

          Der Handball vor Gericht: Am 1. März 2009 wurde publik, dass der THW den Champions-League-Titel 2007 erkauft haben soll. Nun, fast drei Jahre später, hat die Fünfte Große Strafkammer festgestellt, dass alles „sportlich fair“ zugegangen ist. Für Schwenker scheint der Weg zurück zum geliebten THW frei – die drei wichtigsten Sponsoren und Trainer Alfred Gislason sind dafür. Serdarusics Zukunft ist ungewiss. Den Handball hat der Prozess nicht rein, aber sauberer gewaschen.

          Viele Spiele im Europapokal sind deutlich besser geleitet worden als vor 2009. Das ist das Kieler Signal: Es gibt Strafverfolgungsbehörden, die auf den Handball schauen. Das Interesse an diesem Prozess, in dem es um vergleichsweise geringe Delikte ging, ist Richter Wardeck dabei unverständlich geblieben: „Hier sitzen 25 Journalisten. Ein Stock weiter unten wird ein Fünffach-Mord verhandelt. Dort sitzt keiner.“

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