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Tennis : „Ich hatte Tränen in den Augen“

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Nicolas Kiefer zeigt Gefühl Bild: ddp

Nicolas Kiefer hat in Halle nach 373 Tagen Verletzungspause und drei Handoperationen erstmals wieder bei einem Turnier Tennis gespielt. Trotz einer Niederlage bei seinem Comeback gibt er sich im Interview für die Zukunft optimistisch.

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          Nicolas Kiefer hat in Halle nach 373 Tagen Verletzungspause und drei Handoperationen erstmals wieder bei einem Turnier Tennis gespielt. Trotz einer Niederlage bei seinem Comeback gibt er sich im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung für die Zukunft optimistisch.

          Wie fällt das Fazit nach dem ersten Turnier nach so langer Pause aus?

          Es war toll, wieder auf dem Platz zu stehen. Als ich auf den Platz ging, haben mir schon die Knie gewackelt, und als ich auf der Bank saß, hatte ich durch den tollen Empfang im Gerry Weber Stadion, sozusagen meiner zweiten Heimat, Tränen in den Augen. Aber hinterher war es wie immer: Ich war sauer, dass ich verloren habe, genauso ärgerlich, wie ich es vor meiner lange Pause gewesen wäre. Da hat sich nichts geändert. Ich bin ein Kämpfer, und ich gehe auf den Platz, um zu gewinnen. Okay, es war ein enges Match, und ich habe mich achtbar aus der Affäre gezogen, ja ich hatte sogar die Chance zu gewinnen. Aber Berdych ist immerhin die Nummer 13 in der Welt. Das Match hat mir gezeigt, dass ich nicht so weit weg bin. Das Tennis spielen verlernt man halt nicht.

          Was hat Ihnen noch gefehlt?

          Ich stand oft nicht richtig zum Ball, kam manchmal einen Schritt zu spät. Das sind die Dinge, die einem nach einer so langen Pause fehlen. Aber in den Doppeln habe ich schon wieder um Klassen besser gespielt, den Ball sehr gut getroffen. Ich weiß, dass ich einfach viele Matches brauche, um wieder dahin zu kommen, wo ich einmal war. Aber das Wichtigste: Ich habe keinerlei Schmerzen im linken Handgelenk, nur nach drei Matches ein bisschen Muskelkater.

          Sie werden am 5. Juli dreißig Jahre alt. Ist es besonders schwer, in diesem reifen Tennisalter das Comeback zu schaffen?

          Nein, es gibt ja praktisch nichts an meinem Körper, das noch nicht verletzt war. Die vielen Verletzungen haben mir geholfen. Ich war immer überzeugt, ich schaffe das!

          Sie haben nie daran gezweifelt, dass Ihre Karriere vorbei sein könnte?

          Nein, keine Sekunde. Ich bin nicht nur auf dem Platz ein Kämpfer. Ich gebe nicht auf.

          Hat Ihnen die lange Pause auch gutgetan? Hat sie wieder Lust auf Tennis gemacht?

          Auf gewisse Weise schon: Ich habe mich um viele alltägliche Dinge kümmern können, Putzen und Kochen etwa, und hatte viel Zeit für die Aktion Kindertraum, die schwerkranken oder bitterarmen Kindern einen Herzenswunsch erfüllt. Wenn man mit diesen Kindern zusammen ist, relativiert sich die eigene Verletzung sehr schnell.

          Hat sich Ihre Einstellung zum Tennis geändert?

          Ja, ich habe mir vorgenommen, nicht mehr Tennis zu arbeiten, sondern es mehr zu genießen. Aber das ist schwer, denn letztlich geht es doch nur um den Sieg.

          Sie waren in der Reha auch mit vielen Fußballspielern zusammen?

          Ja, ich war fast zwei Monate in der Reha bei Klaus Eder in Donaustauf. Da war ich zusammen mit Per Mertesacker, Mario Gomez, Miroslav Klose und Jermaine Jones. In der Gruppe spornt man sich gegenseitig an. Das hilft, man beißt sich zusammen durch.

          Obwohl Sie eigentlich vom Training der Fußballprofis nicht so viel halten?

          Ja, ich habe mal gesagt, dass ich mit dem Training von Fußballprofis kein Fünf-Satz-Match durchstehen würde. Aber ich bin nicht nur als Fan von Hannover 96 mit den Fußballprofis zusammen, sondern auch mit den Eishockeycracks der Scorpions. Die spielen dreimal in der Woche, werden während des Matches genäht, und weiter geht’s. Das ist bei Fußballprofis undenkbar.

          Haben Sie in der langen Pause Tennis verfolgt?

          Wenig, eigentlich nur den letzten Auftritt von Agassi bei den US Open oder unser Davis-Cup-Spiel in Krefeld. Da hat es mächtig gekribbelt. Ich verstehe jetzt meinen Trainer, wenn er sagt, dass er nach den Matches geschlaucht ist. Man spielt einfach im Kopf mit. Aber die seltsamste Erfahrung war meine Reise zu den US Open in New York, wo ich für meinen Sponsor Diadora und Eurosport war. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine lange Reise ohne Tennisschläger gemacht habe. Ich habe selbst beim Einchecken ins Hotel noch gedacht, ich hätte sie vergessen.

          Die linke Hand braucht ein Rechtshänder wie Sie nur für die Rückhand. Haben Sie während Ihrer Zwangspause versucht, die Rückhand einhändig zu spielen?

          Als ich 12 oder 13 Jahre alt war, habe ich mal überlegt, ob ich die Rückhand mit einer Hand spielen soll. Edberg hat ja auch als Kind von der beid- auf die einhändige Rückhand umgestellt. Aber ich spiele jetzt seit über zwanzig Jahren die Rückhand beidhändig, da kann man nicht mehr umstellen. Ich habe es ein paarmal aus Jux versucht, aber es schnell wieder gelassen.

          Wo wollen Sie am Ende dieses Jahres stehen?

          Ich habe jetzt ein sogenanntes „protected ranking“, das heißt, ich kann mit der Weltranglistenposition, die ich zum Zeitpunkt meiner Verletzung hatte, als Nummer 19, mir acht Turniere in neun Monaten aussuchen, bei denen ich mit diesem Ranglistenplatz ins Hauptfeld komme. In Halle hatte ich eine „wild card“, das heißt, ich habe immer noch acht Turniere. Ich werde auf jeden Fall Wimbledon spielen, danach die amerikanischen Hartplatz-Turniere und die US Open, danach die Hallenturniere in Paris und Madrid. Aber Ziele habe ich mir nicht gesetzt. Ich will Schritt für Schritt machen. Um bei Turnieren weit zu kommen, muss vieles zusammenkommen. Man muss Glück bei der Auslosung haben, denn ich werde ja vorerst nicht mehr gesetzt. Und auch im Match muss man sich gut und fit fühlen – und natürlich muss man das nötige Quentchen Glück haben. Man darf jetzt von mir keine Wunderdinge erwarten.

          Die deutsche Davis-Cup-Mannschaft steht im Halbfinale gegen Russland. Machen Sie sich Hoffnungen, dabei zu sein?

          Bis September ist ja noch viel Zeit. Ich freue mich für die Jungs, dass sie soweit gekommen sind. Die haben das echt verdient, nachdem wir in der Vergangenheit oft so viel Pech hatten. Aber so weit denke ich nicht. Kapitän Kühnen stellt die Mannschaft nach Leistung auf, mal sehen, wie es im September aussieht.

          Das Gespräch führte Wolfgang Scheffler.

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