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Ärger bei Kentucky Derby : Ein Urteil, das die Buchmacher entsetzt

  • -Aktualisiert am

Es wird eng: „Maximum Security“ (Zweiter von rechts), macht sich breit, der Jockey Luiz Saez kann es nicht verhindern. Bild: AFP

Das Kentucky Derby vor 150.000 Zuschauern ist das bedeutendste Galopprennen Amerikas. Der Hype hält sportlich nicht immer, was er verspricht. Diesmal auch nicht. Dafür ist die Aufregung danach umso größer.

          Jedes Jahr Anfang Mai, wenn auf einer Sandbahn in Louisville das bedeutendste Galopprennen Amerikas stattfindet, werfen sich nicht nur 150.000 Zuschauer in piekfeine Garderobe und pilgern auf die Anlage namens Churchill Downs. Überall im Land finden Partys statt, wo Millionen die Gelegenheit nutzen, sich mit reichlich Bourbon auf die „aufregendsten zwei Minuten im Sport“ einzustimmen. Der Hype rund um das Kentucky Derby, dem seit mehr als hundert Jahren der Ruf des bedeutendsten Leistungsvergleichs für Amerikas Dreijährige zugestanden wird, hält nicht immer, was er verspricht. Spannung und Kopf-an-Kopf-Jagden bis zum Ziel sind eher selten. Oft genug landet der Wett-Favorit ganz vorn.

          So wie am Samstag bei der 145. Auflage auf einer von starkem Regen in eine schlammige Pfützenlandschaft verwandelten Bahn. Da hatte der Hengst „Maximum Security“, der seit seinem ersten Rennen im Dezember viermal gestartet war und viermal gewonnen hatte, am Ende der rund 2000 Meter langen Distanz die anderen achtzehn Pferde mit deutlichem Abstand hinter sich gelassen. Die Freude über den programmgemäßen Erfolg für den steinreichen Besitzer Gary West und seine Entourage sowie für Jockey Louis Saez währte allerdings nicht lange. Nachdem Flavien Prat als Reiter des mit eindreiviertel Längen Vorsprung geschlagenen „Country House“ gegen die Wertung Protest eingelegt hatte, zog sich die Rennleitung zurück und analysierte zum ersten Mal seit 2001 die Videoaufzeichnung. Und zwar gründlich.

          Es vergingen zähe zwanzig Minuten, ehe sie den scheinbar harmlosen Zwischenfall im Pulk in der letzten Kurve studiert und die betroffenen Jockeys interviewt hatten. Ihre Entscheidung war eindeutig: „Maximum Security“ hatte sich beim Sprint zur Spitze durch eine Lücke gezwängt und dabei den vor ihm laufenden „War of Will“ zweimal touchiert und aus dem Rhythmus gebracht. Und das hatte wiederum zwei andere Pferde irritiert. Etwas, was Prat noch einmal deutlich betonte: „Das mag uns ja nur ein wenig beeinträchtigt haben, aber die beiden anderen auf dramatische Weise. Sie haben so ihre Chance auf einen Sieg oder einen Platz unter den ersten dreien eingebüßt.“

          Mit ihrem einstimmigen Votum brach die Rennleitung nicht nur mit der Tradition. Denn in der langen Geschichte des Kentucky Derbys war bislang nur einem Erstplazierten nachträglich der Erfolg aberkannt worden – 1968, als sich später bei Laboruntersuchungen herausstellte, dass „Dancer’s Image“ eine verbotene Substanz im Körper hatte. Ihr Urteil löste eine erhebliche Kontroverse aus, weil ein absoluter Außenseiter zum Gewinner ernannt wurde. Mit einer historischen Quote von 65:1, die die Wetter an der Rennbahn ersten Schätzungen zufolge um knapp zehn Millionen Dollar brachte und die Buchmacher in Las Vegas in schlechte Stimmung versetzte. Die Auszahlungen an die verwegenen Pferdesport-Anhänger, die auf „Country House“ gesetzt hatten, verwandelten das Resultat in der Bilanz der Wettanbieter „von einem beträchtlichen Gewinn zu einen beträchtlichen Verlust“, wie sich einer aus der Zunft bei einem Reporter des Sportsenders ESPN beklagte.

          Bei der Siegerehrung wollte denn auch keine Begeisterung aufkommen. „Das ist natürlich etwas bitter“, sagte Flavien Prat, ein Franzose, der seit 2015 in den Vereinigten Staaten reitet und in seiner zweiten Heimat bereits knapp 50 Millionen Dollar an Preisgeldern gewonnen hat. Bill Mott, der erfahrene Trainer von „Country House“, der in den neunziger Jahren den hochdekorierten Hengst „Cigar“ betreut hatte, sah es nicht anders. Er glaube nicht, dass der Zwischenfall auf die Kappe von Luis Saez gehe. Der Reiter von „Maximum Security“ habe auf einem „unerfahrenen Pferd“ gesessen, das auf die Bedingungen reagiert habe. Mott kam so wie Prat zu seinem ersten Erfolg im Prestige-Derby. Und die Besitzer des Dreijährigen zu einer Siegprämie von 1,86 Millionen Dollar.

          Das Kentucky Derby ist der erste Termin in einer Dreier-Serie für den Derby-Jahrgang, der sogenannten „Triple Crown“. Sie alle zu gewinnen, gelingt nur wenigen Pferden. Die beiden letzten Erfolge datieren allerdings von 2015 („American Pharoah“) und 2018 („Justify“) und sorgten für eine Wiederbelebung des Interesses am Galoppsport in den Vereinigten Staaten, der seit Jahrzehnten einen schleichenden Publikumsverlust erlebt. Für „Maximum Security“ sind aufgrund der Disqualifikation die Preakness Stakes am 18. Mai in Baltimore und die Belmont Stakes am 8. Juni in New York denn auch nur noch so etwas wie Trostpreise.

          Die Kontroverse erinnerte viele Kommentatoren an die negativen Schlagzeilen der Vollblut-Industrie aus der jüngeren Vergangenheit. Sie waren ausgelöst worden, als der Rennbetrieb auf einer der bedeutendsten Anlagen, dem Santa Anita Park in Kalifornien, eine Zeitlang eingestellt wurde, nachdem innerhalb von zwei Monaten 22 Pferde gestorben waren. Die Branche, die jährlich einen Umsatz von rund vier Milliarden Dollar erzielt und in zahllosen Bundesstaaten nach unterschiedlichen sportjuristischen Regeln betrieben wird, gerät immer wieder unter Verdacht, aus „verletzten, entkräfteten, mit Arzneimitteln vollgepumpten Pferden“ auch noch das Letzte herauszuholen. Auch in Churchill Downs in Kentucky, einem der Zentren der Vollblutzucht weltweit, sehen die Zahlen nicht gut aus. Seit 2016, so ermittelte die „New York Times“, wurden 43 Pferde aufgrund von Verletzungen eingeschläfert. Eine Zahl, die erheblich über dem landesweiten Durchschnitt liegt.

          Da freut sich aber wer: „Country House“ gewinnt nach der Disqualifikation des Siegers.

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