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London-Marathon : Vivian Cheruiyot ist die lachende Dritte

Die Kenianerin Vivian Cheruiyot gewinnt 38. London-Marathon Bild: AP

Das große Weltrekord-Duell zwischen Mary Keitany und Tirunesh Dibaba beim London-Marathon fällt aus. Beide müssen Hitze und Tempo Tribut zollen. Mo Farah läuft britischen Rekord.

          Gut, dass sie so überragende Läuferinnen und Läufer haben beim London-Marathon. Der Überraschungssieg von Vivian Cheruiyot, der kenianischen Olympiasiegerin über 5000 Meter, in 2:18:31 Stunden, und die überlegene Leistung des vermutlich stärksten Marathonläufers der Geschichte, des Kenianers Eliud Kipchoge, die zum Sieg in 2:04:17 Stunden führte, verhinderten eine Farce. Zum ersten Mal seit 15 Jahren hatten die Veranstalter im Rennen der Elite-Läuferinnen am Sonntag männliche Tempomacher zugelassen. Mary Keitany sollte den ebenfalls mit Hilfe männlicher Begleitung 2003 zustande gekommenen Weltrekord der Engländerin Paula Radcliffe unterbieten. Doch allein der Führenden stand diese Unterstützung zu.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als die äthiopische Mitfavoritin Tirunesh Dibaba sich als Letzte aus der Spitzengruppe abschütteln ließ, stand sie ohne Windschatten da – buchstäblich. Nach heroischem Kampf, wieder Anschluss zu finden, war für die dreimalige Olympiasiegerin und fünfmalige Weltmeisterin über 5000 und 10000 Meter nach dreißig Kilometer Schluss. Schlagartig hörte sie auf zu rennen, ging ein paar Meter, versuchte es noch mal und gab dann auf.

          Mary Keitany ging es noch schlechter. Sie hängte zwar jede einzelne Konkurrentin der Elite-Wertung ab. Doch auch sie war dem hohen Tempo vom Start weg nicht gewachsen. Zunächst hatte sie die Zwischenzeiten von Paula Radcliffe anno 2005 deutlich unterboten und, gemeinsam mit Tirunesh Dibaba, die erste Hälfte der Strecke in 67:16 Minuten hinter sich gebracht. Doch dann musste sie, bei Sonne und steigenden Temperaturen in den Straßen der Stadt, die virtuelle Paula Radcliffe vorbeiziehen lassen – ständig verglichen die Reporter die historischen Zwischenzeiten mit denen von heute.

          Doch das Schlimmste war nicht das Verpassen des Rekords. Die vermeintlichen Helfer ließen, als Mary Keitany die Kräfte verließen, eine Lücke reißen, schauten demonstrativ auf ihre Armbanduhren, drehten sich immer wieder um und forderten die Läuferin mit großer Geste auf, schneller zu rennen. „Sie ruinieren ihr den Lauf“, kritisierte die reale Paula Radcliffe, die das Rennen für die BBC kommentierte. „Mary Keitany läuft, so schnell sie kann. Sie sollte das Tempo bestimmen, nicht diese Männer.“

          Cheruiyot zieht vorbei

          Vivian Cheruiyot aus Kenia beendete die würdelose Vorstellung gut vier Kilometer von dem Ziel, indem sie an der Vorjahressiegerin vorbeizog und ihr damit die Tempomacher ausspannte. Auch sie hatte hoch gepokert, indem sie zu Beginn des Rennens auf deren Dienste verzichtet hatte. Eine 69er-Zeit steht für die erste Hälfte ihres Laufes zu Buche, mehr als zwei Minuten Rückstand auf die Spitze. Sie holte ihn mühelos auf, als sich zeigte, dass Mary Keitany keine Trümpfe mehr ausspielen konnte. Für diese Taktik, mit der sie auch bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro den 5000-Meter-Lauf gewann, dankte sie ihrem Trainer und Manager Ricky Simms, dem Mann, der auch Usain Bolt und Mo Farah vermarktet. Ihre Bestzeit vom Sieg beim Frankfurt-Marathon im Herbst in 2:23:35 Stunden unterbot sie nun um mehr als fünf Minuten.

          Zweite wurde Brigid Kosgei (Kenia) in 2:20:13, Dritte Tadelech Bekele (Äthiopien) in 2:21:40. Mary Keitany, die 2017 in 2:17:01 gesiegt und damit den Weltrekord ohne Helfer verbessert hatte, kämpfte sich – Hut ab – als Fünfte ins Ziel. Mehr noch als in ihrer Zeit von 2:24:29 Stunden konnten die Zuschauer an ihren eckigen Bewegungen und ihrem von Schmerz verzerrten Gesicht ablesen, wie teuer sie den Einsatz für ihre Wette auf den Weltrekord bezahlen musste.

          Wie ein Uhrwerk schien dagegen Eliud Kipchoge seinen Lauf abzuspulen – allein die Veranstalter kamen nicht ganz mit. Mehr als eine Stunde brauchten sie, um die zunächst angegebene Siegerzeit von 2:04:27 Stunden zu korrigieren; Kipchoge war elf Sekunden schneller gewesen. Von den neun Marathons, die er in seinem Leben gelaufen ist, hat Kipchoge acht gewonnen; als Wilson Kipsang ihn 2013 besiegte, lief der Weltrekord. Vor einem Jahr lief Kipchoge die Marathon-Distanz von 42,195 Kilometern in 2:00:25 Stunden; die Zeit ist nicht als Rekord anerkannt. „Dies war einer der langsamsten Marathons“, sagte Kipchoge. „Man muss Ergebnisse akzeptieren. Das ist die einzige Art, Spaß am Sport zu haben.“

          Platz zwei erreichte Tole Kitata (2:04:49), auch er im vergangenen Herbst erfolgreich in Frankfurt, und auf Platz drei und zum britischen Rekord von 2:06:21 lief Lokalmatador Mo Farah. Viermal Olympiasieger und sechsmal Weltmeister auf der Bahn, ist er in Straßenrennen immer noch ein Neuling. An den beiden ersten Versorgungsstationen verpasste er es, eine Trinkflasche zu greifen; erst nahm er die falsche, dann ließ er seine fallen. Der Champion schien auf offener Straße nach einem Fläschchen zu schreien, als er sich gestikulierend an einen Motorradfahrer wandte. „Die Flaschen standen auf dem falschen Tisch“, klagte er hinterher, „und die Helfer fotografierten mich lieber, als sie mir zu reichen.“ Respekt erwarb er sich mit seinem couragierten Lauf. Weil er keine Verfolger-Gruppe fand, hielt er sich an die Besten der Welt, ging die Halbmarathonzeit von 61 Minuten mit und war zu seiner eigenen Überraschung noch bei Kipchoge, als der zweimalige Marathon-Weltmeister Abel Kirui (Vierter in 2:07:07), Mitfavorit Kenenisa Bekele (6./2:08:53) und Vorjahressieger Daniel Wanjiru (8./2:10:35) schon abgehängt waren. Dann verließen auch ihn die Kräfte. Seine Lektion: „Der letzte Kilometer war Scheißdreck.“

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