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Marathonläuferin Keitany : Rekordversuch mit Escort-Service

Star unter der Tower Bridge: Mary Keitany will für den Höhepunkt des London Marathons sorgen Bild: AFP

Für Mary Keitany wird in London eine Ausnahme gemacht: Männliche Hasen sind im Rennen der Frauen willkommen. Sie sollen die schnelle Frau zum Weltrekord führen.

          Was ist paradox? Wenn im Frauenrennen des London-Marathon an diesem Sonntag nach 15 Jahren Männer ihr Comeback geben. Noch etwas? Wenn Mary Keitany versucht, ihren Weltrekord von 2:17:01 Stunden auf der 42,125 Kilometer langen Strecke um fast zwei Minuten zu unterbieten, ohne ihn zu brechen. Willkommen in der Welt des Marathons.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Am 15. April kollabierte beim Marathon der Commonwealth Games in Gold Coast/Australien der Schotte Callum Hawkins, als er deutlich führte; minutenlang lag er in der glühenden Hitze auf dem Asphalt, wankte dann gen Ziel, bevor Helfer ihn aus dem Rennen nahmen. Beim Boston-Marathon am Tag darauf trieben Regen und Sturm Abertausende Läuferinnen und Läufer in Kirchen, Cafés und Zelte, wo sie Schutz vor den Temperaturen knapp über null suchten. Die meisten von ihnen kämpften sich noch ins Ziel. Der längste Lauf der olympischen Leichtathletik als existentielle Herausforderung.

          Und nun kommt die 36 Jahre alte Mary Keitany mit Ehemann und den beiden Kindern aus Kenia nach London geflogen und erweckt fröhlich den Eindruck, man müsse nur an der ein oder anderen Stellschraube drehen und schon sei alles möglich auf dem langen Weg zu den erstaunlichsten Resultaten und Rekorden.

          Viele Bestmarken übertroffen

          Die beiden größten Marathons der Welt hat sie je dreimal gewonnen: New York 2014, 2015 und 2016, London 2011, 2012 und 2017. 2009, da war ihr Sohn kaum ein Jahr alt, wurde sie Weltmeisterin im Halbmarathon; zwei Jahre später verbesserte sie den Weltrekord auf der halben Strecke auf 65:39 Minuten. Bei ihrem Sieg vor einem Jahr unterbot sie den Weltrekord, den Paula Radcliffe 2005 in London aufgestellt hatte, um 41 Sekunden. Nun will sie die absolute Bestzeit der Britin im Marathon unterbieten, die schier unglaubliche Zeit von 2:15:25 Stunden. Wie das geht?

          Mary Keitany wird im Frauenrennen am Sonntag, das eine Dreiviertelstunde vor dem der Männer beginnt, von männlichen Tempomachern eskortiert und damit in eine andere Wertung geraten. Vor zwölf Monaten hatte sie die Unterstützung von Caroline Chepkoech, allerdings nur in der ersten Hälfte des Rennens; die Tempomacherin gab nach 21 Kilometern in irrwitzigem Tempo auf. „Die zweite Hälfte musste ich allein rennen“, klagt die Siegerin. Immerhin hält sie seitdem den Weltrekord für Läufe ohne männliche Tempomacher. Der Unterschied zwischen den 66:54 Minuten für die erste Hälfte und den gut drei Minuten mehr für die zweite zeigt ihr und den Strategen des Marathons, dass es noch deutlich schneller geht.

          Deshalb haben die Veranstalter zum ersten Mal seit dem Weltrekord-Lauf von Paula Radcliffe, dem von 2003, männliche Tempomacher zugelassen im Frauenrennen. In Berlin und Frankfurt, wo Männer und Frauen gleichzeitig starten und gemeinsam auf der Strecke sind, kann sich praktisch jede Top-Läuferin männlicher Begleitung versichern – manchmal rennen Männer ohne jede Einladung mit prominenten Läuferinnen mit. Die großen Läufe in Amerika verbieten, wie London in den vergangenen 15 Jahren, solchen Escort-Service.

          „Ich bin dankbar, dass die Veranstalter diese Möglichkeit geschaffen haben“, sagte Mary Keitany am Mittwoch in London, „damit wir, wie damals, sehen können, wie weit wir gehen können.“ Der Vorstellung, ihr Alter von 36 Jahren lasse ihr nicht mehr viel Zeit für weitere Rekordversuche, widersprach sie: „Das ist nur eine Zahl.“ Obwohl sie angeblich noch nicht wusste, wer für sie laufen würde und in welchem Tempo, war sie zuversichtlich: „Alles wirdunter Kontrolle sein.“

          Eine Frau im Mittelpunkt des Männerrennens

          Weltmeisterin Rose Chelimo (Bestzeit 2:22:51), 5000-Meter-Olympiasiegerin und Siegerin des Frankfurt-Marathons Vivian Cheruiyot (2:23:35), Berlin-Siegerin Gladys Cherono (2:19:25) sowie die äthiopische London-Siegerin von 2015, Tigist Tufa (2:21:52), werden am Sonntag im Rennen sein und zugleich doch nicht. Sie alle schrecken davor zurück, das zu erwartende Halbmarathon-Tempo von unter 67 Minuten mitzugehen.

          Die Einzige, die ebenfalls im Windschatten der Männer erwartet wird, ist Tirunesh Dibaba aus Äthiopien. Als Zweite des vergangenen Jahres in 2:17:56 Stunden kam die dreimalige Olympiasiegerin und fünfmalige Weltmeisterin auf der Bahn den Rekorden von Mary Keitany und Paula Radcliffe so nah wie niemand sonst. Sie mache sich keine Gedanken, behauptete sie: „Meine Form ist entscheidend, nicht die Frage, ob es Tempomacher gibt oder nicht.“ Beim Rennen der Männer wird eine Frau im Mittelpunkt stehen. Von Windsor Castle aus wird Queen Elisabeth das Startsignal geben.

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