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Kritik an Marathonläuferinnen : Das gespielte Glück der Hahner-Twins

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Das wirkte wie das Versprechen, wenn schon nicht in die Klasse einer Irina Mikitenko (Bestzeit 2:19:19) vorzustoßen, so doch an die Leistungen von Uta Pippig (2:21:45) und der heutigen Bundestrainerin Kathrin Dörre (2:24:35) anzuknüpfen. Beim Wien-Marathon 2015 jedoch lief Anna langsam wie in keinem ihrer fünf Marathons zuvor. Sie wurde Fünfte in 2:30:50 Stunden. Als jemand von BMW, einem der Sponsoren des Laufs und der Zwillinge, Anna bat, für ein Foto kurz vor dessen Stand zu treten, lehnte Dold ab. Es sei ungeklärt, sagte er laut Konrad, wer dafür zahle. „Ich habe geglaubt, ich explodiere innerlich“, erinnert sich der Veranstalter. „In dem Moment war klar: Ich werde sie nie wieder nach Wien einladen.“

Mag sein, dass der umtriebige Dold, vom Lauf-Magazin „Spiridon“ einmal als „Thomas Dollar“ beschrieben, den Ast absägt, auf den er die Hahner-Twins gesetzt hat. Als Bundestrainer Wolfgang Heinig vor drei Jahren die Zusammenarbeit mit den Läuferinnen beendete, warf er ihnen vor, dass sie mehr Öffentlichkeitsarbeit als Training im Sinn hätten. Postwendend verlor Anna ihre Stelle bei der Bundeswehr. Sie revanchierte sich, indem sie statt bei der EM in Zürich den Berlin-Marathon lief. Seitdem, so scheint es, hat zumindest Anna systematisch ihre Gesundheit ruiniert.

Eine Welt aus Websites und Werbe-Videos

Auf die Frage jedenfalls, ob er, wie die Hahner-Twins angeben, ihr Trainer sei, antwortet der renommierte italienische Coach Renato Canova: „Ja, ich folge immer noch der Vorbereitung von Anna und Lisa.“ Die eher distanzierte Kooperation scheint den Punkt erreicht zu haben, an dem auch Bundestrainer Heinig war. „Sie brauchen größere Konzentration im Training, ohne Energie für Aktivitäten zu verschwenden, die nichts mit einer echten Strategie zu tun haben“, schreibt der 71 Jahre alte Meistertrainer aus Italien in einer E-Mail.

Anna habe 2015 eine Belastungsfraktur erlitten, was ihr einige Probleme mit dem (rechten) Bein eingebracht, sie aber nicht vom Training abgehalten habe. Dessen Qualität habe gelitten. In den zwei Monaten vor Rio habe sie unter Schmerzen trainiert, schreibt Canova; derzeit plane sie mit ihrem Mann Thomas, Canovas Trainingspläne an ihre Möglichkeiten anzupassen, etwa ans Schwimmen oder Radfahren, abhängig davon, wo sie sich gerade aufhalten. Lisa habe vor Rio Schwierigkeiten gehabt, sich von langen Trainingseinheiten zu erholen. Sie sei nun so weit, dass sie wieder mit dem Training beginnen wolle.

Newsletter 2016/11 des Vereins run2sky, den Dold für die Zwillinge gegründet hat, bestätigt den Befund. Weil sie ihr rechtes Bein beim Hannover-Marathon nicht belasten konnte, schreibt Anna Hahner, habe sie eine Magnetresonanztomographie machen lassen. Dabei sei ein zuvor nicht diagnostizierter Ermüdungsbruch im Lendenwirbelbereich entdeckt worden. Er sei verheilt gewesen, habe aber eine chronische Sehnenreizung mit Wassereinlagerung ausgelöst. Statt zu pausieren, habe sie weiter trainiert. „Gefühlt bin ich deshalb den Marathon nur auf dem linken Bein gelaufen“, schreibt sie über Rio. „Der Arzt hat mir meine Verletzung so erklärt. Ich bin mit einem ausgefransten Hanfseil losgelaufen. Das hätte halten können, hat es aber nicht und ist angerissen. Das ist keine leichte Verletzung, und es wird heilen. Und das wird nicht nur ein paar Tage, sondern viele Wochen brauchen.“

DLV-Sportdirektor Kurschilgen ist überrascht. „Die Kommunikation der Hahner-Zwillinge und ihres Managers Thomas Dold gegenüber den Leistungssportverantwortlichen im DLV war nie von Offenheit und Aufrichtigkeit geprägt“, schreibt er. „Insofern wurden Verletzungs- und Gesundheitsprobleme im Vorfeld der Olympischen Spiele in Rio nicht kommuniziert.“ Marathon-Karrieren können bis hoch in die dreißig gehen. Anna und Lisa Hahner haben Zeit für ein Comeback. Dazu brauchen sie eine verantwortungsbewusste und kompetente Betreuung. Was sie haben, ist eine Welt aus Websites und Werbe-Videos.

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