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Zehnkampf-Weltmeister Kaul : „Der erste Tag war scheiße“

Immerhin stark über die Hürden: Niklas Kaul Bild: dpa

Form und Fitness stimmen, aber er kann seine Kraft nicht in Punkte umsetzen. Weltmeister Kaul beendet den Qualifikations-Zehnkampf vorzeitig, bleibt aber dennoch optimistisch für Olympia.

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          Auf seine beiden besten Disziplinen verzichtete Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul beim Olympia-Qualifikationswettkampf in Ratingen. Er konnte es sich leisten, nicht weil er so gut durch die zwei Tage gekommen war, sondern weil die nationale Konkurrenz zu schwach auftrat oder mit Verletzungspech kämpfte. Jedenfalls kämpfte sich keiner weit und breit in Sicht, der die nötige Qualifikationsnorm von 8350 Punkte zusammenkratzen konnte. Am Ende gewann Kai Kazmirek, WM-Dritter von London, mit gerade mal 8184 Punkten vor dem Ulmer Mathias Brugger (8080) und Andreas Beckmann aus Frankfurt, der es auf 7955 Punkte brachte.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Auch Kaul hatte sich bis zum Zeitpunkt seines Ausstiegs nicht gerade mit Glanzleistungen präsentiert, woraus er auch keinen Hehl machte. „Der erste Tag war scheiße, dass muss man offen so sagen“, erklärte er nach der fünften Disziplin. Mit 4009 Punkten konnte er gerade mal die 4000er-Marke überwinden und übernachtete als Sechster.

          Paradox daran war für ihn vor allem die Eigen-Beobachtung, dass er sich „fit wie nie“ fühle, aber seine körperlichen Voraussetzungen nicht auf die Bahn bringen konnte. Er habe den Eindruck, so der Sport- und Physik-Student in einer kuriosen Art der Selbstbespiegelung, als sei er in einem Jahr „zehn Zentimeter gewachsen“. Kein Wunder also, dass er die  gewohnten Abläufe nicht mehr auf die Bahn bringe. Dem Augenschein nach ist Kaul aber immer noch 1,90 Meter groß. Seine Probleme in der technischen Umsetzung müssen einen anderen Grund haben.

          In Ratingen wiederholte der Mainzer schon zur Halbzeit seine Ankündigung, sich aus dem Wettkampf zu verabschieden, sollte absehbar sein, dass keiner seiner Konkurrenten in die Nähe der geforderten Norm kommen kann. Und so war es dann am Sonntag nach der achten Disziplin, weshalb der 23-Jährige vor dem Speerwurf schon seine Tasche packte. Zuvor hatte er wenigsten über 110 Meter Hürden seine Klasse unter Beweis gestellt, und in 14,38 Sekunden eine persönliche Bestzeit aufgestellt.

          Auch beim Traditionsmeeting in Götzis war es für Kaul Ende Mai nicht optimal gelaufen: mit 8263 Punkten belegte er dort nur den fünften Platz. Bei seinem sensationellen WM-Sieg 2019 erzielte er noch 8691 Punkte, im Jahr zuvor reiste er als Nachrücker für den verletzten Kai Kazmirek im letzten Moment nach Berlin und belegte als EM-Debütant Platz vier.

          Der zweite deutsche Zehnkämpfer für Tokio: Kai Kazmirek
          Der zweite deutsche Zehnkämpfer für Tokio: Kai Kazmirek : Bild: dpa

          Nach der Qualifikations-Logik des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) hätten drei Norm-Erfüller beim offiziellen Qualifikationswettkampf in Ratingen an diesem Wochenende Kauls Marke übertrumpfen müssen, um ihn noch aus dem Tokio-Kader zu kicken. Doch dazu war keiner des geschrumpften deutschen Zehnkampfteams in der Lage. Der Europameister von 2018, Arthur Abele, fehlte verletzt, der zweimalige WM-Medaillengewinner von 2015 und 2017, Rico Freimuth, sowie der WM-Zweite von 2013, Michael Schrader, beendeten ihre Karrieren im Oktober 2020. Und die Olympia-Träume von Tim Nowak platzten beim Stabhochspringen, als sein Stab brach. Der Ulmer musste ohne gültigen Versuch wegen einer Handverletzung aufgeben.

          So gilt Kauls WM-Leistung auch als erfüllte Norm für die Spiele von Tokio 2021, zu denen auch Routinier Kazmirek reisen wird. Trotz der schwachen Vorleistungen hat der Weltmeister immerhin sein Selbstvertrauen nicht verloren: „Wenn ich in Tokio antrete, mache ich mir keine Sorgen um die Form. Beim Saisonhöhepunkt hat es noch immer geklappt.“

          Semenya verfehlt Olympia-Norm deutlich

          Südafrikas Leichtathletik-Star Caster Semenya ist bei einem weiteren Versuch gescheitert, sich für die Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) zu qualifizieren. Bei der Laufnacht in Regensburg wurde die 30-Jährige über 5000 Meter in 15:57,12 Minuten gestoppt, damit blieb die zweimalige 800-Meter-Olympiasiegerin mehr als 47 Sekunden über der geforderten Norm (15:10,00).

          Derzeit darf Semenya international nicht über ihre Paradestrecke 800 m an den Start gehen – es sei denn, sie nimmt Medikamente, die ihren Testosteronspiegel senken. Im Kampf gegen diese sogenannte Testosteronregel des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics hatte sie zuletzt Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) eingereicht. Läuferinnen wie Semenya mit sogenannten „Differences of Sex Development“ (DSD) dürfen nach der Regel des Weltverbandes nur dann international auf den Strecken zwischen 400 Meter und der Meile bei den Frauen starten, wenn sie ihren erhöhten Testosteronspiegel durch die Einnahme von Medikamenten unter einen Grenzwert drücken. (sid)

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