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Schwimmerin Katinka Hosszú : Die Kämpfe der „Iron Lady“

Streitbarer Star: Die Ungarin Katinka Hosszú weiß ihr Heimspiel bei der WM zu nutzen. Bild: EPA

Katinka Hosszú ist der Star des Frauenschwimmens – und liegt im Clinch mit dem Weltverband. Dass sie zudem unter den Kollegen alles andere als beliebt ist, liegt auch an ihrem Ehemann.

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          Bis zum kommenden Sonntag schwimmen die besten Schwimmerinnen der Welt in Budapest um Titel. Das macht es einigermaßen kompliziert, über jene Schwimmerin zu berichten, deren Name bei diesen Weltmeisterschaften häufiger genannt werden wird als jeder andere. Katinka Hosszú, 28 Jahre alt, aus Pécs ganz im Süden Ungarns, ist der Star des Frauenschwimmens – zumal bei einer WM in der Hauptstadt ihrer Heimat.

          Als „Iron Lady“, Eiserne Lady, vermarktet sich Hosszú. Es gibt Iron-Lady-Badeanzüge, Iron-Lady-Fanschals und Iron-Lady-Puppen, Taschen, Flaschen, Fähnchen und jede Menge anderes Iron-Gedöns zu kaufen im Iron Store der Iron Corporation. Und zum Auftritt der Marke Katinka Hosszú gehört stets, möglichst viele Rennen zu bestreiten. Dafür legt sie sich, wenn es sein muss, sogar mit dem Internationalen Schwimm-Verband Fina an. Dieses Jahr muss es sein, aber zunächst steht die WM an.

          In Budapest jedenfalls schwimmt sie seit vergangenem Sonntag jeden Tag bis einschließlich kommenden Sonntag. Insgesamt voraussichtlich 15 Rennen, wenn nicht noch die eine oder andere Staffel hinzu kommt. Am ersten Tag der Beckenwettbewerbe standen schon einmal Vorlauf und Halbfinale über 200 Meter Lagen an und Hosszú schwamm souverän vorneweg. Auch am Montagabend galt sie als Favoritin und schwamm in 2:07,00 Minuten zu ihrem sechsten Weltmeistertitel in einem 50-Meter-Becken. Am Dienstagabend qualifizierte sie sich mit der fünftbesten Zeit für das Finale über 200 Meter Freistil. Angesichts einer solch offensichtlich guten Form ist das aber nur ein Zwischenstand.

          Auch ihr Ehemann Shane Tusup ist nicht jedermanns Liebling.

          Hosszú nimmt mit, was sie bekommen kann. Insbesondere seit ihr kalifornischer Ehemann Shane Tusup auch ihr Trainer ist – nach den für sie enttäuschenden Sommerspielen von London 2012 – lohnt sich die Medaillen-, Pokal- und Preisgeld-Addition so richtig. Damals war Katinka Hosszú 23 Jahre alt. Es gibt nicht wenige Experten, die angesichts einer solchen Leistungsentwicklung im durchaus fortgeschrittenen Schwimmer-Alter Verdacht schöpfen. Allein: Eine positive Doping-Probe ist nicht bekannt von Hosszú.

          Also bleibt es beim Geraune und bei nicht zitierfähigen Verdächtigungen. Tusup wirkt mit T-Shirt und Shorts, mit Bart und schräg getragener Flat Cap unter all den Schwimmtrainern im Bademeisterlook wie das Mitglied einer Studentenverbindung an einem amerikanischen College. Auch ihn gibt es als Plüschversion im Iron Store, aber der kuschelige Typ ist Tusup eher nicht. Der 29-Jährige hat ein erstaunlich gut zum Klischee des „frat boy“ passendes, leicht erregbares Naturell, was das Duo in der Schwimmszene jedenfalls nicht beliebter macht.

          In Budapest wird Hosszú mal wieder zur Dauerschwimmerin.

          Zwei Tage vor Beginn der Beckenwettbewerbe wurde bekannt, dass der schottische Coach Darren Ward Tusup und die Iron Corporation verklagt hat. Hintergrund ist ein Vorfall während der ungarischen Meisterschaften, als Tusup im Streit um eine Staffelbesetzung Ward weithin hörbar angeschrien haben soll: „Machst du Bastard das noch mal, werde ich dich töten!“ Die ungarische Presse berichtete über den Vorfall, Ward trat von seiner Position als Trainer des Schwimmvereins von Hosszú und Tusup (Iron Aquatics) zurück. Da eine gütliche Einigung nicht möglich gewesen sei, habe er keine Alternative zur Klage gesehen, zitiert das Portal swimswam.com Ward. Inzwischen haben sich die Anwälte der Parteien geeinigt, nach der WM über den Fall zu verhandeln – Tusup darf während der WM seinem Job nachgehen.

          Nach der Weltmeisterschaft dürfte sich dann auch der Konflikt verschärfen, den Hosszú selbst vor einigen Wochen auf den Plan gehoben hat. Nachdem die Fina die Zulassungsregeln für ihre mäßig erfolgreich vermarktete, aber für Schwimmer lukrative World-Cup-Serie verändert hat – und zwar so eindeutig zum Nachteil von Vielschwimmern, dass Hosszú, die auf der Tour Preisgelder in Millionenhöhe verdient hat, die Änderungen durchaus zu Recht als persönlichen Angriff auffassen durfte – hat sie sich zur Sprecherin der ausgebeuteten Schwimmerinnen und Schwimmer gemacht. Umstandslos gründete sie gemeinsam mit Tusup die Globale Vereinigung der Profi-Schwimmer (Gaps), der schnell diverse Olympiasiegerinnen und Olympiasieger sowie weitere Schwimm-Prominenz beigetreten sein sollen – der deutsche 200-Meter-Brust-Weltmeister Marco Koch zum Beispiel.

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          Der Zustand der Fina ist tatsächlich verheerend, und Schwimmer und Trainer haben so gut wie nichts zu melden bei der Verwaltung ihres Sports. Der soeben wiedergewählte, 81 Jahre alte Fina-Präsident Julio César Maglione versprach in Budapest in einem Moment der Großzügigkeit, „einen Athleten in jedes technische Komitee“ zu stecken. „Sie sind sehr glücklich und wir sind sehr glücklich“, sagte Maglione zum Verhältnis zu den Athleten. Seine Aufzählung ist allenfalls zur Hälfte zutreffend.

          Trotzdem fragt sich in Budapest manche unter Hosszús Konkurrentinnen, warum die Ungarin ihr Herz für eine Athletenvertretung erst gefunden hat, als die Fina ihr die Verdienstmöglichkeiten beschnitten hat. Federica Pellegrini, ein Dreivierteljahr älter als Hosszú, sagte der Turiner Zeitung „La Stampa“ jüngst: „Sie protestiert, weil sie ihr die Anzahl der Rennen gekürzt haben. Ihre Sache.“ Auf Nachfrage, gegen was Protest denn angezeigt sei in ihrem Sport, gab die Freistilschwimmerin, deren zur Schau gestellte Grandezza wie der Gegenentwurf zum stählernen Image der Ungarin wirkt, eine vielsagende Antwort. „Gegen Doping“, sagte Pellegrini. Sie sehe immer wieder Situationen, in denen Schwimmer wirkten wie vom Mars gekommen. Sie habe keine Beweise, also nenne sie keine Namen. „Aber ich habe die Erfahrung, seltsame Ergebnisse zu erkennen.“

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