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Kasparow versus Karpow : Neue Symbole, alte Rivalität

Der absolute Wille zum Sieg: Garri Kasparow (re.) und Anatoli Karpow Bild: AP

Die Welt sieht anders aus als 1984. Doch die Spannung, der Ehrgeiz, der fast mit Händen zu greifende Wille zum Sieg ist geblieben, wenn sich Garri Kasparow und Anatoli Karpow dieser Tage gegenübersitzen. In dem Retro-Duell stecken auch Zukunftschancen fürs Schachspiel.

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          Die roten Fähnchen mit Hammer und Sichel stehen nicht mehr neben dem Brett. Die triste Betulichkeit des Säulensaals im Gewerkschaftshaus in Moskau ist der kühlen Formsprache einer 75 Meter hohen Beton-Auster gewichen, dem Opernhaus des Star-Architekten Santiago Calatrava in Valencia. Die Welt sieht anders aus als 1984. Doch die Spannung, der Ehrgeiz, der fast mit Händen zu greifende Wille zum Sieg ist geblieben, wenn sich Garri Kasparow und Anatoli Karpow gegenübersitzen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          25 Jahre sind vergangen seit dem zähsten Duell der Schachgeschichte. Damals brauchte Kasparow 72 Partien und 14 Monate, um Karpow als Weltmeister und als Günstling des kommunistischen Weltreichs zu entthronen. „Die Zeit kann alle Wunden heilen“, sagt Kasparow nun, da sich die beiden zum Jubiläum wieder ans Brett setzen.

          Kasparow, der nach vier Partien mit 3:1 führt, skizziert den „Wendepunkt“ seiner Beziehung zum alten Feind Karpow so: „Als ich 2007 in Moskau inhaftiert wurde, war Karpow einer der wenigen, die versuchten, mich im Gefängnis zu besuchen. Eine große Demonstration professioneller Solidarität.“ Kasparow, der Putin-Gegner, konzentrierte sich nach der Schachkarriere auf die Politik – und lernte dadurch seinen härtesten Rivalen ganz neu kennen. Die Rivalität ist geblieben. Sie wohnen in verschiedenen Hotels in Valencia, benutzen separate Eingänge, fahren in separaten Aufzügen. Selbst Gangart und Laufrichtung beim Aufwärm-Match, simultan gegen jeweils zwanzig Amateurspieler am Montag, waren gegensätzlich. Karpow wanderte links herum durchs Karree. Kasparow sprang wie ein Tiger mit Rechtsdrall von Brett zu Brett.

          Volle Konzentration

          Die Arbeit des Denkens, die Energie des Willens

          Kasparow, der sich 2005 vom Turnierschach zurückzog, aber weiter im Internet spielt und neuerdings das norwegische Supertalent Magnus Carlsen trainiert, sagt: „Ich musste herausfinden, ob ich immer noch eine ordentliche Schachpartie spielen kann.“ Seine ersten beiden Spiele gegen Karpow zeigten: Er kann. Es ist immer noch dasselbe Schauspiel, Kasparow im Wettkampf zu erleben.

          Er macht sie sichtbar, die Arbeit des Denkens, die Energie des Willens: durch Augen, die mal Brett und Gegner finster anstarren wie in einem expressionistischen Stummfilm, mal die verschlungenen Wege der Figuren hektisch verfolgen; durch den Fuß, der wie ein Metronom wippt; durch Kiefermuskeln, die jede Zugvariante durchkauen. Dieser Energie war Karpow, obwohl er sich wochenlang mit drei Adjutanten auf den Wettkampf vorbereitete, zum Auftakt nicht gewachsen. Er verlor die ersten beiden Schnellschachpartien über je 25 Minuten.

          „Nur ein paar gute Erinnerungen neu beleben“

          Karpow ist zwölf Jahre älter, 58. Ein Kugelbauch schiebt sich aus dem Sakko. Er strahlt nicht die Spannkraft des anderen aus, aber eine tückische Behäbigkeit. Immer noch hat der Maestro des Positions- und Zermürbungsspiels diesen leichten, durchdringenden Silberblick, der jeden Gegner irritieren kann. Er suggeriert, alles zu sehen: Damen- und Königsflügel zugleich und vielleicht sogar die Gedanken des anderen.

          Kasparow hat den bösen Blick einst gebannt. Über das Match 2009 sagt er: „Es ist kein Vergleich mit 1984. Damals war es das Match meines Lebens.“ Heute nur eine angenehme Zugabe, versüßt mit einem wohl sechsstelligen Antrittsgeld. Ein weiteres Retro-Duell ist für Dezember in Paris angesetzt. Manche reden schon von einer „Welttour“ der beiden Altstars, darunter auch in Moskau, wo Kasparow gern schon jetzt gespielt hätte, wäre es nicht „aus politischen Gründen ausgeschlossen“ gewesen. Wegen der Publicity für den Putin-Gegner.

          Karpow scherzte: „Neben Premierminister und Präsident sind wir wahrscheinlich die berühmtesten Männer des Landes.“ Karpow behauptet: „Wenn Kasparow ans Schachbrett zurückkehrte, wäre er wieder der Beste oder einer der Besten.“ Kasparow aber beteuert, er habe „kein professionelles Interesse mehr am Schach. Ich will kein Comeback. Nur ein paar gute Erinnerungen neu beleben.“

          Veranstalter-Website kollabiert

          Vor allem die an ihr erstes WM-Duell: „Mit ihm begann das moderne Schach, wie ich es verstehe.“ Es wirkte stilbildend, zementierte aber auch die öffentliche Erwartung, dass Schach nicht in komplizierten Turnieren, sondern in großen, persönlichen Zweikämpfen stattzufinden habe.

          Millionen von Internet-Usern, die die Neuauflage in Valencia live verfolgen wollten, ließen die Website des Veranstalters nach wenigen Zügen kollabieren. Die aktuellen Nachfolger der beiden legendären Champions lösen solch großes Interesse nicht aus. Für das nächste WM-Duell stehen Teilnehmer und Zeitrahmen fest, Anand und Topalow im Frühjahr, aber ein Ort oder gar ein Geldgeber sind nicht in Sicht.

          Türöffner für arabisches Geld?

          Valencia stellt sich als „Wiege des modernen Schachs“ dar, weil angeblich dort im 15. Jahrhundert die Figur der Dame erfunden wurde. Vielleicht wartet die Rettung nun dort, von wo das Schachspiel über Spanien nach Europa kam: aus dem Orient? Obwohl weder als Sponsor noch in anderer Funktion genannt, eröffnete Sulaiman al-Fahim den Wettkampf in Valencia. Der Milliardär aus Abu Dhabi, Eigentümer des englischen Fußballklubs FC Portsmouth und an der Finanzgruppe beteiligt, der Manchester City gehört, will das große Schachturnier im spanischen Ort Linares zumindest zur Hälfte nach Abu Dhabi oder Dubai holen.

          Kasparow nennt als das Ziel der Retro-Partie, die an diesem Donnerstag mit acht Blitzpartien beendet werden soll, „dem Schach etwas von der verlorengegangenen Popularität zurückzugeben“. Sind Kasparow und Karpow zugleich Türöffner für arabisches Geld? 25 Jahre nach Hammer und Sichel ist am Schachbrett Platz für neue Symbole.

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