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Kasparow über Putin : „Die Leute machen Witze über ihn“

Auch bei der EU?

In Brüssel haben wir zusammen mit dem Europäischen Schachverband die Vorlage einer Deklaration im Europäischen Parlament erreicht und müssen nun für deren Annahme 350 Unterschriften der Parlamentarier bekommen. Das ist schwer, aber machbar. Viele der Parlamentarier sind Schachspieler. Und wir haben gute Beziehungen über die politischen Lager hinweg, von den Christdemokraten bis zu meinem Freund Daniel Cohn-Bendit.

Öffnet der Name Kasparow viele Türen?

Auf jeden Fall da, wo es um Schach geht. Der Name hat Magnetwirkung. Seit wir vor einem halben Jahr starteten, war ich in Brasilien, Südafrika, den Emiraten, der Türkei, England, Frankreich, Georgien. Überall sehen die Leute, wie engagiert ich bin, dass ich mein Wissen einbringe, meine Zeit opfere, um dieses Programm aufzubauen. Und das, ohne damit Geld zu verdienen. Nur meine Ausgaben werden erstattet.

Sie wirken motiviert. Dabei hätten sie Gelegenheit, frustriert zu sein. Sie beendeten Ihre Zusammenarbeit als Trainer mit Magnus Carlsen, scheiterten zusammen mit Anatoli Karpow beim Versuch, den Schach-Weltverband FIDE zu reformieren. Und nun tritt auch, wie von Ihnen lange prophezeit, Wladimir Putin wieder an, russischer Präsident zu werden.

Lassen Sie es uns aus einem anderen Blickwinkel sehen. Erstens: Ich hatte eine gute Zeit mit Carlsen. Er ist die Nummer eins der Welt, und ich habe bewiesen, dass ich ein sehr guter Coach sein kann, gut darin, meine Erfahrungen mit Jüngeren zu teilen, so wie sie Botwinnik mit mir geteilt hat, als ich jung war. Zweitens: Die Karpow-Kampagne war kein Erfolg. Das aber hat mich nur noch mehr motiviert, etwas zu tun, weil ich das ganze Übel der FIDE gesehen habe. Sie machen viel Lärm, aber stellen nichts auf die Beine, auch nicht im Schulschach.

Sie haben die Reform des Weltschachs von der Spitze her nicht geschafft, nun versuchen Sie es von unten, von den Wurzeln?

Es geht mir um Erziehung, und das braucht Glaubwürdigkeit. Welche Glaubwürdigkeit kann eine Organisation haben, deren Präsident Gaddafi traf und sich damit öffentlich brüstete? Wir versuchen, der Organisation des Schachs ihre Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Das kann man tun, indem man zur Attacke übergeht oder Alternativen anbietet, also etwas Neues tut. Viele Verbände haben gesehen, dass Iljumschinow verdorben ist, mit seinen ganzen Methoden, an der Macht zu bleiben, mit seinen Versprechungen. Die Fide bietet keine Zukunft, keine Vision.

Und Putin?

Er hat seine Optionen selbst begrenzt. Nun ist er Diktator auf Lebenszeit. Aber das Leben von Diktatoren ist unvorhersehbar. Schauen Sie sich Mubarak an: Letzten Dezember bekam er 90 Prozent. Die Stärke des Putin-Regimes war, dass es flexibel war. Er konnte als Liberaler auftreten, als Nationalist, als Populist, er konnte Images und Illusionen schaffen. Er hat vier Jahre Illusion gewonnen, indem er seinen Schatten Medwedjew vorschob, der viele Menschen in Russland und im Westen, einschließlich der Politiker von Washington bis Berlin, glauben ließ, er könne eine Alternative sein. Aber jetzt ist es sehr klar geworden, dass Putin lebenslänglich ist.

Das klingt resignativ.

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