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Bundestrainer Andreas Dittmer : Canadier-König kommt aus Kanada zurück

Der schnellste Indianer in seinem Element: Andreas Dittmer bei seinem Olympiasieg 2004. Bild: Picture-Alliance

Noch genießt er die Weiten, Wälder und Seen in Kanada. Bald übernimmt Andreas Dittmer als Bundestrainer die deutschen Canadier. Seine Ziele sind hoch, der Olympiasieger würde auch sein eigenes Denkmal stürzen.

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          Der Kontrollanruf des Gesundheitsamtes kommt täglich, die kanadischen Behörden nehmen die Corona-Vorsorge sehr ernst. Andreas Dittmer, designierter Bundestrainer im Kanu-Rennsport für die deutschen Canadier-Männer, hält sich derzeit in Neuschottland auf. An der Nordostküste Kanadas, in zweiwöchiger Hotel-Isolation, weil er für ein Trainingslager die Provinzgrenzen überschreiten musste. Immerhin darf er zweimal täglich mit seinem Team aufs Wasser – dank einer Sondergenehmigung.

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          Noch ist Dittmer Nationaltrainer der kanadischen Canadier, und die Gleichzeitigkeit von Quarantäne und Trainingslager passt zu der „etwas verrückten Saison“, die der 48-Jährige wegen der Corona-Krise erlebte. Als im März die Grenzschließung nahte, war Dittmer ebenfalls im Trainingslager – allerdings in Florida. Die 2400 Kilometer bis zur kanadischen Grenze absolvierte der begeisterte Wassersportler auf dem Landweg, mit dem Auto: „24 Stunden nonstop.“ Es hat geklappt, er kam noch so eben durch.

          Andreas Dittmer ist dreimaliger Olympiasieger im Canadier von 1996, 2000 und 2004 sowie achtmaliger Weltmeister. In seiner aktiven Zeit wurde er der „schnellste Indianer der Welt“ genannt. Wegen seiner eleganten und zugleich gewinnbringenden Art, das schmale Rennboot kniend mit dem Stechpaddel rasend schnell vorwärts zu bewegen, wegen seiner zahlreichen Medaillen, die ihn zum bis dato erfolgreichsten Canadier-Fahrer im Kanu-Rennsport machten, und auch ein bisschen wegen seines Aussehens. Dass er zehn Jahre nach seinem Karriereende 2018 Nationaltrainer der Canadier-Herren in Kanada wurde, passt nicht nur wegen des hübschen Wortspiels.

          „Ich hatte immer gute Kontakte nach Kanada“, sagt Dittmer, dem der hohe Stellenwert seines Sports dort gefallen hat. In dem weitläufigen Land mit den zahlreichen Seen gehört Paddeln zum Lebensstil. „Auf jedem dritten Auto siehst du am Wochenende ein Boot“, sagt Dittmer, der von der „traumhaften Landschaft“ mit dichten Wäldern und großartigen Seen schwärmt. Als ihn der kanadische Verband damals fragte, ob er sich den Posten als Nationaltrainer vorstellen könne, sagte er zu. Und nun, knapp zweieinhalb Jahre später, ist der 48-Jährige aus Neubrandenburg über den Umweg in Nordamerika zu seinem Traumjob in Deutschland gekommen, den er am 1. Oktober antreten wird.

          Tragende Rolle: Andreas Dittmer mit Boot.
          Tragende Rolle: Andreas Dittmer mit Boot. : Bild: ddp

          „Eigentlich wollte ich nach dem Abi Sport studieren und Trainer werden“, holt Dittmer etwas aus, um seinen Karriereweg zu beschreiben. Doch als der 1972 in Neustrelitz Geborene über seine Berufswahl sinnierte, war gerade die Mauer gefallen, und es gab gefühlt Tausende Trainer zu viel auf dem deutschen Markt. Also lernte er was Solides und wurde Bankkaufmann. Seiner Weltkarriere auf dem Wasser schadete das nicht. Nachdem er 2008 seine aktive Laufbahn beendete, trat er zunächst eine Stelle beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband an. Doch weil sein eigentliches Ziel noch immer der des Trainers war, bildete sich Dittmer stetig fort und absolvierte nebenbei sämtliche Lizenzen.

          Beim Deutschen Kanu-Verband (DKV) tritt er nun die Nachfolge von Bundestrainer Ralph Welke an, der nicht zuletzt als Heimtrainer von Sebastian Brendel große Erfolge vorzeigen konnte. Welke wollte eigentlich bis zu den Olympischen Spiele von Tokio agieren, hört nun wegen der Olympia-Verschiebung aber auf. Dittmer freut sich sehr auf die neue Aufgabe und scheut sich auch nicht vor der hohen Erwartungshaltung: „Wir streben in jeder Disziplin Medaillen an.“ Als neuer Bundestrainer setzt er sich ins gemachte Boot mit „leistungsstarken Athleten und einem sehr guten Trainerteam“. Den DKV kenne er als professionell geführten Verband: „Ich will nicht versuchen, die Strukturen zu ändern.“

          Sein neuer Stützpunkt wird in Potsdam sein, das Gros seiner Athleten kommt ebenfalls aus dem Osten, aus Leipzig, Potsdam, Magdeburg und Berlin. Das Prinzip der kurzen Wege macht die Arbeit im Trainingsalltag leichter, als er es aus Kanada kennt. „Da war es schwer, die Sportler zusammenzubekommen.“ Wenn einer für einen Lehrgang oder einen Wettkampf von der West- an die Ostküste musste, „war er fünf Tage unterwegs“. Im September werden Dittmer und seine Frau, die mit ihm das Abenteuer Kanada bestritten hat, nun mit guten Gefühlen zurück nach Deutschland ziehen. Auf die Zeit „im Ursprungsland unseres Sports“ blickt er „mit großer Dankbarkeit zurück“.

          Der Blick nach vorne ist dagegen von einer gewissen Unklarheit getrübt. Ob die Spiele von Tokio 2021 für den viermaligen Olympia-Teilnehmer die erste große Bewährung als Bundestrainer werden, kann er nicht abschätzen. „Als Sportler und Trainer wünsche ich es mir, dass die Spiele stattfinden können.“ Aber er wisse auch, welches Risiko damit verbunden sei. Den Trainingsbetrieb will er zumindest so angehen, als könne Olympia stattfinden. Und sollte alles perfekt laufen, wird er als Coach sogar dafür sorgen, sein eigenes Sportler-Denkmal zu stürzen: Sebastian Brendel könnte in Tokio zum vierten Mal Olympiasieger werden. „Damit habe ich absolut kein Problem“, sagt Dittmer: „Ich kenne keinen Neid.“

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