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Kampf um die Leichtathletik : Protest gegen das mediale Abseits

  • -Aktualisiert am

Dreispringerin Katja Demut: Wird ohne Vorbilder im Fernsehen das Interesse des Nachwuchses zerstört? Bild: dpa

ARD und ZDF verzichten auf die Liveübertragung der Leichtathletik-WM im Spätsommer in Südkorea. Ein Novum in der Geschichte dieser Titelkämpfe. Mehrere hundert Leichtathleten protestieren jetzt gegen diese Entscheidung - sie fordern die Präsenz ihrer Sportart im Fernsehen.

          „Aus tiefer Sorge über die Programmgestaltung von ARD und ZDF“ haben mehrere hundert Leichtathleten an die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten geschrieben, mit Kopie an Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere Spitzenpolitiker. Auslöser ist der - mit überzogenen Forderungen des Weltverbandes und dessen Agentur begründete - Verzicht von ARD und ZDF auf die Liveübertragung der Leichtathletik-WM im Spätsommer in Südkorea. Ein Novum in der Geschichte dieser Titelkämpfe.

          Die Leichtathletik sieht sich als „olympische Kernsportart Nummer eins“, fühlt sich aber trotzdem zunehmend ins mediale Abseits gestellt, was jetzt herausragende Sportler der Vergangenheit wie Heinz Fütterer, Manfred Germar, Armin Hary, Ulrike Nasse-Meyfarth und Willi Wülbeck sowie die aktuellen Kaderathleten „mit großem Unverständnis“ für die Argumente von ARD und ZDF beklagen. Leichtathletik-Weltmeisterschaften stellten nach Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften die bedeutendste Veranstaltung im Weltsport dar. Die beiden Sender missbrauchten ihre Monopolstellung, „die in Deutschland für die meisten Sportarten jenseits des Fußballs besteht“. Dass das Fernsehen auch im Sport die Themen setzt und Stars macht, ist unbestritten.

          Auswirkungen auf die Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2018?

          Es sei eine „einzigartige Aktion“, dass Athleten um die Präsenz ihrer Sportart im Fernsehen kämpften, sagt der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Clemens Prokop. „Besonders erfreulich ist, dass sich viele Ikonen der Leichtathletik-Geschichte solidarisieren.“ Prokop macht auch deutlich, dass es einerseits natürlich um die DLV-Interessen gehe, andererseits aber auch um einen Bewusstseinswandel im gebührenfinanzierten Fernsehen. Sportarten jenseits des Fußballs würden mehr und mehr aus dem Hauptprogramm gedrängt und selbst in den dritten Programmen zurückgefahren.

          Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Clemens Prokop: Eine „einzigartige Aktion”

          Ohne Vorbilder im Fernsehen aber werde erst das Interesse des Nachwuchses zerstört und dann die Sportart selbst. Es verletzte auch die Interessen von Millionen von Fernsehzuschauern, Sport nicht mehr angemessen in seiner kulturellen Vielfalt zu präsentieren, heißt es in dem Brief an die Intendanten. „Gleichzeitig fürchten wir, dass die nachlassende Präsenz im Fernsehen zu einer geringeren Attraktivität dieser Sportarten führt und letztendlich durch diese Politik von ARD/ZDF die internationale Leistungsfähigkeit des deutschen Spitzensports gefährdet wird.“ Schließlich sehen die Unterzeichner auch noch mögliche Auswirkungen auf die Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2018, wenn die Rahmenbedingungen für den olympischen Sport im deutschen Fernsehen schlechter würden.

          Irrwitziger Stellenwert des Fußballs

          Nun mag an einigen Stellen des Protestschreibens etwas dick aufgetragen worden sein, auch hätten sich die Leichtathleten nicht auf eine Quotendiskussion mit den Fernsehmachern einlassen sollen (was sie etwa mit dem Verweis auf Zahlen von 2009 bei der Heim-WM in Berlin, einem Sonderfall, tun). Auf Liveberichte gibt es für niemanden einen Rechtsanspruch. Doch grundsätzlich trifft der Befund ins Schwarze: Fußball darf sich breit und breiter machen.

          Bei der Verleihung der „Goldenen Sterne des Sports“ an gesellschaftlich besonders engagierte Sportvereine vor zwei Wochen in Berlin hat sogar Bundespräsident Christian Wulff vom Fernsehen gefordert, Breitensport als Breite des Sports zu verstehen und die „Zentrierung auf Fußball“ kritisiert. An die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein gerichtet sagte er: „Sie würden uns Älteren eine Freude machen, wenn Sie im Sportstudio fünf, sechs andere Sportarten auch zeigen würden.“ Dass Wulffs Anmerkungen oder der Aufschrei der Leichtathleten etwas verändern, ist kaum zu erwarten.

          Den irrwitzigen Stellenwert des Fußballs hat zu Jahresanfang die ARD-Vorsitzende, die WDR-Intendantin Monika Piel, betont: Das Erste brauche, trotz der immensen Rechtekosten (ein dreistelliger Millionenbetrag pro Saison), den Spitzenfußball. „Wer die Gebühr zahlt, möchte auch seinen Lieblingssport sehen. Es ist eines der Angebote, bei dem wir auch junges Publikum erreichen.“ Die Olympia-Übertragungen dagegen seien, so Monika Piel, „eine reine Geldfrage“. Deshalb sei es möglich, dass man auf die Spiele ganz oder teilweise verzichte. Als kürzlich die ARD „50 Jahre Sportschau“ feierte, klang das im Jubiläumsbericht so: Früher habe man ja noch Sportarten gezeigt, die heute nur bei Olympischen Spielen oder nicht einmal mehr dann im Fernsehen vorkämen. Es klang nicht einmal so etwas wie Bedauern durch. JÖRG HAHN

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