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K.o.-Sieg für Klitschko : „Jetzt sehe ich wie ein Boxer aus“

  • -Aktualisiert am

Gezeichneter Sieger: „Jetzt sehe ich wie ein Boxer aus” Bild: ddp

Zwar tat sich Wladimir Klitschko schwerer als gedacht, schließlich stand dann aber doch fest: Er bleibt Weltmeister im Profi-Boxen. Durch einen K.o. in Runde elf bezwang er den Amerikaner Tony Thompson und verteidigte so seinen Titel im Schwergewicht.

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          Boxen verbindet. Beide Hauptdarsteller des Abends nahmen ein Kampfsouvenir mit nach Hause: Wladimir Klitschko war unter dem linken Auge gezeichnet, Tony Thompson hatte die Platzwunde über der rechten Augenpartie verpflastert bekommen. Ein Provisorium, bevor genäht wurde. Für einen Moment wirkte der immer noch reichlich angespannte K.-o.-Sieger Klitschko amüsiert, als er feststellte: „Jetzt sehe ich wie ein Boxer aus.“

          In seinem Beruf muss sich der zur Führungsfigur aufgestiegene Karrierist im Regelfall nicht mehr die Hände schmutzig machen. Weil er mit einer Leichtigkeit zu gewinnen pflegt, die er der Unterlegenheit seiner Herausforderer verdankt. Am Samstag durchkreuzte Thompson diese Rollenverteilung, solange er noch bei Kräften war. Doch spätestens in Durchgang sieben waren Elan und Glaube des Amerikaners dahin, den Schwergewichtsweltmeister fällen zu können. Von da an zeichnete sich nach einer Rechten zum Kinn ein Ende ab, wie es in Runde elf mit dem K.-o.-Sieg des IBF- und WBO-Weltmeisters fällig wurde.

          Also musste „Plan B“ greifen

          Ganz Tribun des Volkes, griff sich Klitschko das Mikrofon, sagte in hanseatischer Mundart moin, moin zum Publikum und versicherte: „Es hat mir Spaß gemacht, gegen einen solchen Gegner zu boxen.“ In Wahrheit hielt sich der Spaß in Grenzen, weil der Rechtsausleger aus den Staaten Klitschkos linke Führhand „neutralisierte“. Trainer Emanuel Stuart und auch der Champion selbst beschrieben die Schwierigkeiten des Weltmeisters mit diesem Wort. Also musste „Plan B“ greifen, der forcierte Einsatz der rechten Schlaghand. Der Begriff verrät einiges über die Planwirtschaft im Camp des Weltmeisters.

          Ein Cut in der zweiten Runde

          Vermutlich hatten sie im Klitschko-Lager für den Fall der Fälle auch noch einen „Plan C“ ausgetüftelt. Wo andere auf ihren Instinkt vertrauen, baut Klitschko auf Strategien. Ein Musterknabe im Ring, solange ihm nicht zu viele Störfaktoren in die Quere kommen. Thompson, in der Rangliste der Schwergewichte an Position elf notiert, ärgerte Klitschko in Maßen, schüttelte ihn bei zwei kapitalen Treffern bis in seine Grundfesten durch, konnte ihn ansonsten nicht ernsthaft gefährden. Dafür fehlten dem Sechsunddreißigjährigen die Schlaghärte und die Raffinesse.

          „Es gibt keine richtigen Herausforderer“

          Für Bruder Witali Klitschko als Zuschauer war dieser Abend in Hamburg das, was er in der Fernsehwerbung zu Wladimir zu sagen pflegt: „Schwere Kost.“ Bruderherz Witali, ganz Diplomat, verteilte in der zweiten Stunde des Sonntags eine Zensur, die sich irgendwo zwischen gut und befriedigend bewegte: „Man kann besser boxen, aber man kann auch schlechter boxen. Er hat gezeigt, dass er der Beste in der Welt ist.“

          Lennox Lewis, als ehemaliger Weltmeister heute in den Diensten des amerikanischen Bezahlsenders HBO, brachte das generelle Problem der Königsklasse zur Sprache: „Es gibt keine richtigen Herausforderer.“ Für die Klitschkos ist das natürlich ein Segen. Wäre es anders, würde Witali nach Jahren im Ruhestand nicht das Risiko eingehen, am 11. Oktober quasi aus dem Stand WBC-Weltmeister Samuel Peter herauszufordern. Die Realisierung der Träume des Duos aus der Ukraine, zeitgleich so gut wie alle WM-Titel dieser Gewichtsklasse auf sich zu vereinigen, rückt also näher.

          Zweimal knickte Thompson ohne Schlagwirkung ein

          Dafür muss sich der jüngere Bruder allerdings demnächst einer Pflichtübung unterziehen: Der Russe Alexander Powetkin ist der Nächste in der Warteschlange derer, die nach seinen WM-Gürteln trachten. Wladimir Klitschko blickte etwas gequält drein, als der Name fiel. Die knapp elf Runden waren gerade absolviert, die ramponierten Kämpfer saßen noch beieinander, als bereits Zukunftspläne geschmiedet wurden. Mit 32 Jahren kommt auch ein Wladimir Klitschko in eine Zeitzone, die das Boxhandwerk zäher werden lässt. Auch wenn er meint, derzeit in der Form seines Lebens zu sein. Zwar gewinnt er von Kampf zu Kampf an Erfahrung, doch am Samstag war eine Verteidigungsstrategie zu beobachten, die nicht recht zu seinem Saubermann-Image passen wollte. „A little dirty“, ein bisschen schmutzig, nannte der Verlierer im kleinen Kreis Klitschkos Unart, sich auf den Gegner zu lehnen, ihn in den „Schwitzkasten“ zu nehmen.

          Zweimal knickte Thompson ohne Schlagwirkung ein, einmal schlug er samt Klitschko auf dem Ringboden auf. Schon nach vier Runden wirkten beide derart geschafft, als hätten sie bereist die doppelte Distanz hinter sich. Lange störte sich Kommentator Lewis an Klitschkos eindimensionalen „roboterhaften“ Versuchen, dem Herausforderer beizukommen. Erst als der Champion merkte, dass Thompson sein Pulver verschossen hatte, wurde er lockerer. Die 15 000 in der ausverkauften Arena spürten bis unter das Dach, dass der da unten die Entscheidung getroffen hatte, kurzen Prozess zu machen.

          „The Champ comes Home“

          Marcel Nartz, Matchmaker im Boxstall Universum, pflegt Wladimir Klitschko einen „Angstbeißer“ zu nennen und sah sich am Samstag in seiner eingeschränkt hohen Meinung vom Ukrainer bestätigt. Als Thompson nachließ, blühte der Weltmeister sichtlich auf. Zuvor schienen Zentnerlasten auf ihn einzuwirken. Stets gilt es, neben den eigenen auch die Erwartungen aller um ihn herum zu erfüllen. Einer, der es in bester Absicht allen recht machen will, dabei bisweilen wie ein überangepasster Perfektionist wirkt.

          Auf den Eintrittskarten lautete das Motto „The Champ comes Home“. Der Fernsehsender RTL variierte eine Nuance plakativer: „The Hero comes Home.“ Der Weltmeister geht nach dem Gastspiel in Hamburg, wo er mal klein anfing, wieder hinaus, um sich dem nächsten zu stellen. „Als Weltmeister muss man weltweit präsent sein“, antwortete Wladimir Klitschko auf die Frage nach einem absehbaren Wiedersehen in Hamburg. Der Champ ist einer, der nichts mehr beweisen muss, aber nach langer Zeit wieder zu spüren bekommen hat, wie es ist, gefordert zu werden. Der Titel war nie in Gefahr, aber für den Heldenstatus hat er auch nicht groß punkten können.

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