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Justine Henin : Wie eine Patentante im Mädchenpensionat

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Gereifte Tennisspielerin Henin: nicht nur Sport, Seifenopern und Schmuck im Sinn Bild: AFP

Sie hat nicht nur Sport, Seifenopern und Schmuck im Sinn: Justine Henin engagiert sich für Unicef und kümmert sich um ihre Kinderkrebshilfe-Stiftung. Nach ihrem Comeback könnte ihr in Stuttgart der erste Turniersieg gelingen.

          Das Motto des Stuttgarter Tennisturniers lautet seit Jahren „Girls, Set & Match“. Diese verniedlichende Eigenwerbung kann man gut finden oder auch nicht, in jedem Fall trifft sie den Nagel auf den Kopf: Geben doch in der Porsche-Arena vor allem Mädchen ihr Stelldichein, die auf dem Platz sehr strebsam arbeiten und abseits des Gevierts das schwäbische Gute-Laune-Angebot total toll finden. Wenn die jungen Tennisspielerinnen nicht gerade auf Filzbälle eindreschen, dann werden sie rund um die Uhr vom Veranstalter gehätschelt und getätschelt, und der Höhepunkt dieser Stuttgarter Verwöhnwoche ist für die meisten eine rasante Fahrt in einem Flitzer des Hauptsponsors. „Caro“ und „Vika“, unter ihren bürgerlichen Namen Caroline Wozniacki und Victoria Asarenka in den Top Ten der Weltrangliste geführt, konnten sich gar nicht mehr einkriegen nach der Raserei mit dem neuen 911er. Leider stand ihre sportliche Leistung in keinem Verhältnis zu den Pferdestärken des Porsche, so dass ihre Turnierwoche fast so schnell beendet war wie die Spritztour auf der Straße.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Während die 19 Jahre alte Dänin Caroline Wozniacki und die ein Jahr ältere Weißrussin Victoria Asarenka ob des Fahrerlebnisses um die Wette schwärmten, lobte eine ältere Kollegin in ihrer gewohnten Nüchternheit das Ergebnis der sportlichen Veranstaltung. Sie sei gerne in Stuttgart, sagte Justine Henin, weil das Turnier „perfekt organisiert“ sei. Das klingt sachlich, das wirkt ein wenig spröde und stellt den größtmöglichen Gegensatz dar zu den giggelnden Girlies, die die Belgierin umgeben: Justine Henin erscheint wie eine Patentante im Mädchenpensionat.

          Anders als ihre jüngeren Konkurrentinnen ist die 1,67 kleine, große Dame im Damentennis aber im Rennen um den Sportwagen geblieben, den es in Stuttgart zusätzlich zur Siegprämie als Bonus gibt. Nach ihrem 6:3, 6:2-Sieg am Samstag im Halbfinale über die Israelin Shahar Peer könnte die Belgierin ihre deutsche Woche mit dem ersten Turniersieg seit ihrem Comeback krönen. „Ich genieße es“, sagt die Wallonin, die an diesem Sonntag im Endspiel gegen die Australierin Samantha Stosur antritt. Ganz nebenbei ist die ehemalige Weltranglistenerste bei ihrem fünften Turnier auch dem Comeback schon unter die besten zwanzig Spielerinnen der Welt zurückgekehrt.

          Justine Henin: als Person weiterentwickelt

          In Griechenland über sich und die Welt nachgedacht

          Dass Justine Henin nach ihrer im Mai 2008 Knall auf Fall beendeten ersten Karriere in „die abgeschlossene Welt des Tennis“, wie sie ihr Berufsumfeld nennt, zurückgekehrt ist, zeugt nicht nur von altem Ehrgeiz, sondern auch von neuer Reife der Belgierin. In den zwanzig Monaten vor ihrem Comeback im vorigen Januar habe sie sich weniger als Tennisspielerin, sondern vielmehr als Person weiterentwickelt. Die ersten beiden Monate verbrachte Justine Henin allein in Griechenland, wo sie über sich und die Welt nachgedacht habe.

          Danach kümmerte sie sich um ihre Kinderkrebshilfe-Stiftung, gründete neue Tennisschulen und reiste für das Kinderhilfswerk Unicef nach Kongo, nach Kambodscha und anderswo. Im Gegensatz zu ihren jungen Kolleginnen, die in ihrer Freizeit auf Shoppingtour gehen oder Seifenopern schauen, habe sie „viel über sich und das Leben erfahren“, sagte die Belgierin, die schon zuvor einiges durchgemacht hatte: Nach dem frühen Tod ihrer Mutter überwarf sie sich mit der restlichen Familie, flüchtete sich in eine Ehe mit dem Tennislehrer Pierre-Yves Hardenne, ließ sich wieder scheiden. Es war eine lange Odyssee, ehe Justine Henin bei sich selbst angekommen ist.

          „Mein Tennis ist besser, wenn ich öfter ans Netz vorrücke“

          Fortschritte hat sie auch in ihrem Spiel gemacht; das müssen auch die jüngeren Konkurrentinnen neidvoll anerkennen. „Sie spielt so gut, wie man es von ihr gewohnt war - vielleicht sogar besser“, sagte die Serbin Jelena Jankovic, die sich mit der Wallonin im Stuttgarter Viertelfinale einen Schlagabtausch auf höchstem Niveau bot, aber letztlich auch das zehnte Duell verlor. Zwar besticht Justine Henin wie früher durch ihre einhändige Rückhand, die zum Allerfeinsten auf der Damentour gehört, und auch ihr Siegeswille ist weiter ungebrochen.

          Doch im Gegensatz zu ihrer ersten Karriere, als sie 117 Wochen an der Spitze der Weltrangliste stand, ist sie aggressiver und mutiger geworden, hat nicht nur ihren Aufschlag stark verbessert, sondern sucht auch schneller den Abschluss am Netz. „Mein Tennis ist besser, wenn ich öfter ans Netz vorrücke“, sagt Justine Henin, die mit ihrem Service und ihrem Volley nun beste Voraussetzungen besitzt, um sich ihren größten Wunsch zu erfüllen: einen Triumph auf dem Rasen von Wimbledon, dem einzigen Grand-Slam-Turnier, das sie noch nie gewinnen konnte.

          Ihr Porsche steht daheim in der Garage - ohne Kratzer

          Ihre Spielweise mag sich nur geringfügig geändert haben, aber in ihrem distanzierten Auftreten ist sich die siebenmalige Grand-Slam-Turniersiegerin treu geblieben. „Sie kommt auf den Platz, begrüßt dich, spielt und verabschiedet sich gleich wieder“, beschrieb die deutsche Fed-Cup-Spielerin Andrea Petkovic ihre Erfahrung beim gemeinsamen Training. Dabei gilt die 22 Jahre junge Darmstädterin Andrea Petkovic selbst als Ausnahmeerscheinung unter den Tennis-Twens, weil sie nicht wie die anderen nur Sport, Seifenopern und Schmuck im Sinn hat, sondern neben dem Profitennis Politikwissenschaften studiert.

          Justine Henin erlaubt sich dieser Tage in Stuttgart nur eine klitzekleine Extravaganz. Bei ihren Matches trägt sie eine Kappe, obwohl in der Arena nicht die Sonne grell scheint, sondern Scheinwerfer den Platz gut ausleuchten. Der flotte Flitzer hingegen, an dem sich die anderen Mädels so ergötzen, lässt sie kalt. Ihr Porsche, den sie vor drei Jahren als Stuttgarter Turniersiegerin erhielt, steht daheim in der Garage. Übrigens ohne Kratzer, sagt Justine Henin, die sich sonst rein gar nicht um Äußerlichkeiten schert.

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