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Radsport : Der Albtraum Alaphilippe

  • -Aktualisiert am

Jakob Fuglsang (links) erklärt Julian Alaphilippes (rechts) Erfolgsgheimnis ganz einfach: „Er war einfach der Stärkere“ Bild: dpa

Ganz auf Angriff eingestellt: Der französische Radprofi Julian Alaphilippe trumpft im Frühjahr auf – und die Konkurrenz ist beeindruckt. Nun ist er Favorit für Lüttich- Bastogne-Lüttich an diesem Sonntag.

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          Julian Alaphilippe ist der König des Radsportfrühjahrs. Erst gewann er in Italien das Lehmstraßenrennen Strade Bianche und die Classicissima Mailand–Sanremo. Dann sah er schon wie der sichere Sieger beim Amstel Gold Race aus. Am Mittwoch entschied er den Wallonischen Pfeil für sich, und der Franzose gilt nun auch für Lüttich–Bastogne–Lüttich am Wochenende als großer Favorit. Seine Widersacher sind schwer beeindruckt. Dazu gehört Jakob Fuglsang. Der Däne war gerade beim Wallonischen Pfeil von Alaphilippe im Spurt bezwungen worden. Beide hatten auch die Entscheidung bei den Strade Bianche unter sich ausgemacht, mit dem besseren Ende für den sprintstärkeren Franzosen.

          Und wenn Fuglsang und Alaphilippe sich beim Taktieren auf den letzten Metern des Amstel Gold Race nicht verkalkuliert hätten, wären sie da auch auf den Plätzen eins und zwei gelandet. Der Poulidor-Enkel Mathieu van der Poel führte aber noch die Verfolgergruppe heran und siegte. Fuglsang blieb lediglich die Genugtuung, Alaphilippe im Sprint um Position drei in die Schranken gewiesen zu haben. „Es war dumm von uns letzte Woche. Ich war noch froh, auf dem Podium zu sein. Jetzt aber habe ich nichts falsch gemacht. Alaphilippe ist einfach der Stärkere“, lautete die Ardennen-Analyse des Dänen, und er fügte hinzu: „Ja, für viele Rennfahrer ist Alaphilippe ein schöner Albtraum geworden.“

          Siege im Massensprint

          Alaphilippe freilich fühlt sich eher wie in einem Traum. „Es war schön, meinen Sieg vom Vorjahr hier wiederholen zu können. Es war damals mein erster großer Sieg als Profi. Ich liebe das Rennen. Und ich wollte auch wieder gewinnen“, sagte er am Mittwoch. Das ist seine vielleicht wichtigste Eigenschaft: Er will gewinnen, bei möglichst jedem Rennen, das er bestreitet. Und deshalb sucht er sich seine Chancen, startet Attacken und sprengt das Feld. Seine Siege holt Alaphilippe nicht im Massensprint und nicht nach langen Alleinfahrten. Typischerweise kreiert er mit eigenen Vorstößen kleine Gruppen von starken Fahrern, die unterwegs prächtig harmonieren. Und dann setzt sich der Franzose im Finale mit enormem Schwung durch. Er ist derzeit im Klub der vielseitigsten Fahrer – dazu gehören außer ihm noch die früheren Weltmeister Peter Sagan und Michal Kwiatkowski – der fitteste und mental Stärkste. Diese Kombination macht Alaphilippe zu einem herausragenden Radprofi. Wo er auch antritt: Sehr häufig springt ein Sieg heraus.

          Der Franzose profitiert dabei auch maßgeblich von seinem Rennstall, dem Team Deceuninck Quick Step, einer Klassiker-Mannschaft schlechthin. Das „Wolfsrudel“ – so titulieren sich die Männer in der blau-weißen Rennkleidung gern selbst – hat große Erfahrung darin, Erfolge zu planen. Und das Team verfügt über viele Rennfahrer, die diese Strategie umsetzen können. Alaphilippe ist in diesem Ensemble der beste Finisseur. Seine Vielseitigkeit verdankt er – wie Sagan auch – dem Training im Gelände. Er wurde U-23-Meister im Cyclocross und siegte im Weltcup. Die Kraft dafür holte sich Alaphilippe im Radsportteam der französischen Armee. Im Portal der Streitkräfte sind noch immer Meldungen über die Erfolge des „Soldaten Alaphilippe“ nachzulesen. Französische Teams wollten das Talent aber nicht haben. Grund dafür dürfte sein: Alaphilippe hat weder die Anlagen zum Massensprinter noch zum Extremkletterer oder Rundfahrt-Patron.

          „Er könnte, wenn er sein Training darauf abstellte, sicher in die Top 10 der Tour de France fahren. Aber dann müsste er jeden Tag mit den zwei, drei Besten mithalten. Es ist ein Rennen des Abwartens. Das ist einfach nicht sein Temperament“, charakterisierte ihn sein Cousin und Jugendtrainer Franck Alaphilippe. Mit der Umstellung auf die großen Rundfahrten würde Alaphilippe auch an Explosivität einbüßen. „Dann würde er nicht mehr so viele Siege holen. Das aber liebt er: Rennen zu gewinnen und die Arme hochzureißen. Das motiviert ihn, das treibt ihn an“, sagt Franck. Ganz im Angriffsmodus eroberte Alaphilippe im vergangenen Jahr auch das Bergtrikot bei der Tour de France; dazu gelangen ihm Etappensiege.

          Will Alaphilippe allerdings in großem Stil für Aufsehen im Radsport sorgen, wird er sich wohl doch umstellen müssen – und lernen müssen, auch mal abwarten zu können bei einem Rennen, vor allem in den Bergen. Frankreich wartet noch immer auf den Nachfolger des großen Bernard Hinault. „Ich schließe nicht aus, dass er in späteren Jahren noch sein Programm ändert“, sagt Franck Alaphilippe – und bezieht sich damit auch auf die Erwartungen in der Heimat in Sachen Tour. Momentan fasst Julian Alaphilippe aber vor allem die Klassiker des Radsports und Etappenerfolge bei den Rundfahrten ins Auge. Der Albtraum für die Gegner wird weitergehen.

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