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Judoka Alexander Wieczerzak : Entweder Rio 2016 oder Agenda 2020

Kämpfer: Alexander Wieczerzak will bei der Reise nach Rio dabei sein. Bild: Imago

Judoka Alexander Wieczerzak startet bei der EM in Russland. Sein großes Ziel ist aber Olympia in Rio im August. Auf dem Weg dahin hat er aber schon so manchen Rückschlag erlitten.

          „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter“, heißt eine alte Volksweisheit, die gerne auch Sportler zitieren, wenn sie ihr Comeback nach einer Verletzungspause oder einer Formkrise angehen. Vor der Judo-Europameisterschaft in der russischen Stadt Kasan, die am Donnerstag begann, kennt der Wiesbadener Alexander Wieczerzak den Spruch und das dazugehörige Gefühl zur Genüge. Schließlich hat der EM-Dritte von 2015 schon so manchen Rückschlag auf seinem geplanten Weg zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro erlitten.

          Im vergangenen Jahr warf ihn eine Knieverletzung zurück. Im Sommer zuvor hatte ihn Bundestrainer Detlef Ultsch kurzzeitig aus disziplinarischen Gründen aus dem Nationalkader gestrichen. Und mit seinem Heimatverein, dem Judo-Club Wiesbaden (JCW), ist er davor trotz seines großen Einsatzes aus der Bundesliga abgestiegen, was sich nicht gut mit seinen Olympiaplänen in Einklang bringen ließ. Also verlegte der junge Mann sein Teamstartrecht erst nach Großhadern, dann nach Hamburg. Wieczerzak, den neben seinem Ehrgeiz auch ein sonniges Gemüt auszeichnet, nahm bislang jedes Problem als Signal, anschließend eben noch härter trainieren zu müssen.

          Doch nach dem Grand Prix in Havanna Mitte Januar 2016 hatte es ihn richtig hart erwischt. Erst schien noch alles gut, sein fünfter Platz bei dem hochwertigen Wettkampf brachte ihm 60 wichtige Punkte in der Weltrangliste ein. Doch eine Woche später brach erst er - und danach seine Welt zusammen. Der Athlet kippte um, dachte zunächst noch, es sei eine normale Grippe, die ihm zu schaffen machte, doch die Symptome wurden schlimmer. Der Teamarzt der Nationalmannschaft schaltete richtig, schickte ihn in eine Tropenklinik.

          Und die behielten ihn gleich da. Wieczerzak war am Dengue-Fieber erkrankt, kurzzeitig schwebte der 25-Jährige sogar in Lebensgefahr. Auf Kuba hatte ihn die Aenges-Mücke gestochen und infiziert. Statt beim Grand Slam in Paris auf der Matte zu stehen, lag er auf der Intensivstation. Auch auf das nachfolgende Turnier, den von ihm hochgeschätzten Heim-Grand-Prix in Düsseldorf, musste der in Köln lebende Kämpfer verzichten. Trotz des gesundheitlichen Albtraums lebte sein sportlicher Traum von Olympia aber weiter. „Ich kämpfe mich zurück ins Geschehen“, kündigte er fast trotzig an.

          Endgültige Nominierung erst im Mai

          Und schaffte es tatsächlich, Ende März wieder dabei zu sein - beim Grand-Prix in Tiflis. Mit einem fünften Platz meldete er sich dort auf beachtliche Art zurück. Hätte ihn im kleinen Finale nicht die Kraft verlassen, wäre sogar Rang drei möglich gewesen. Dennoch fühlte sich Wieczerzak danach, als wäre er von den Toten auferstanden. Allerdings hatte in der Zwischenzeit der Berliner Sven Maresch deutlich mehr Punkte für Rio gesammelt. Und Maresch ist der Rivale des Wiesbadeners um den einen deutschen Startplatz für Olympia.

          Maresch gehört wie Wieczerzak zur erweiterten Weltklasse in der 81-Kilo-Klasse, bei den Europameisterschaften zählen beide zu den Medaillenkandidaten. Und das will etwas heißen, denn gemäß Normalverteilung tummeln sich in dieser mittleren der sieben männlichen Gewichtsklassen die meisten Rivalen. Aus deutscher Sicht stand die Halbmittelgewichtsklasse bei den vergangenen Spielen dennoch für den größtmöglichen Erfolg. Ole Bischof gewann 2008 die Goldmedaille und legte 2012 in London noch einmal Silber nach, ehe er vom aktiven Sport zurücktrat - und seine Nachfolgeregelung akut wurde.

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          Die Verantwortlichen des Deutschen Judo-Bundes halten sich derzeit noch bedeckt, was die endgültige Nominierung für Rio angeht. Wie bei der Wieczerzak-Maresch-Frage hat der Verband auch in fünf weiteren Klassen bei Frauen und Männern die Qual der Wahl zwischen zwei Spitzenkräften. Die Ergebnisse von Kasan werden in die Bewertung einfließen, doch es gelten neben der Weltrangliste auch weichere Kriterien wie Leistungsverlauf, Formaufbau und nicht zuletzt ein Gesundheitscheck. Die endgültige Nominierung ist für Ende Mai vorgesehen, wenn auch der Grand Slam in Baku und das World Masters in Mexiko gekämpft wurden.

          In der aktuellen Qualifikations-Rangliste für Rio liegt Wieczerzak nur knapp hinter Maresch, doch auch das Alter spricht gegen ihn. Der Berliner ist 29 Jahre alt - und damit im besten Wettkampfalter. Auch Bischof war 29, als er Olympiasieger wurde. Wieczerzak wird dagegen erst in vier Jahren das „goldene Alter“ erreicht haben, wenn die Spiele von Tokio anstehen. Sollte er es also nicht nach Rio schaffen, würde ihn auch dieser Rückschlag nicht umbringen. Denn er hätte ja ein weiterführendes Ziel: seine persönliche Agenda 2020.

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