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Ob Beckenbauer oder Maske : Im Kreis der Weltstars

  • -Aktualisiert am

Schon 30 Jahre her: der WM-Triumph Deutschlands in Italien 1990 Bild: dpa

Hartmut Scherzer traf fast sämtliche Größen des Sports und berichtete über sie. Nach mehr als sechs Jahrzehnten im Geschäft blickt der Journalist auf seinen Lebensweg an der Seite des Weltsports zurück.

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          Am vergangenen Wochenende hat Hartmut Scherzer mal wieder Fußball gespielt. Mit 82. Im Kreis der deutschen Fußballweltmeister von 1990, die in der Toskana gemeinsam mit ihrem Teamchef Franz Beckenbauer das dreißigjährige Jubiläum ihres Titelgewinns durch den 1:0-Sieg über Argentinien feierten. Dorthin waren nur wenige Journalisten, die damals dabei waren, eingeladen – darunter Hartmut Scherzer, eine Größe unter den deutschen Sportreportern, der couragiert, wie er noch immer ist, das beliebte Fußballerspielchen fünf gegen zwei oder vier gegen eins mitmachte.

          Rudi Völler, einer der Champions von Rom, nötigte Scherzers hingebungsvoller Einsatz am Strand des Tyrrhenischen Meers hohen „Respekt“ ab. Der frühere deutsche Hochschulmeister in der Leichtgewichtsboxklasse, als Freizeitkicker ein Fleißarbeiter aus der Defensivabteilung, sagte beim Blick zurück auf ein weiteres schönes Erlebnis seiner schillernden Vita auf Nahdistanz zu den Größen des deutschen Fußballs: „Sie haben mich ganz schön herumgejagt.“

          Wie ein Lebenswerk

          Drei Tage nach der Rückkehr vom spätsommerlichen Italien-Ausflug erwiesen einige Weltmeister des Fußballs, voran Beckenbauer, aber auch andere Größen des Sports wie der frühere Box-Olympiasieger und spätere Weltmeister „Gentleman“ Henry Maske ihrem Wegbegleiter Scherzer die Ehre. Der schien zwischenzeitlich den Tränen der Rührung ziemlich nah. Nicht untypisch für einen Mann, der seit 62 Jahren Sportjournalist und seit Jahren auch Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist.

          Das Tor in Wembley: Auch bei diesem Ereignis war Scherzer dabei.
          Das Tor in Wembley: Auch bei diesem Ereignis war Scherzer dabei. : Bild: dpa

          Scherzer hat ein lesenswertes Buch mit dem anspruchsvollen Titel „Welt Sport“ geschrieben, das so etwas wie sein Lebenswerk ist. Wer bei 15 Fußball-Weltmeisterschaften rastlos dabei war, über 21 Olympische Spiele berichtet und 33 Mal die Tour de France begleitet hat, der kann aus einem riesigen Fundus triumphaler, trauriger und tiefenscharf geschilderter Erfahrungen und Erlebnisse schöpfen.

          Beckenbauer, dem der junge UPI-Nachrichtenagenturjournalist Scherzer in der Kabine des Wembleystadions nach dem gegen England verlorenen WM-Finale 1966 erstmals angenehm auffiel, hatte in dem jungen Reporter über Jahre einen Karrierebegleiter, dem er in seiner bajuwarischen Offenheit vieles anvertraute. Am Mittwoch wurde noch einmal über Geoff Hursts berüchtigtes Wembley-Tor zum 2:3 bei der 2:4-Niederlage nach Verlängerung geredet, das aus deutscher Sicht keines war. Und Beckenbauer fragte Scherzer mit der gespielten Strenge desjenigen, der keine Widerrede duldet: „War es ein Tor, oder war es keins?“ Der in der Nähe von Frankfurt lebende Zeitzeuge antwortete in „Kaisers“ Namen wie auf Bestellung: „Es war kein Tor.“

          Hartmut Scherzer: Welt Sport – 60 Jahre Erlebnisse einer Reporter-Legende. Societäts-Verlag, Frankfurt 2020, 736 S., geb., 25,– €.
          Hartmut Scherzer: Welt Sport – 60 Jahre Erlebnisse einer Reporter-Legende. Societäts-Verlag, Frankfurt 2020, 736 S., geb., 25,– €. : Bild: Societäts-Verlag

          So war das auch wieder geklärt vis-à-vis dem in puncto Klasse und Aura unerreichten zauberhaftesten Fußballspieler deutscher Provenienz. Beckenbauer und Muhammad Ali, der wie mit einem Florett kämpfende König der Boxer, sind Scherzers Idole geblieben. Und so war der „Deutsche mit der Glatze“, wie Ali den Mann nannte, der nach jedem Kampf zu ihm in die Kabine durfte, auch ein Journalist, der seit Jahren mit seinen Mitteln für die Gleichberechtigung der Schwarzen in Amerika kämpft. Das Motto „Black Lives Matter“ hat sich Scherzer zu eigen gemacht.

          „Fast ein wenig scheu“

          Die seinetwegen am Mittwoch auch mit freundlicher Unterstützung von Eintracht Frankfurt in die Arena am Stadtwald kamen, darunter Walther Tröger, der frühere Präsident des Nationalen Olymischen Komitees für Deutschland, die ehemalige Fechtweltmeisterin Cornelia Hanisch, die Frankfurter Fußballweltmeister Bernd Hölzenbein und Andreas Möller sowie die Eintracht-Ikone Karl-Heinz Körbel, ließen Scherzer an diesem Abend, den Johannes B. Kerner moderierte, so hochleben, dass der zwischendurch zugab, „auf der Bühne fast ein wenig scheu“ zu sein.

          Als aber der bekennende „Eintrachtler“ Auszüge aus seinem Buch vorlas, in denen Ali die größten Fights der Boxwelt gewann und später den Kampf gegen die Tücken der Parkinson’schen Krankheit verlor, durchleuchtete Scherzers Reportersprache den Abend, der diesem Journalisten mit einer staunenswerten Lebensleistung an der Kreuzung zwischen großen Emotionen und nüchterner Einordnung des Erlebten gehörte. Auf über 730 Seiten hat dieser Autor seine oft genug gesellschaftspolitisch grundierten Geschichten des Sports und seiner manchmal fast schon geliebten Protagonisten aufgeschrieben. Am Mittwoch servierte der Mann, der im Kosmos der Ikonen des Boxens, des Fußballs und des Radsports daheim ist, ein paar Kostproben aus „Welt Sport“, ehe er die kleine Lesung aus seinem Opus magnum lakonisch mit der Bemerkung „So, das war’s“ beendete.

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