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Radklassiker am 1. Mai : Degenkolb und der Stich

  • -Aktualisiert am

Bild: Wonge Bergmann

Viermal müssen die Radprofis den steilsten Anstieg des Klassikers am 1. Mai in Frankfurt hochklettern. Gewinnen können sie das Rennen dort nicht, aber verlieren. FAZ.NET war vorab mit John Degenkolb am „Mammolshainer Stich“ – der berüchtigsten Stelle des Rennens im Taunus.

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          Die Dachdecker vertrauen der Haltekraft der Handbremse nicht. Sie haben dicke Steine vor alle vier Reifen ihres Transporters gelegt. In den Vorgärten blüht es, die Garagen hinter den schmalen Einfahrten sind geschlossen. 364 Tage im Jahr geht das Leben seinen beschaulichen Gang auf der Straße Am Steinbruch. Doch am 1. Mai wird das schmale Asphaltband in Königstein Jahr für Jahr zum Mammolshainer Berg.

          Berüchtigt bei Rennradfahrern, beliebt bei den Zuschauern, die bei „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ nirgends so dicht an dicht stehen. An dem 200 Meter kurzen Steilstück bilden die Fans ein so enges Spalier, dass kaum drei Profis nebeneinander fahren können. Der Stich mit seiner, laut Veranstalter, Steigung von bis zu 23 Prozent ist der Stimmungsschwerpunkt des Rennens, der markanteste Abschnitt, irgendwie auch die Seele der Großveranstaltung.

          Tour-de-France-Gefühl im Taunus

          „So ein bisschen ein Tour-de-France-Gefühl“ habe er hier oben immer, sagt Bernd Moos-Achenbach. Der Veranstalter des Frankfurter Radklassikers hat das Peloton am 1. Mai bei fast allen der 54 Auflagen des Rennens schon hier hinaufstrampeln sehen. Der Stich im Königsteiner Ortsteil Mammolshain hat nämlich noch jede Streckenänderung des Traditionsrennens überstanden. Von diesen Bildern - die Rennfahrer im Wiegetritt vor der Frankfurter Skyline sind das beliebteste Panorama des Tages - konnten Moos-Achenbach und seine Helfer nicht genug bekommen. Also beschlossen sie vor zwei Jahren, den Mammolshainer Berg künftig gleich vier Mal überqueren zu lassen. „Hier stehen am 1. Mai viele alteingesessene Radsportfreunde bei Bratwurst und Bier. Das ist für mich ein Platz zum Wohlfühlen“, sagt Moos-Achenbach.

          Bilderstrecke

          Das sehen die Rennfahrer nicht ganz so. John Degenkolb hat am Montag das Steilstück bei einer Trainingsfahrt hinter sich gebracht, lehnt nun an seinem Rad auf Höhe der kleinen Wiese, auf der am Freitag dann Speis und Trank verkauft werden und wo die Leinwand mit der Live-Übertragung (12 bis 17 Uhr) des Rennens steht. Wo das Schild „Anlieger frei“ steht, was 364 Tage im Jahr gültig ist. „Das Problem ist“, sagt der Frankfurter Radprofi vom Team Giant-Alpecin, „dass es nach dem Steilstück nicht vorbei ist. Die zwei Kilometer danach durch den Wald sind entscheidend.“ Degenkolb, der mit den Siegen bei Mailand-San Remo und Paris-Roubaix auf das Frühjahr seines Lebens blickt, zeigt auf die Landstraße 3327, auf welche der Stich trifft und die sich knackig bergauf bis zum Königsteiner Kreisel durch den Wald windet. Auf diesem Abschnitt werden viele Ausreißversuche gestartet.

          Zeit für Aufholjagden

          Auch der Frankfurter Ralf Matzka kennt den „Mammolshainer“, der mitten in seinem Trainingsrevier liegt. Der 25-jährige Profi des deutschen Zweitdivisinärs Bora-Argon 18 hat vor zwei Jahren den Zielstrich vor der Alten Oper als Zehnter erreicht. „Bei der dritten und vierten Überquerung des Mammolshainer Berges ist es eine richtige Ausscheidungsfahrt“, sagt Matzka. „Dann geht es richtig ab. Das sind die wichtigsten Passagen des Rennens. Genießen kann man die Stimmung aber kaum, wenn man am Limit ist.“ In dieser Phase des Rennens müssen viele abreißen lassen. Gerade die Sprinter, die sich Hoffnungen auf eine Massenankunft auf dem Frankfurter Innenstadtkurs machen, „müssen schauen, wie sie hier irgendwie rüberkommen“, sagt Degenkolb.

          Der 26-Jährige geht bei seinem Heimrennen als Topfavorit ins Rennen. An seinem Hinterrad werden sich viele orientieren. Sein Team wird in der Pflicht sein, die Nachführarbeit zu organisieren, Ausreißer zu stellen. „Es ist ein Drahtseilakt: Zwischen Attacken mitgehen und nicht zu viele Körner verschleudern, die man später noch dringend braucht“, sagt Degenkolb.

          Nach der letzten Überquerung des Mammolshainer Berges hat das Feld eigentlich noch genug Zeit, mögliche Ausreißer wieder einzufangen, bis in der City die letzten drei Runden eingeläutet werden. Doch Degenkolb gibt zu bedenken, dass es vom Kronberger Opel-Zoo bis in die Frankfurter Innenstadt quasi nur noch bergab geht. „Schneller als schnell kann man nicht fahren“, sagt der Frankfurt-Sieger von 2011. Die Faustregel, dass ein Peloton je 10 Kilometer eine Minute auf eine kleine Gruppe wettmachen kann, muss im Taunus nicht unbedingt stimmen. Auf dem winkligen Rundkurs dann, weiß Degenkolb, dürfen Ausreißer aus Sicht des Feldes nicht mehr als 30, 40 Sekunden Vorsprung haben. An der 1.-Mai-Binsenweisheit, dass man den Radklassiker am Mammolshainer Berg zwar nicht gewinnen, aber verlieren kann, ist schon etwas dran.

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