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Im Gespräch: John Degenkolb : „Mein Hunger ist noch lange nicht gestillt“

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Mailand-San-Remo-Sieger Degenkolb: „Mit dem Sieg auf der Via Roma ist ein ganz großer Traum für mich in Erfüllung gegangen“ Bild: dpa

John Degenkolb hat mit dem Sieg beim Frühjahrsklassiker Mailand-San Remo eines der größten Ziele seiner Karriere erreicht. Im Interview spricht der deutsche Rad-Profi über Instinkt im Sprint, kleine Tricks und den Kampf um die Reputation seines Sports.

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          Haben Sie schon angefangen, die Hunderte von Glückwünschen zu lesen, die Sie via SMS, E-Mail, Facebook und Co. nach Ihrem Sieg in San Remo erreicht haben?

          Es ist überwältigend, was da an Nachrichten bei mir eingeschlagen ist. Da habe ich erst realisiert, was dieser Sieg für eine Tragweite und Reichweite hat, und wie er bei den Leuten angekommen ist. Das alles zu lesen, wird Stunden dauern. Das ist definitiv der größte Erfolg meiner Karriere, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen.

          Als Spezialist für Eintagesrennen wollen Sie die drei Klassiker Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix mindestens einmal im Radfahrerleben gewinnen. Sind Sie am Sonntag einem entspannten Lebensabend näher gekommen?

          Ja, das kann man genau so sagen. Mit dem Sieg auf der Via Roma von San Remo ist ein ganz großer Traum für mich in Erfüllung gegangen. Das werde ich nie vergessen.

          Welche Rolle spielte Ihr großes Pech im Vorjahr an gleicher Stelle?

          Als ich im vergangenen Jahr in aussichtsreicher Position am Poggio, dem letzten Hügel vor dem Ziel, einen Defekt am Vorderrad hatte, war das die wohl größte Enttäuschung meines Lebens. Da hatte ich Tränen in den Augen. Am Sonntag habe ich dafür vor Freude geweint.

          Es war ein spektakulärer Zielsprint unter knapp 30 Rennfahrern. Schildern Sie mal die letzten, entscheidenden Momente des 293 Kilometer langen Frühjahrsklassikers nach knapp sieben Stunden im Sattel.

          Genau einen Kilometer vor dem Ziel machte die Straße noch mal einen engen Links- und dann Rechtsknick. Ich war da in der Mitte des verbliebenen Feldes etwas eingebaut und musste versuchen, mich freizuboxen, um ein freies Vorderrad zu haben. Das ist mir gut gelungen. Wichtig war, dass ich keine Angst davor hatte, frühzeitig die Nase in den Wind zu halten. Ich habe gemerkt, dass ich gute Beine habe und bereit war, große Taten zu vollbringen. Wichtig ist in diesen Momenten auch, dass man keine Angst hat zu verlieren ...

          ... was heißt das konkret?

          Man muss bereit sein, alles zu investieren für eine gute Position im Sprint. Denn: Man kann die besten Beine der Welt haben - wenn man keine gute Position hat, kann man nicht gewinnen. Das ist mir auf den letzten Metern gelungen. Ich habe im richtigen Moment ein freies Vorderrad gehabt und natürlich auch den Punch, um ganz nach vorne zu powern. Als ich voll angetreten bin, habe ich zunächst nicht gedacht, dass ich den Norweger Alexander Kristoff noch einholen kann. So stark wie der losgefahren ist. Zum Glück ist er auf den letzten 50 Metern noch eingebrochen, und ich konnte noch vorbeiziehen. Dieses Gefühl plötzlich: Du hast Mailand-San Remo gewonnen - der Hammer!

          „Das ist definitiv der größte Erfolg meiner Karriere, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen“

          Ist es Erfahrung, Instinkt oder auch ein bisschen Glück, den richtigen Moment im Spurt zu treffen?

          Das spielt alles eine Rolle. Die Erfahrung ist wichtig, aber auch der angeborene Instinkt und das Vertrauen in die eigene Stärke. Ich habe ausgeblendet, dass ich gerade um den Sieg fahre bei einem der Monumente des Radsports, bei einem der größten und wichtigsten Rennen überhaupt. Ich habe das Ganze in dem Moment als Spiel betrachtet.

          Im Ernst?

          Ja, das war der Trick, der voll gezogen hat. Ich bin mit unserem Sportlichen Leiter vor dem Rennen diverse Szenarien für das Finale durchgegangen. Und eines davon war, wie es sein wird, wenn ich im Sprint um den Sieg alleine bin. Genau diese Konstellation haben wir im Wintertrainingslager im Team häufig simuliert. Wir haben genau daran gearbeitet, wie und wann man mit welcher Attacke Rennen gewinnen oder verlieren kann.

          Ihr Sieg beim „Primavera“ ist der bestmögliche Saisonstart für Ihr neugegründetes deutsches Team Giant-Alpecin. Einen Helfer hatten Sie während des Finales aber nicht mehr an Ihrer Seite.

          Die Jungs haben super gearbeitet. Bis wir in den Poggio reingefahren sind, brauchte ich den ganzen Tag meine Nase nicht einmal in den Wind zu halten. Ich bin sehr stolz darauf, wie wir als Team gefahren sind.

          Betrachten Sie den Erfolg auch als Beitrag auf dem langen Weg, den Ruf des Radsports in Deutschland aufzuhellen?

          Natürlich repräsentiert dies die Siegfähigkeiten des deutschen Radsports. Es zeigt, dass sich der deutsche Radsport verändert hat und wie er sich verändert hat.

          Wie viel Rückenwind gibt dieser Triumph für die restliche Klassikersaison?

          Es ist wichtig für die Truppe, dass wir unser Soll quasi schon erfüllt haben. Das gibt viel Selbstvertrauen und macht locker. Das Team weiß spätestens jetzt, dass ich gut drauf bin und dass wir noch mehr erreichen können. Mein Hunger auf Siege ist jedenfalls noch lange nicht gestillt. Aber erst mal gilt es, die Ereignisse von Sonntag zu verdauen und die Akkus aufzuladen. Regeneration ist jetzt Trumpf. Ich freue mich, zumindest bis Mittwochabend bei meiner Familie in Frankfurt sein zu können.

          Sie haben am 2. Januar dieses Jahres einen Sohn bekommen. Ist man als junger Vater ausgeschlafener und schneller im Sprint?

          Die Geburt war das schönste Erlebnis in meinem Leben. So ein Baby raubt zwar manchmal etwas Energie. Aber die zusätzliche Kraft und Motivation, die ich durch den Kleinen gewonnen habe, macht das locker wieder wett.

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