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John Degenkolb : Anlauf auf den Titel

  • -Aktualisiert am

Grün ist die Farbe der Hoffnung: John Degenkolb soll das deutsche Team nach vorne bringen Bild: dpa

John Degenkolb ist Kapitän im deutschen Straßenteam bei der WM in Valkenburg. an diesem Sonntag soll er eine Führungsrolle übernehmen. Zum Thema Doping äußert sich Degenkolb nonchalant.

          3 Min.

          Neulich, in Frankreich, hatte er das Dutzend vollgemacht. Und damit eindrucksvoll bestätigt, dass er derzeit zu den herausragenden Erscheinungen im deutschen Radsport zählt. John Degenkolb, 23 Jahre alt, empfahl sich mit seinem zwölften Saisonsieg wärmstens für den nächsten großen Auftritt an diesem Sonntag, er soll dabei eine Führungsrolle einnehmen. Der aufstrebende Radprofi, geboren in Gera und sportlich geschult in Erfurt, wird der Kapitän sein im deutschen Straßenteam bei der WM in Valkenburg.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          „Das erhöht den Druck“, sagt er, aber eine solche Bürde kann auch beflügeln. Degenkolb glaubt, dass sich daraus eine gute Leistung ergeben könnte. Er fühlt sich ohnehin stabil genug für die schwierige Herausforderung. Er habe „unheimlich viel Selbstvertrauen“, betont er. Das hängt nicht zuletzt mit seinem Hoch bei der Spanien-Rundfahrt zusammen. Der Rennfahrer von der niederländischen Equipe Argos-Shimano hatte bei der Vuelta fünf Etappen gewonnen, was ihm immer noch geradezu märchenhaft vorkommt. „Es ist ein bisschen surreal.“

          Degenkolb ist kein reiner Sprinter; er kann sich auch auf hügeligem Terrain behaupten. Dieses „breite Spektrum“, wie er es nennt, könnte ihm am Sonntag entgegenkommen. Schließlich muss dann fast ein Dutzend Mal der Cauberg in Valkenburg, eine Erhebung mit einer durchschnittlichen Steigung von 5,8 Prozent, bewältigt werden. „Das ist eine wahnsinnig hohe Hürde“, sagt Degenkolb, er erwartet einen „Kampf ums Überleben“. Aber er fühlt sich stark genug, um mit seinen Kompagnons „das Rennen mit zu gestalten“. An seiner Seite werden Männer wie Fabian Wegmann, Christian Knees, Marcus Burghardt oder Paul Martens stehen. Zu den ersten Titel-Kandidaten zählen sich die Deutschen nicht; sie verweisen da lieber auf die Spanier.

          Das Rennen am Sonntag wird im Peloton wie ein Klassiker betrachtet, und just solche Prüfungen des Radsports haben es Degenkolb angetan. Er möchte sich, ohne etwa auf die Teilnahme an der Tour de France verzichten zu wollen, auf Härtetests wie Paris-Roubaix spezialisieren und sich dort einen Namen machen. An Willen und Leidensbereitschaft mangele es ihm keinesfalls, sagt Degenkolb. „Man muss ein harter Kerl sein.“

          „Solche Fragen bringen uns ein bisschen durcheinander“

          Er spricht dezidiert über die Gegenwart und seine Vorstellungen als Radprofi. Das fällt ihm umso leichter, als die Dinge sich gerade prächtig für Degenkolb fügen. Wenn da nur nicht das Thema Doping wäre, die Diskussion um Lance Armstrong oder die mögliche Amnestie für Doping-Sünder, die vom Internationalen Radsportverband ins Gespräch gebracht worden war - und inzwischen offenbar wieder verworfen wurde.

          Hinweise darauf empfinden die Deutschen in diesen Tagen als eine Art Störfeuer; sie würden die Vergangenheit am liebsten ruhenlassen. Der Münsteraner Wegmann zum Beispiel möchte sich mit diesen Angelegenheiten nicht weiter beschäftigen, „das geht mir eigentlich zu tief hier“. Auch Degenkolb reagiert in dieser Debatte ausweichend. „Solche Fragen“, sagt er im deutschen Quartier in der Nähe von Valkenburg, „bringen uns immer ein bisschen durcheinander.“

          „Man muss ein harter Kerl sein“: John Degenkolb
          „Man muss ein harter Kerl sein“: John Degenkolb : Bild: dapd

          Der Thüringer erweckt fast den Eindruck, dass es unzulässig sei, ihn oder andere jüngere Rennfahrer damit zu konfrontieren. „Es ist schade für unsere Generation, die damit gar nichts zu tun hat.“ Über aktuelle Doping-Affären äußert er sich eher nonchalant: „Soll’s geben, habe ich gehört.“ Degenkolb, der Jan Ullrich oder Erik Zabel einst als Idole verehrte, rechnet sich zu den Zugmaschinen einer neuen, sauberen Bewegung im Radsport.

          Er behauptet, dass er bereit sei, dafür Verantwortung zu übernehmen. „Ich nehme die Aufgabe gerne an.“ Auch um den deutschen Radsport wieder voranzubringen. Zwar mangelt es nicht an Erfolgen, aber an einem deutschen Rennstall der ersten Kategorie. Die Zeit sei reif, sagt Degenkolb, wieder ein solches Team zu gründen. Für ihn steht außer Frage, dass es für Sponsoren lukrativ sei, in den Radsport zu investieren. Und er ist überzeugt, dass dies hierzulande auch bald geschehen werde.

          „Ich bin froh, dass meine Eltern mich dazu gezwungen haben“

          Mag Degenkolb allem Anschein nach auch vor einer blühenden Zukunft als Berufssportler stehen, könnte er sich doch - sollte das Rad plötzlich stillstehen - umgehend einem anderen Metier zuwenden. Er hat sich in Thüringen zum Polizeimeister ausbilden lassen. „Ich bin froh“, sagt er, „dass meine Eltern mich dazu gezwungen haben. Es kann von einer auf die nächste Sekunde vorbei sein.“ Degenkolb kennt die Fährnisse des Radsports. Auch wenn er über dunkle Facetten des Gewerbes am liebsten schweigt.

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