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Jörg Jaksche : Gegen Schurkenstaaten und Seilschaften

  • -Aktualisiert am

Zehn Jahre Doping ohne positive Probe: Umkehrer Jörg Jaksche Bild: dpa

Mit seinem Geständnis hat sich Jörg Jaksche herauskatapultiert aus dem Kartell des Schweigens. Damit steht der frühere Radprofi für Aufklärung und Veränderung. Nun fordert Jaksche ein Mitspracherecht bei der Neufassung des Welt-Anti-Doping-Kodex.

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          Wenn es Jörg Jaksche nicht gäbe, man müsste ihn erfinden. Er ist ein geständiger Doper, der sein Wissen nun in den Anti-Doping-Kampf einbringen will. „Zehn Jahre lang habe ich mich damit beschäftigt, wie man die Kontrollen umgehen kann, um gleiche Bedingungen für alle herzustellen“, erklärte der Radprofi aus Ansbach in der vergangenen Woche bei einem Symposion in Hamburg selbstironisch. Das war die Kurzfassung einer typischen Doping-Karriere im Profisport.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Mit seinem Geständnis in den Medien und mit seiner Aussage beim Bundeskriminalamt hat Jaksche sich aber herauskatapultiert aus dem Kartell des Schweigens und steht nun für Aufklärung und Veränderung. „Ein Hobbyjurist“ sei er inzwischen geworden, sagte Jaksche bei der vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht sowie vom Forum für internationales Sportrecht ausgerichteten Veranstaltung. Er fände es deshalb angebracht, wenn in das internationale Anti-Doping-Reglement auch seine Erfahrungen einflössen. Das Bild, das er von der Situation der Leistungssportler entwarf, war nämlich düster. In Kurzfassung: reglementiert und doch alleingelassen.

          „Athleten werden in den Prozess kaum einbezogen“

          In Hamburg, wo hochkarätige Juristen über die Revision des international gültigen Anti-Doping-Reglements, des Welt-Anti-Doping-Kodex, diskutierten, wurde die Kluft zwischen Theorie und Praxis besonders deutlich. „Ich sehe ein Problem darin, dass Athleten in den Prozess kaum einbezogen werden“, bemängelt Jaksche. Die wichtigsten Änderungen des Kodex betreffen den Strafenkatalog für ertappte Doping-Sünder. Bei Erstverstößen soll der Strafrahmen flexibilisiert, die Maximalstrafe künftig von zwei auf vier Jahre Sperre ausgedehnt werden.

          „Mehr Einzelfallgerechtigkeit“ kündigt etwa der Mainzer Jurist Ulrich Haas als einer der Autoren der Neufassung an. Allerdings betont Jaksche, dass er in seinen zehn Doping-Jahren keine einzige positive Probe abgab und darum bereits das Testprogramm für unzuverlässig hält. Immerhin soll vor diesem Hintergrund in der Neufassung des Wada-Kodex die Kronzeugenregelung ausgebaut werden. Jaksche profitierte bereits von der alten Fassung - er wurde vom für ihn wegen des Wohnsitzes zuständigen österreichischen Verband nur für eines statt der üblichen zwei Jahre gesperrt.

          „Ohne solche Helfer bekommen wir nur Doofe“

          Künftig soll eine Strafreduzierung bis zu 75 Prozent möglich werden, wenn ein Athlet wertvolle Informationen weitergibt. Zu viel Milde? Mit seiner Rechtfertigung bestätigte Haas Jaksches Misstrauen gegenüber dem Testsystem: „Ohne solche Helfer bekommen wir nur Doofe und Cannabinoide“, sagte er gegenüber dem Sport-Informationsdienst. (Positive Tests auf Cannabis stehen an der Spitze der Statistik - obwohl sie oft auf rein gesellschaftlichen Konsum zurückzuführen sind.)

          Trotz aller Kritik stellte in Hamburg niemand - nicht einmal Jaksche oder sein streitbarer Rechtsanwalt Michael Lehner - den Nutzen des Wada-Kodex in Frage. „Die Einführung im Jahr 2003 war ein herausragendes Ereignis in der Geschichte des Sports“, sagte etwa der Münchner Rechtsanwalt Dirk-Reiner Martens, der als Richter beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne engagiert ist. „Der Kampf gegen Doping wäre nicht da, wo er ist.“ Tatsächlich handelt es sich beim Wada-Kodex um eine außergewöhnliche juristische Konstruktion: Ein Regelwerk, von Privatleuten formuliert, das eines Tages in allen Ländern und Sportverbänden der Welt gelten und befolgt werden soll.

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