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Eine alte Autogrammkarte von Jörg Behrend Bild: Privat

Letzter Turn-DDR-Weltmeister : „Voll in den Stand, ohne einen Schritt, zum ersten Mal“

  • -Aktualisiert am

Vor 30 Jahren wurde Jörg Behrend in Stuttgart der letzte DDR-Weltmeister im Turnen und erlebte kurz danach wie an den Ringen einen politischen Überschlag – die Wende. Er fand seine neue Heimat im Schwarzwald und ist dort noch immer Trainer.

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          Überschlag mit ganzer Drehung und anschließendem Salto. Das ist der Behrend. Heute springt ihn kaum mehr jemand, aber vor dreißig Jahren war er für seinen Erfinder der große Sprung in die Zukunft. Wie wichtig diese Momente in der Stuttgarter Schleyer-Halle, in denen er durch die Luft wirbelte und in den stabilen Stand landete, für sein Leben sein würden, erschloss sich Jörg Behrend erst später. Gut, er wusste kurz darauf, dass er damit Weltmeister geworden war. Schon das war so surreal für ihn, dass er sich kaum mehr an die folgenden Stunden erinnern kann. Aber die Goldmedaille, die Beförderung zum Stabsunteroffizier der NVA, die neuen Vergünstigungen, das waren bald nur noch Nebenaspekte, denn das System, das ihn damals belohnte, gab es schon kurz darauf nicht mehr. Nicht nur er persönlich vollführte ja im Herbst 1989 einen Überschlag mit ganzer Drehung und anschließendem Salto. Kurz darauf tat es ganz Deutschland. Behrend wurde in Stuttgart der letzte Turn-Weltmeister der DDR. Und kurze Zeit später wurde er aus dem Kokon des Leistungssports in eine neue Welt katapultiert.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Nur eines blieb Behrend: das Turnen. Die große Konstante seines Lebens. „Wäre ich nicht Weltmeister geworden“, sagt er heute, mit 52 Jahren, „dann wäre ich nicht hier.“ Hier – das ist Schiltach, ein Fachwerkstädtchen im mittleren Schwarzwalds. „Mir gefällt es hier unwahrscheinlich. Man hat sich verliebt, zwei Jungs sind rausgekommen, ich habe ein Häuschen gekauft in einem Alter, in dem ich nie geglaubt hätte, dass ich das noch hinkriege.“ Es sei ein Zufall, sagt Behrend, dass er ausgerechnet in einem Ort in Deutschland gelandet sei, der kaum weiter von seiner Geburtsstadt Potsdam entfernt sein könnte. Hier haben sie ihm 1997 nicht nur einen Trainer-Job im Turnverein angeboten, sondern auch eine feste Stelle bei der Stadt. Eine sichere Existenz. Vier Jahre lang hatte er noch im Nationalkader geturnt, dann verlor er den Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr und musste sich etwas Neues einfallen lassen. Schiltach war die Lösung. Bis zu diesem Frühjahr war Behrend, 1,66 Meter groß, Spitzname „Little“, Bademeister im Freibad, vor kurzem ist er zum Bauhof gewechselt. Er kann zupacken, wie alle Turner. Und er gehört jetzt hierher. All das hätte er nicht bekommen ohne die Sternstunde am 22. Oktober 1989 bei der WM in Stuttgart. Fast 30 Jahre später, am 13. Oktober, wird er wieder in der Schleyer-Halle sein. Wieder findet die Turn-WM hier statt, und er ist Ehrengast. 2007 durfte er an gleicher Stelle die Siegerehrung des Sprung-Weltmeisters vornehmen. „Man zehrt davon“, sagt er.

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