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Joe Frazier ist sechzig : Auch die Altersmilde nimmt Frazier nicht den Groll gegen Ali

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Joe Frazier schlug Muhammad Ali nieder - das machte ihn berühmt und unbeliebt Bild: AP

Die amerikanische Box-Legende Joe Frazier ist sechzig Jahre alt. Und noch immer hegt Frazier einen leisen Groll gegen den großen Muhammad Ali, weil der ihn einst "Onkel Tom", "Feigling", "Nigger" und "Gorilla" bezeichnet hat.

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          Von 21 Uhr an nahm der telefonische Weckdienst der Bundespost in Hamburg keine Aufträge mehr entgegen, "weil die Zeit von 4 Uhr bis 4.40 Uhr bereits ausgebucht ist". Ähnliches wurde aus West-Berlin und Stuttgart gemeldet. Es war die Nacht zum 9. März 1971, als jedes dritte Fernsehgerät in der Bundesrepublik eingeschaltet war. Das Publikum wollte einen Boxkampf aus dem New Yorker Madison Square Garden live erleben, der als der "Kampf des Jahrhunderts" angepriesen worden war.

          Es war jener Tag, an dem Muhammad Ali nach dreieinhalbjähriger Sperre wegen Wehrdienstverweigerung die alte Rangordnung wiederherstellen wollte, aber in 15 Runden vom Schwergewichtsweltmeister Joe Frazier entzaubert wurde. Ali war erstmals in seiner Profikarriere kurz am Boden, verließ erstmals als Verlierer den Ring. Doch den Ruhm erntete nicht Frazier, sondern der Geschlagene, weil es am Ende eine Trilogie des Duells Ali gegen Frazier geben sollte, die Ali 2:1 für sich entschied: den Punktsieg drei Jahre später im Nichttitelkampf und den "Thriller von Manila", den die Box-Bibel "The Ring" später zum "Besten Kampf des Jahrhunderts" erkor.

          Mit einigem Abstand gestand der Triumphator: "Wir kamen nach Manila als Champions. Wir gingen als alte Männer." Zur 15. Runde des Titelfights um die Krone im Schwergewicht, der einem Vernichtungskampf gleichkam, ließ Trainer Eddie Futch, der zwei Männer aus allernächster Nähe hatte sterben sehen, den schwer gezeichneten Frazier nicht mehr heraus aus seiner Ecke, was dieser ihm nie verzieh. In seinem besten Jahrzehnt war Frazier, Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele in Tokio, von Ali demontiert worden: Als "Onkel Tom", "Feigling", "Nigger", "Gorilla". Beim Publikum blieb das Bild vom dumpfen Schläger "Smoking Joe" haften, der Dampfwalze, die sich dem Göttlichen in den Weg stellte.

          Muhammad Ali am Boden, niedergeschlagen am 8. März 1971 von Joe Frazier

          Verkannt und verspottet

          Bis heute sind die Fraziers, deren Familienoberhaupt nun sechzig Jahre alt ist, der Meinung, dieses Leben schulde ihnen noch etwas: Genugtuung für einen Verkannten und Verspotteten. Dabei hat der Sproß einer Familie von den Baumwoll-und Tabakfeldern des Südens in seiner Karriere nur Niederlagen gegen Ali und George Foreman einstecken müssen. Den sozialen Aufstieg hat er unter viel ungünstigeren Voraussetzungen als Ali geschafft und vergeblich auf eine Revision eines Bildes gehofft, das Ali von ihm gezeichnet hat. Noch in Manila bestellte dieser Fraziers Sohn Marvis in die Kabine und ließ ihn wissen: "Die Dinge, die ich über deinen Vater sagte, habe ich nicht so gemeint. Er ist ein Mordskerl. Ich hätte niemals die Schläge ausgehalten, die er heute eingesteckt hat." Spätere formelle Entschuldigungen hat Frazier ausgeschlagen. Die Entscheidung, Ali in Atlanta das Olympische Feuer entzünden zu lassen, nannte Frazier "eine absolute Frechheit".

          Inzwischen hätten sie einander die Hände gereicht, berichtet Nigel Collins, der Chefredakteur des "Ring". Aber tief in seinem Herzen hege Frazier trotz einsetzender Altersmilde wohl einen tiefen Groll gegen Ali. Vielleicht sieht es Joe Frazier als einen Konter von ganz oben an, daß er sich, im Vergleich zu Ali, abgesehen von seinem Diabetes, bester Gesundheit erfreut.

          Hennenkampf der Töchter

          Frazier lebt immer noch in Philadelphia, wohin es ihn einst auf der Suche nach Arbeit verschlagen hatte. Er begann als Hilfskraft im Schlachthof, gut zehn Jahre später war er Millionär. Er zeugte elf Kinder mit vier verschiedenen Frauen. Anders als sein Vater hat er alle satt bekommen. Junioren-Weltmeister Marvis hat er zum Profiboxer aufgebaut, aber nach Erstrundenniederlagen gegen Larry Holmes und Mike Tyson ist Marvis lieber Prediger geworden. Der Junior wie der Senior lassen sich regelmäßig in "Joe's Smokin' Gym" blicken, einer Zuflucht für junge Leute aller Herkunft und Hautfarben. Ein paar Wochen trainierte hier auch Jacqueline Frazier-Lyde, um Laila Ali in die Schranken zu weisen. Ein Hennenkampf der Töchter berühmter Väter. Eine Farce. "Sie versucht, mich genauso geringschätzig zu betrachten wie Ali meinen Vater", beklagte sich die Rechtsanwältin, die im Ring ohne Chance blieb. Daddy hatte das Treiben der Frauen mißmutig verfolgt. Und was die Generation der heutigen Schwergewichte anbelangt, hält er sie im Vergleich zu den Kerlen, die sie damals waren, alle für Weicheier.

          In der goldenen Ära des Schwergewichts haben die Matadoren ihren Preis gezahlt. Die elfte Runde von Manila erlebte Ali als "das, was Sterben am nächsten kommt". Für "den Größten" hat es nie einen kompromißloseren Gegner als Joe Frazier gegeben. Auch in seiner Wut.

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