https://www.faz.net/-gtl-1am

Jens Voigt : Der unzerstörbare Helfer

  • Aktualisiert am

39 Jahre und kein bisschen müden: Jens Voigt fährt und hilft Bild: AFP

Jens Voigt unterstützt die Schleck-Brüder bei der Tour de France im Duell mit Alberto Contador. Die Luxemburger loben ihren deutschen Helfer in den höchsten Tönen. Voigt lässt sich dabei weder von Stürzen noch von seinem Alter aufhalten.

          3 Min.

          Es war schon eine Art Finale bei der Tour de France, zumindest die Pyrenäen betreffend. Am Samstag bewältigten die Radprofis die letzten Gipfel dieses Gebirges. Es war ein fordernder Tag mit der Ankunft auf dem 1780 Meter hohen Plateau de Beille - aber die Luxemburger Fränk und Andy Schleck konnten Alberto Contador diesmal nicht distanzieren. Andy Schleck wurde zwar Dritter hinter dem Belgier Jelle Vanendert und dem Spanier Samuel Sanchez, zwei Sekunden danach überquerte jedoch auch sein Rivale Contador die Ziellinie.

          Stillstand also im Duell der Protagonisten - so wird die Tour in der kommenden Woche in den Alpen entschieden werden. Da ein Großangriff der Stars am Samstag ausblieb, schaffte es der Franzose Thomas Voeckler, sein Gelbes Trikot zu behalten; er rangiert weiter vor Fränk Schleck und dem Australier Cadel Evans. Der Deutsche Tony Martin verlor wieder an Boden. Mit 27:06 Minuten Rückstand liegt er auf Platz 35; es ist eine ernüchternde Tour für ihn.

          Es gibt - andererseits - immer wieder sehr erstaunliche Erscheinungen bei der Tour, auch in diesem Jahr. Zu dieser Kategorie zählt zweifelsohne Jens Voigt, Kompagnon der Schleck-Brüder beim Team Leopard-Trek. Voigt ist zwar bereits 39 Jahre alt, aber er war zuletzt, salopp gesagt, wie ein junger Gott gefahren. Auch am Samstag hatte sein Rennstall sich auf ihn verlassen können, Voigt befand sich in den vorderen Reihen, ehe er zu einem Unglücksraben wurde. Der Berliner war erst bei der Abfahrt vom Port de Lers von der Strecke abgekommen, er purzelte eine Böschung hinunter - und kaum wieder auf dem Rad, stürzte er auf die Straße. Das doppelte Pech setzte ihm mächtig zu, Voigt war verärgert, ohne jedoch in seinem Elan nachzulassen.

          „Da ist noch Leben im alten Hund“

          Der Berliner hatte noch vor einigen Tagen bei der Fahrt nach Luz-Ardiden so engagiert für die beiden Luxemburger Stars geschuftet, dass Fränk Schleck anerkennend sagte: „Er hat eine unglaubliche Arbeit geleistet. Wäre ich der Chef, würde ich ihn, obwohl er fast 40 ist, nochmals für vier Jahre unterschreiben lassen.“ Voigt hatte sich vor das Feld gespannt, Kilometer um Kilometer gab er mit verblüffendem Stehvermögen das Tempo vor. Kraft.

          Auch am Samstag, auf dem 168,5 Kilometer langen Weg durch die Pyrenäen zum Plateau de Beille, war der Routinier aus Deutschland zunächst eine wertvolle Hilfe für die Tour-Favoriten aus dem Großherzogtum. Am Ende der zweiten Tour-Woche schien der älteste Profi im Peloton, der mit rund einer Stunde Rückstand auf Rang 65 liegt und womöglich seine letzte Frankreich-Rundfahrt bestreitet, noch über genügend Schwung zu verfügen, um seiner Rolle als „Edelhelfer“ in der neuen Luxemburger Equipe gerecht zu werden. „Da ist noch Leben im alten Hund“, hatte Voigt kürzlich wissen lassen, ein bisschen mit seinem Alter kokettierend.

          Für seine ambitionierte Mannschaft dürfte sich die Verpflichtung des erfahrenen Berliners, der vom Team Saxobank-Sungard kam, bereits gelohnt haben, trotz des Malheurs am Samstag. Für Andy Schleck war es ohnehin keine Frage, dass er auf den Deutschen mit der schier unerschöpflichen Kraft würde bauen können. „Keiner ist wie Jens“, sagte er, „er ist unzerstörbar. Er hat einen Motor wie kaum ein anderer Fahrer. Einige junge Fahrer können sich eine große Scheibe von ihm abschneiden. Sogar ich bewundere ihn für seinen Kampfgeist. Ich bin überzeugt, dass er sich mehr quälen kann als ich.“ Das Lob entspringt der besonderen Diktion des Radsports, es hat einen eigenartigen Klang für jemanden, der dem Metier nicht angehört.

          Auf Jens Voigt kommt noch einiges zu bei der Tour

          Am Samstag, auf der 14. Etappe mit insgesamt sechs Erhebungen, hatte sich zwischenzeitlich ein Führungstrio mit dem Schotten David Millar sowie den Franzosen Sandy Casar und Julien El Fares gebildet. Aber gleich dahinter, noch vor dem Pulk der Asse, hielt sich die nächste Ausreißergruppe auf - mit Voigt und Linus Gerdemann, einem weiteren Gefährten von Fränk und Andy Schleck. Diese Strategie dokumentierte die großen Fähigkeiten dieses Teams, es hatte damit das Rennen unter Kontrolle - und es besaß taktische Vorteile im Kampf gegen Alberto Contador, gegen Evans oder den Italiener Ivan Basso.

          Gerdemann war vom untergegangenen Team Milram geholt worden, für das er als Kapitän in die Pedale trat. Sich nun in den Dienst eines ehrgeizigen Luxemburger Projekts stellen zu müssen, bereite ihm aber keine Probleme, behauptet der Münsteraner. Die Strapazen des Tages forderten jedoch seinen Tribut von ihm, Gerdemann fiel vorübergehend ein wenig zurück, Voigt hingegen schloss zur Spitze auf, bis seine Missgeschicke ihn bremsten. Der Berliner musste daraufhin Gerdemann und dessen Mitstreiter ziehen lassen, er ordnete sich stattdessen neben Fränk und Andy Schleck ein.

          Immerhin unterstützte er sie somit noch eine Weile, sogar auf den letzten 16 Kilometern, die ausschließlich bergauf führten. Zehn Kilometer vor dem Ziel erhöhten die beiden Luxemburger die Geschwindigkeit, sie attackierten abwechselnd, ohne aber den auf sich alleine gestellten Contador zermürben zu können. Auf Voigt, den unermüdlichen „Domestiken“, wird demnach noch einiges zukommen bei dieser Tour de France.

          Weitere Themen

          Das Drama um Christian Eriksen Video-Seite öffnen

          Herzdruckmassage auf dem Platz : Das Drama um Christian Eriksen

          Bei der Begegnung zwischen Dänemark und Finnland war der 29-jährige Christian Eriksen kurz vor Ende der ersten Halbzeit kollabiert. Fans und Spieler zeigten sich fassungslos. Die gute Nachricht: Der Zustand des dänischen Nationalspielers hat sich stabilisiert.

          Topmeldungen

          Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen am 29. August 2020 vor dem Reichstag in Berlin — darunter auch ein Teilnehmer, der die Reichsflagge hochhält.

          Vor Innenministerkonferenz : Deutsche Reichsflagge soll verboten werden

          Die Innenminister wollen mit einem Mustererlass das Zeigen bestimmter ehemaliger deutscher Flaggen untersagen. Rechtsextremisten nutzen etwa die Reichsflagge von 1892 als Ersatzsymbol für die verbotene Hakenkreuzflagge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.