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Jens Tiedtke : Zurück im Leben, zurück im Nationalteam

Der spielende Kreisläufer beim TV Großwallstadt: Sportstudent Tiedtke Bild:

Handballprofi Jens Tiedtke kämpft um die Teilnahme an der Europameisterschaft - nach einem Gehirntumor. Würde Heiner Brand ihn mitnehmen, wäre dies für Tiedtke die „Belohnung für das letzte Jahr“.

          Jens Tiedtke wirkt keineswegs angespannt in diesen Tagen, obwohl es doch um sehr viel geht für ihn. Um eine Reise nach Norwegen und darum, wirklich wieder zur Elite des deutschen Handballs zu gehören. Tiedtke steht deswegen auf dem Prüfstand in dieser Woche. Er muss sich tagtäglich in Damp beweisen, wo die deutsche Handball-Nationalmannschaft ein Trainingslager bezogen hat.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Er hat dann noch einmal am Wochenende die Gelegenheit, sein Können zu zeigen - zweimal probt der Weltmeister dann gegen Dänemark für die Europameisterschaft. Und er wird vermutlich am Sonntag von Bundestrainer Heiner Brand erfahren, ob er für tauglich befunden wird, für Deutschland in Norwegen anzutreten. Nervosität aber lässt sich der Kreisläufer nicht anmerken. „Man darf nicht verkrampfen“, sagt er. Trotzdem spricht der 28 Jahre alte Mann, der sich in das Leben, in den Sport zurückgekämpft hat, von seinen Hoffnungen, seinen Sehnsüchten. Würde Brand ihn tatsächlich mitnehmen zur EM, wäre dies, wie Tiedtke sagt, die Krönung für ihn, die „Belohnung für das letzte Jahr“.

          Ein zähes Ringen um Normalität

          Dieses letzte Jahr - vermutlich war es die härteste Herausforderung für den Handballspieler Tiedtke. Ein zähes Ringen um Normalität, um die Fähigkeit, den Alltag wieder bewältigen zu können nach einem Schicksalsschlag. Ende Oktober 2006 hatte die Ärzte einen großen, gutartigen Gehirntumor bei Tiedtke diagnostiziert. Wegen Kopfschmerzen und Sehstörungen war er zu einem Neurologen gegangen, und nach der Untersuchung war klar, dass er sich operieren lassen würde.

          Der Mann am Kreis: Nationalspieler Tiedtke

          Der Eingriff war riskant, aber erfolgreich. An Sport dachte Tiedtke danach zunächst nicht mehr, nur daran, wieder zu gesunden. Er war eine Zeit der Ängste, der Sorgen - doch nachdem die Mediziner ihm eine günstige Prognose gegeben hatten, erwachten schnell auch der Behauptungswille und der Ehrgeiz. Mit Handball beschäftigte Tiedtke sich erstmals wieder intensiver, als „ich wieder spazieren gehen konnte“. Ende April 2007 gab er sein Comeback, und für den TV Großwallstadt ist der Recke Tiedtke längst wieder eine wichtige Stütze in der Bundesliga. So wertvoll ist er für den Verein, dass sein Vertrag unlängst für zwei weitere Jahre bis 2010 verlängert wurde.

          Der Kreis war offen für ihn

          „Jens hat Handball einfach im Gefühl“, sagt Michael Roth, Tiedtkes Handball-Lehrer beim TV Großwallstadt. „Er ist ein intelligenter Spieler, der schnell auf verschiedene Situationen reagieren kann.“ Roth nennt Tiedtke einen spielenden Kreisläufer, „er lebt von seiner Technik“. Um von Brand ein „Ja“ zu hören, muss Tiedtke nun aber vor allem in der Abwehr Stärke demonstrieren. Er soll imstande sein, im Mittelblock der Verteidigung energisch zuzupacken. Tiedtke findet, dass dies vor einigen Wochen bei Tests in Schweden „ganz gut“ funktioniert habe. Damals sei er, sagt Tiedtke, „ins kalte Wasser geschubst worden“ - er profitierte von einer Verletzung von Andrej Klimovets.

          In dem Team, das ohne ihn Weltmeister geworden war, spürte er von Anfang an wieder Akzeptanz. Niemand, erzählt Tiedtke, habe gesagt, „wir wollen ihn nicht dabeihaben“. Der Kreis war offen für ihn. Sich in ihm bewegen zu können, sich der Konkurrenz stellen und sich empfehlen zu können, empfindet er bereits als einen großen Fortschritt. „Das ist“, betont Tiedtke, „eine Supersache für mich.“

          „Am Montag fahre ich erst mal in die Uni“

          Sollte Bundestrainer Brand ihn nun doch nicht für die Europameisterschaft nominieren, würde sich wohl eine gewisse Enttäuschung breitmachen - erschüttern aber könnte eine solche Entscheidung Tiedtke nicht. Da würde ihm, glaubt er, das „Stück Lockerheit“ zugutekommen, „das ich entwickelt habe“. In den Tagen, Wochen und Monaten, in denen er sich mit sich und dem Leben im Allgemeinen besonders beschäftigte. In denen ihm klar wurde, „wie schnell alles vorbei sein kann“. Manche Dinge, die er früher als sehr wichtig betrachtet hatte, erscheinen Tiedtke nun nebensächlich. Drastisch sagt er: „Wer fragt denn noch nach Spielen und Toren, wenn du in der Kiste liegst?“

          Der Sonntag könnte ein glücklicher Tag werden für Tiedtke. Aber er würde seinen neuen Weg so oder so weitergehen. Gelassen und mit Freude am Leben. Und Tiedtke hat ja nicht nur den Handball, er studiert in Mainz Sport. „Am Montag“, sagt er, „fahre ich erst mal in die Uni.“ Komme, was wolle.

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