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Jarmila Kratochvilova : Der letzte Panzer

Jarmila Kratochvilova bei ihrem Rekordlauf 1983 bei den Weltmeisterschaften in Helsinki. Bild: picture-alliance/ dpa

Der Name Jarmila Kratochvilova steht für den ältesten Weltrekord der Leichtathletik, für den Kalten Krieg im Sport, für die Hoch-Zeit des Anabolika-Dopings. Diesen Mittwoch wird sie 60 Jahre alt und will von einer Opferrolle nichts wissen.

          Der Raum ist Büro und Schlafzimmer, Küche und Umkleidekabine in einem. Vor dem einzigen Fenster, aus dem sie auf den Sportplatz mit abgetretener Laufbahn blicken kann, sitzt Jarmila Kratochvilova an einem von zwei Schreibtischen. Zwischen Schränken in der einen Ecke und Betten in der anderen steht ein vergessener Plastikweihnachtsbaum. An der Heizung trocknen Laufschuhe, am Schrank hängt eine rote Laufjacke. Es riecht nach Schweiß. Vier rot bezogene Sessel stehen an einem Couchtisch. Willkommen beim Sportclub Cáslav Vodratny, gut siebzig Kilometer östlich von Prag.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Glanz verbreitet hier nur die Erinnerung. Jarmila Kratochvilova ist die berühmteste Sportlerin des Vereins. Ihr graues Haar ist gefärbt, und sie macht, obwohl sie leicht humpelt, einen sportlichen Eindruck. Die schwarze Kleidung lässt sie schmal erscheinen. Man glaubt kaum, dass ihr Trainer Miroslav Kvac, als er sie vor mehr als vier Jahrzehnten dort draußen auf dem Sportplatz zum ersten Mal rennen sah, sagte, er habe einen Panzer entdeckt.

          Ein Rekord wie in Stein gemeißelt

          Und doch: Sie stampfte die Konkurrenz und deren Bestzeiten ein. Muskulöser Körper, breite Schultern, kraftvoller Laufstil: Jarmila Kratochvilova stürmte Anfang der achtziger Jahre wie ein Mann durch die Rennen der Frauen und nahm ihre Medaillen. Nur ein paar Bilder erinnern hier und heute an den Muskelprotz von damals. Auf einem Schlüsselkasten steht eine Tafel, etwas größer als ein Nummernschild. „1:53,28“ steht darauf. Und, auf Tschechisch: „Jarmila, hast du nicht übertrieben?“ Die Mädchen ihrer Trainingsgruppe haben es ihr geschenkt, als diese 800-Meter-Bestzeit 25 Jahre alt wurde. Bald ist das drei Jahre her. Die 1:53,28 sind der älteste Weltrekord der Leichtathletik. Zahlen sprechen in dieser Sportart. Wäre Jarmila Kratochvilova in der vergangenen Saison ihre Bestzeit von 11,09 Sekunden über 100 Meter gelaufen, wäre sie damit die Nummer 13 der Welt geworden, eine Hundertstelsekunde schneller als Europameisterin Verena Sailer. Ihre 21,97 Sekunden über 200 Meter haben in diesem Jahrtausend erst drei Sprinterinnen unterboten; eine von ihnen ist die des Dopings überführte Marion Jones.

          Jarmila Kratochvilova heute: „Das beste Doping ist Training”

          47,99 Sekunden über 400 Meter: Damit war Jarmila Kratochvilova, bei der ersten Weltmeisterschaft 1983 in Helsinki, die erste von nur zwei Frauen, die je 48 Sekunden unterboten. Selbst weniger als 49 Sekunden haben seit dem Jahr 2000 lediglich zwei, Sanya Richards und Ana Guevara, geschafft. Und diese 1:53,28 Minuten. Sie stehen seit dem 26. Juli 1983 wie in Stein gemeißelt. So lange wie dieser Weltrekord über 800 Meter stand noch kein Fabelrekord ihrer Sportart, so lange blieb noch keine zur Schallmauer erklärte Bestzeit unberührt. Selbst die erstaunliche Kenianerin Pamela Jelimo blieb beim bisher schnellsten Lauf ihres Lebens, den 1:54,01 Minuten von Zürich, elf Tage nach ihrem Olympiasieg von Peking 2008, 73 Hundertstelsekunden von diesem Rekord entfernt.

          Der Rekord lastet auf der Sportart

          „Er wird ganz sicher in nächster Zeit geknackt werden“, behauptet Jarmila Kratochvilova. Vielleicht würde sie das erleichtern. Denn dieser Rekord ist keiner, der bejubelt wird. Keiner, der die Läuferinnen von heute inspiriert. Er lastet auf der Sportart und vielleicht auch auf der Frau, die ihn vor 28 Jahren auf sich nahm.

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