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Jarmila Kratochvilova : Der letzte Panzer

Als Opfer versteht sie sich nicht; nicht als eines des Dopings, nicht als eines der Politik. „Ich wurde zu nichts gezwungen“, sagt sie. „Ich habe immer gemacht, was ich wollte.“ Dabei hat die Politik sie mit dem Boykott des Ostblocks um das triumphale Finale ihrer Laufbahn betrogen: die Chance auf den Olympiasieg von 1984 in Los Angeles, die Gelegenheit zum großen Duell mit ihrer deutschen Konkurrentin Marita Koch über 400 Meter. „Der Weltrekord ist kein Ersatz“, sagt sie. „Aber er gibt zumindest ein angenehmes Gefühl.“

Training mit Bleiweste und Gasmaske

Marita Koch war ihr Vorbild und ihre größte Konkurrentin. „Als sie 1985 den Weltrekord unterbot, wusste ich, dass er in den richtigen Händen ist“, sagt Jarmila Kratochvilova. Die 47,60 Sekunden der Läuferin aus Rostock sind der zweitälteste Weltrekord der Leichtathletik, ebenfalls unerreichbar. „Es ist richtig, dass sie ihn hat“, fährt sie fort. „Sie hat mir geholfen, das zu erreichen, was ich erreicht habe.“ Im Zimmer von Jarmila Kratochvilova hing damals ein Foto von Marita Koch. Das sah sie als Erstes, wenn sie morgens die Augen aufschlug, und als Letztes, wenn sie ins Bett fiel. Dazwischen trainierte sie wie wild und fragte sich immerfort, ob sie genug tat, um so erfolgreich zu sein wie die Deutsche.

Eine besondere Sympathie verbindet Jarmila Kratochvilova mit Marita Koch. Sie mag spüren, dass auch der Deutschen ihr Talent nicht als Geschenk, sondern auch als Kreuz gegeben war, an dem sie schwer zu tragen hatte. Beide verfügten zusätzlich zu der Gabe, schnell zu laufen, über die Fähigkeit, unsägliche Fron zu ertragen - und die erlegten ihre Trainer ihnen auf. Gewichte, Läufe mit Autoreifen im Schlepp, Sprints bis zum Erbrechen - das erlitten beide für ihre Trainer. Marita Koch schützte Wolfgang Meier, ihren Partner und Ehemann, vor Neid und Missgunst im Sport-Establishment der DDR mit ihren Erfolgen. Jarmila Kratochvilova kämpfte in Cáslav für den in Ungnade gefallenen Obersten Miroslav Kvac. Mit vierzehn war er zum Militär gegangen, hatte eine Eliteausbildung in Moskau absolviert und kommandierte schließlich eine Panzerbrigade, als der Prager Frühling anbrach. Als die Sowjetarmee antrat, entschied er sich für die Seite der Unterlegenen. Statt General wurde er Trainer. Da hatte er nur noch einen Panzer: Jarmila Kratochvilova. Sie bestätigt die Überlieferung, dass er sie mit Bleiweste und Gasmaske barfuß in knöcheltiefem Wasser trainieren ließ. „Das hat er nur einmal getan“, sagt sie milde. „Wir mussten beide noch lernen.“

„Talent ist keine Verpflichtung“

Kvac war verheiratet, Jarmila ist ledig geblieben. Zwischen beiden herrscht Funkstille. „Ich werde ihn zum Geburtstag einladen“, sagt sie. „Aber er ist achtzig und wird wohl nicht kommen, wenn er in seiner Datsche in den Bergen ist.“

Ihr Leben hat sich nie aus der Umlaufbahn des Stadions entfernt. Auf der Bahn vor ihrem Fenster trainiert sie Teenager. Sie müsste eigentlich die Hälfte von ihnen rauswerfen, sagt sie, wenn sie nicht so weich wäre. Eine Dreizehnjährige allerdings läuft schneller, als Lida Formanova es in dem Alter konnte, und die wurde - auch sie dieser Bahn in Cáslav entsprungen - immerhin 1999 in Sevilla Weltmeisterin über 800 Meter. „Talent ist keine Verpflichtung“, sagt Jarmila Kratochvilova. „Manchmal schade.“ Die Ordnung im Sozialismus habe dafür gesorgt, sagt sie, dass ihre Generation disziplinierter war als die Jugend heute.

Am Abend wird sie von dem sanierungsbedürftigen Sportplatz in ihr Haus in Golcuv Jeníkov fahren, wo sie mit ihren Eltern lebt, in Nachbarschaft ihrer beiden Schwestern mit ihren großen Familien. „Ich habe das Gefühl“, sagt sie, „dass ich zurückbekommen habe, was ich gegeben habe.“

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