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Jarmila Kratochvilova : Der letzte Panzer

32 Jahre alt war Jarmila Kratochvilova, als Kvac sie im Olympiastadion von München auf die 800 Meter schickte. Weil sie leicht angeschlagen war, wollte er ihr die 400 Meter ersparen. Es ging ja um nichts. So stürmte sie unbeschwert drauflos. Fünfzehn Jahre Training und Kasteiung kulminierten in diesem Lauf. Die letzten 200 Meter rannte sie wie einen Sprint. Vierzehn Tage später gewann sie bei der WM von Helsinki innerhalb von 35 Minuten das Halbfinale über 400 Meter und den Endlauf über 800. Tags drauf lief sie die Bestzeit, die sie am meisten wollte: die über 400 Meter. Sie war auf dem Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn.

Sportpolitischer Größenwahn

Eine Zahl spricht nicht zu ihr: die Sechzig. Ihr Geburtstag. „Das Alter ist das einzige, das für alle gerecht ist“, sagt sie. Ob sie ihren kaputten Rücken meint, der sie ihr rechtes Bein nachziehen lässt? An diesem Mittwoch, 26. Januar, wird sie sechzig Jahre alt.

„Jarmila, hast du nicht übertrieben?“ Der Sport, die Leichtathletik waren Teil des Kalten Krieges. Schlachtfeld waren die Stadien, aufgerüstet wurde mit Hormonen. Eine Reihe von heute unerreichbar erscheinenden Rekorden dokumentiert die unheilvolle Verquickung von sportpolitischem Größenwahn und medizinisch-pharmazeutischen Übergriffen. Wenn man überzeugt ist, dass der Kalte Krieg Sport und Athleten verletzte, sind die Rekorde von damals die Male, die daran erinnern.

Jarmila Kratochvilova will das Wort von der anabolen Ära nicht akzeptieren. „Wie will man das beurteilen?“, fragt sie. Dokumente des Dopings liegen für den DDR-Sport vor. Sie wurde nie positiv getestet. Doch man darf sich nicht täuschen: Anabolika-Doping wirkt nicht allein durch die Einnahme, sondern verlängert auch die Fähigkeit, sich zu schinden, sich schinden zu lassen.

„Ich wurde zu nichts gezwungen“

Ihre überaus maskuline Erscheinung von damals sei nichts Außergewöhnliches, findet Jarmila Kratochvilova. „Das beste Doping ist Training. Und der beste Beweis sind die Stapel von Trainingsbüchern. Sie zeigen, wie wir die Leistung aufgebaut haben: nicht drei, sondern sechzehn Jahre lang.“ Einmal wöchentlich habe sie Spritzen bekommen. „Sie enthielten Vitamin B12. Wenn jemand gesagt hat, dass es hilft, hat man das geglaubt“, sagt sie.

Erstaunlich ist ihre Reaktion auf die Frage nach Manuel Pascua Piquera. Das ist der gerade verhaftete spanische Doping-Trainer und Komplize von Blutpanscher Eufemiano Fuentes. Er soll schon in den achtziger Jahren versucht haben, durch ein Austauschprogramm von Athleten Doping-Fachwissen aus dem Ostblock zu erwerben. Jarmila Kratochvilova erinnert sich an einen Trainingsaufenthalt in Madrid, gemeinsam mit Kugelstoßerin Helena Fibingerova. Sie habe sich wohl auf die Hallen-Europameisterschaft 1985 dort vorbereitet, sagt sie. Auf die Frage, ob sie Pascua kenne, bekommt sie einen hochroten Kopf, zum einzigen Mal während des langen Gesprächs. Der Name komme ihr bekannt vor, sagt sie, vielleicht von damals, vielleicht von den jüngsten Meldungen. Mag sein, dass in den Erfolgen spanischer Langläufer ein bisschen von dem Erfolgsrezept der Jarmila Kratochvilova steckt.

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