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Sumo-Ringen : Der Großmeister kann nicht mehr

Großmeister Kisenosato: Der Druck war zu groß. Bild: AFP

Japans bekanntester Sumo-Ringer tritt unter Tränen zurück. Der Druck, der auf ihm lastete, war zu groß. Kisenosato will nun junge Sumo-Ringer trainieren. Unter neuem Namen.

          2 Min.

          Japan trauert und bedankt sich. Der Rücktritt von Kisenosato, einem Großmeister im Sumo-Ringen, ist die Schlagzeile des Tages. Rund sieben Minuten widmet der Fernsehsender NHK in der abendlichen Hauptnachrichtensendung als Topmeldung dem Ereignis, bevor das Moderatorenpaar sich tief verbeugt und dem Großmeister noch einmal Respekt erweist. Der Rücktritt hatte sich in den vergangenen Monaten schon abgezeichnet und trifft die Sumo-Welt dennoch ins Herz. Erst 2017 war Kisenosato zum Yokozuna, zum Großmeister, ernannt worden – als erster Japaner seit 19 Jahren. Die Promotion galt als Aufbruch und als mögliche Zeitenwende in dem Nationalsport, der seit Jahren von mongolischen Ringern dominiert wird. Doch zwei Jahre später ist die erhoffte Herrlichkeit schon wieder vorbei. Der Druck, der auf dem Yokozuna lastete, war zu groß.

          Patrick Welter
          (pwe.), Wirtschaft

          In einer tränenreichen Pressekonferenz am Nachmittag erklärte Kisenosato seinen Rücktritt und bat seine Anhänger um Entschuldigung. „Ich bedauere, dass ich die Erwartungen an einen Yokozuna nicht erfüllen konnte“, sagt der 32 Jahre alte Sportler. Er bereue aber in keiner Weise seine Sumo-Laufbahn. Neben ihm sitzt sein Stallmeister Tagonoura, der nur mit Mühe sein Jackett über dem kräftigen Sumo-Korpus schließen kann. „Lass mich zurücktreten“, soll Kisenosato den Stallmeister nach Taganouras Worten am Vorabend in einem langen Gespräch gebeten haben, was einen schönen Einblick gibt in die strenge Hierarchie im Sumo-Sport.

          Dreimal nacheinander hatte Kisenosato gleich zu Beginn des laufenden Sumo-Turniers in Tokio verloren. Das war zu viel. Seiner Beliebtheit tat das keinem Abbruch. Trotz der Niederlagen gegen niedriger eingestufte Ringer flogen Kisenosato in der Arena keine Sitzkissen hinterher, sondern er bekam viel Applaus. Technisch sei der Rücktritt die Folge der Kampftechnik Kisenosatos, sagen manche Fachleute.

          Sein früherer Stallmeister Naruto riet dem noch jungen Ringer, seinen starken linken Arm mehr einzusetzen. Davon ließ Kisenosato, der bei einer Größe von 188 Zentimetern mit 177 Kilogramm gewogen wird, nie mehr ab. Beim Frühjahrsturnier 2017, dem einzigen, das Kisenosato als Großmeister gewann, verletzte er sich im Schlusskampf an der linken Schulter und am linken Brustmuskel so sehr, dass er acht Turniere nacheinander aussitzen oder abbrechen musste. Der unrühmliche Rekord war der Beginn des Endes.

          Im September schien der 72. Yokozuna fast zur alten Form zurückgefunden zu haben, um im November gleich viermal nacheinander zu verlieren. Das war einem Großmeister zuletzt vor 87 Jahren passiert. Der Yokozuna-Rat des Sumo-Verbandes schickte eine „Ermunterung“, besser zu trainieren. Kisenosato, der für seine Ausdauer gerühmt wird, dürfte den Rat befolgt haben. Doch das nützte nichts. „Seit der Verletzung habe ich mit allem gekämpft, was ich habe“, sagte Kisenosato. „Aber ich fühlte zum ersten Mal, dass ich nicht weiter gehen konnte.“

          Das Gesicht des Ringers sprach schon in den vergangenen Monaten Bände. Das Lächeln des Siegers war einem nachdenklich-gesenkten Blick gewichen. Fans nehmen das als Zeichen, dass Kisenosato dem Druck nicht standhielt. Auf ihm lasteten nicht nur die generell hohen Erwartungen an einen Großmeister, sondern mehr noch die Hoffnungen auf den einzigen japanischen Yokozuna. Ein Blick in die Statistik zeigt, das ein solch kurzes Verweilen im Yokozuna-Kreis für japanische Sumo-Ringer nicht unüblich ist. Von den neun Japanern, die seit 1980 in die oberste Kategorie aufstiegen, traten fünf schon nach zwei oder drei Jahren zurück.

          Kisenosato, der eigentlich Yutaka Hagiwara heißt, will nun unter dem Namen Araiso junge Sumo-Ringer trainieren. Er hatte seine Sumo-Laufbahn 2002 im Alter von 15 Jahren begonnen und schon 2004 die höchste Ringerklasse erreicht. Danach verlief seine Karriere schleppend mit vielen undankbaren zweiten Plätzen bei Turnieren. In 101 Turnieren verzeichnete Kisenosato im Ring 800 Siege bei 496 Niederlagen. Mit 714 Siegen in der obersten Sumo-Klasse steht er auf Rang 6 der Bestenliste. Als Yokuzuna verbleiben Japan die beiden Ringer mongolischer Herkunft Kakuryu und Hakuho, der mit 41 Turniersiegen den Sport seit mehr als einem Jahrzehnt dominiert. „Es ist jetzt einsam“, sagte Hakuho zum Rücktritt von Kisenosato. „Mir fehlen die Worte, um meine Anerkennung für seine Anstrengung auszudrücken.“

          „Ich bedauere, dass ich die Erwartungen an einen Yokozuna nicht erfüllen konnte.“
          „Ich bedauere, dass ich die Erwartungen an einen Yokozuna nicht erfüllen konnte.“ : Bild: Reuters

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