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Emotionen bei Rugby-WM : Tränen in Tokio

  • -Aktualisiert am

Tränen vor dem Spiel, Tränen nach dem Spiel: Japans Rugby-Team um Amanaki Mafi scheidet bei der WM aus. Bild: AFP

Die Nationalhymne als emotionale Härteprüfung: Das Rugby-Fieber der Japaner erreicht im Viertelfinale ungeahnte Höhen. Doch dann schalten die „Springboks“ den WM-Gastgeber aus. Die Trauer ist schier grenzenlos.

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          Wer bisher noch nicht wusste, welchen Stellenwert dieses Spiel und die Mission der japanischen Rugby-Nationalmannschaft hatten, der musste am Sonntag nur in das Gesicht von Yutaka Nagare sehen. Er, der mit 1,65 Metern kleinste aller WM-Spieler, weinte hemmungslos, umarmt von seinen muskulösen Nebenmännern. Dabei war das Spiel noch nicht verloren, im Gegenteil: das Kimigayo, Japans Nationalhymne ertönte, und animierte die Zuschauer zu einem imposanten Chor.

          „Es währe achttausend Generationen, bis ein Steinchen zum Felsen wird“, heißt es darin sinngemäß. Und zu Felsen mussten die „Brave Blossoms“ an diesem Abend im mit knapp 50.000 Zuschauern ausverkauften Ajinomoto-Stadion in Tokio zusammenwachsen, um einen übermächtig scheinenden Gegner im Viertelfinale der Rugby-WM niederringen zu können: Südafrika.

          Zum Kampf der Systeme war das Match hochgejazzt worden. Japan hatte sich als erstes asiatisches Team in der Geschichte der Rugby-WM für die K.o.-Runde qualifiziert und die vier Gruppenspiele in einer Art und Weise gewonnen, welche die internationalen Medien als „einzigartig“ und „elektrisch“ priesen. Mit ihren aufregenden und kreativen Angriffs-Attacken hatten die „Brave Blossoms“ auch die neutralen Massen für ihre Sache begeistert. Und so hofften die Träumer auf einen weiteren Heimsieg im japanischen Stil, der nach dem englischen „Spectator“ das Spiel aus „den Klauen einfallsloser Muskelmänner“ ziehen könnte.

          Emotionaler Höhepunkt vor dem Spiel: Die Nationalhymne

          Diese Rolle war in diesem Viertelfinale den Südafrikanern zugedacht und auch wenn das Spiel einer der besten Rugby-Mannschaften der Welt kaum als einfallslos bezeichnet werden kann, so befürchteten die Realisten unter den Rugby-Experten, dass die Japaner von der reinen physischen Übermacht der „Springboks“ zerquetscht werden könnten. Fast eine Tonne hatten die Südafrikaner in ihren Spielen im Gedränge in den Gegner geworfen, so viel wie kein anderes Team bei dieser WM. Für die „Brave Blossoms“ galt es also, das Spiel in die Breite zu ziehen, um der massierten Abwehr aus dem Weg zu gehen. Die Hoffnungen lagen dabei vor allem auf den pfeilschnellen Flügelstürmern Matsushima und Fukuoka. Für deren Attacken, so hatte es Japan-Coach Jamie Joseph vor dem Spiel gesagt „hätte man ein paar neue Tricks im Ärmel“.

          Dort blieben sie allerdings zunächst auch, denn die Japaner erwischten einen denkbar schlechten Start, als der Ball schon nach sechs Minuten zum ersten Mal in ihrer Endzone lag. Als es zur Halbzeit allerdings nach einem verwandelten Penalty der Japaner lediglich 5:3 für Südafrika stand, da hatten die Zuschauer eine rasante erste Hälfte gesehen, bei der sich die Kontrahenten einen taktischen Kampf mit offenem Visier geliefert hatten. „Ich bin ganz schön außer Atem“, stöhnte Südafrikas Rugby-Legende Bryan Habana, jetzt TV-Kommentator für den englischen TV-Sender ITV ins Mikrofon. „Wir wussten, dass uns die Japaner hier alles abverlangen würden, wenn sie den Ball haben. Wir können froh sein, dass sie es auf den letzten Metern bisher an Präzision fehlen lassen haben.“

          Südafrikas Wucht setzt sich gegen Japans Stil durch.

          Die „Brave Blossoms“ waren immer wieder auf die südafrikanischen Abwehrreihen zugestürmt und hatten gezeigt, welche unglaublichen Pass-Ketten sie der Vielfalt des Angriffs-Rugby bei dieser WM hinzugefügt haben. Die Angriffe wurden meist über die gesamte Breite des Spielfeld vorgetragen und landeten oft in den Händen von Kapitän Michael Leitch. Die Zuschauer sorgten mit ihren langgezogenen „Leiiiitch“-Rufen für Gänsehaut-Atmosphäre. Auf Leitch und seine so begeisternde Multi-Kulti-Truppe muss die WM nun allerdings verzichten, denn das Spiel zeigte zwei komplett verschiedene Halbzeiten. Schon vor dem Spiel hatte man sich immer wieder gefragt, ob die Japaner gegen Südafrika ihren Speed auch im letzten Drittel der Partie aufrecht halten können. Die Antwort: nein.

          Die Südafrikaner setzten ihre Kontrahenten immer stärker in deren Hälfte fest und warfen ihrerseits Angriffswelle über Angriffswelle Richtung Malfeld der Japaner. Und wenn immer sie sich auf den Weg ins Territorium der ermüdeten Gegner machten, kamen sie nun mit Punkten zurück. Nach verwandelten Penaltys in der 43., 48. und 63. Minute und allerspätestens nach den Versuchen in der 65. Minute durch Faf de Klerk, den Mann des Spiels, und Makazone Mapimpi hieß es: Game over für Japan, 26:3 nach 80 Minuten.

          Das Ende nach heldenhaftem Turnier: Japan ist ausgeschieden

          Durch das Stadion wehte ein letztes Mal der „Leitch-Ruf“, als der Held vor das Mikrofon trat, um im besten Japanisch seine Worte an das Publikum zu richten. „Bei einem solchen Spiel geht es darum, Möglichkeiten zu schaffen und Momente zu nutzen. Leider hat Südafrika uns davon abgehalten. Sie haben ihr ,A Game‘ gespielt und es sehr gut gemacht. Ich wünsche ihnen viel Glück. Ich bin sehr stolz auf das Team, auf das, was unser Trainer Jamie Joseph hier mit seinem Einfluss erreicht hat. Die Erfahrungen bei diesem Turnier werden Japan noch stärker machen.“

          Auch Südafrikas Kapitän Siya Kolisi war nach der Partie voll des Lobes für die Gastgeber, als er sagte: „Ehrlich gesagt, war es genau das, was wir erwartet hatten. Sie haben das Beste gezeigt, was Running Rugby zur Zeit zu bieten hat, aber Dank meiner Jungs, haben wir ihnen den Spaß ein wenig verdorben. Doch Respekt für ihren furchtlosen Stil und für diese unglaubliche Atmosphäre hier im Stadion. Es ist nun an uns, den Zuschauern weiter Vergnügen zu bereiten. Die Japaner können stolz auf ihr Team sein.“

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