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Jan Ullrich : Vom Himmel in die Hölle

  • -Aktualisiert am

Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels, es ist kein Ausweg in Sicht Bild: dpa

Eine tragische Figur und ein kranker Mann: Jan Ullrich, einst als Tour-Sieger vergöttert, dann als mutmaßlicher Doper gejagt, lebt wie ein Einsiedler. Anfällig für Süchte und Verlockungen, steht der frühere Superstar am Rande der Selbstzerstörung.

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          Eine Kindheit in der DDR: Jan Ullrich wächst in der Nähe von Rostock auf. Mit neun gewinnt er sein erstes Radrennen. Ein Jahr später verlässt der Vater, ein gewalttätiger Trinker, die Familie. Mit dreizehn kommt das große Radtalent in die Kinder- und Jugendsportschule nach Berlin, wird DDR-Jugendmeister. Dann fällt die Mauer.

          1992 holt ihn der Hamburger Gebrauchtwagenhändler Wolfgang Strohband in sein Rad-Team, mit 19 wird er Amateur-Weltmeister, anderthalb Jahre später, am 1. Januar 1995, wird er Profi im Team Telekom. Er hat die harte DDR-Schule hinter sich und radelt im Westen zu den Sternen. Als er 1997 als erster Deutscher die Tour de France gewinnt, ist er im Himmel, die Nation überschlägt sich, ein Held ist geboren.

          Heute, 13 Jahre später, ist Jan Ullrich ein Gejagter, ein Versteckter. Mit 36 Jahren führt er in der Schweiz das Leben eines Einsiedlers, er lebt fern der Realität, aus dem Helden ist eine tragische Figur geworden und ein kranker Mann. In der vergangenen Woche ließ Ullrich über seine Internetseite wissen, dass er sich wegen eines Burn-Out-Syndroms in eine langwierige Behandlung begeben müsse. Der Held von einst steht am Rande der Selbstzerstörung. Wie konnte es so weit kommen?

          Tour der Leiden: Einem zweiten Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt jagte Ullrich vergebens hinterher
          Tour der Leiden: Einem zweiten Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt jagte Ullrich vergebens hinterher : Bild: AFP

          Hofiert wie ein König, gefühlt wie ein König

          Ein Blick zurück: Nach seinem Triumph bei der Tour 1997 hatte Ullrich einen Status erreicht wie nur wenige deutsche Sportler vor ihm. Alle lagen ihm zu Füßen, Wirtschaftsführer wie Ron Sommer, Politiker wie Rudolf Scharping, Medien wie die ARD, die ihm fast 800 000 Euro nur dafür bezahlte, dass er ab und zu ein paar Sätze ins Mikrofon sagte.

          Das ganze Land war ein einziger Ullrich-Fanklub. Er war der Liebling der Nation, hatte seinen eigenen Trainer, seinen eigenen Mechaniker, seinen eigenen Betreuer, seine eigene Masseurin. Ullrich wurde hofiert wie ein König, und er begann sich zu fühlen wie ein König. Der Junge aus der Jugendsportschule hatte es geschafft, er war im Schlaraffenland angekommen, in einer Welt der Schulterklopfer.

          Er begann sich jede Freiheit zu nehmen. Es gab niemanden mehr, der es gewagt hätte, Disziplin einzufordern. War er in der Öffentlichkeit zurückhaltend, fast schüchtern, so spielte er in der Telekom-Welt seine Sonderstellung selbstbewusst aus. Wenn er mit zehn Kilogramm Übergewicht aus dem Winter kam, wurde das weggelächelt, ja der Ulle, hieß es dann, der lässt es sich halt gern mal gutgehen mit einem Stück Torte, und er setzt halt schnell an, aber genauso schnell sind die Pfunde ja wieder weg. Während andere Radprofis auch nach der Saison streng auf ihren Körper achten und gegen jedes Gramm Fett kämpfen, ließ sich Ullrich gehen. Manchmal, erzählt ein Kollege von damals, habe Ullrich ein Glas Nutella in die Mikrowelle gestellt und dann die Brühe einfach ausgetrunken.

          Großzügig war Ullrich - nicht nur was das Geld betraf

          Ullrich ist anfällig gewesen für Süchte, für Verlockungen, die das Leben leichter machen oder ein bisschen Spaß versprechen. 2002 wurde er mit Amphetamin im Blut erwischt und für sechs Monate gesperrt. Er habe - so die offizielle Version - auf der Toilette einer Münchner Diskothek von einem Fremden zwei Ecstasytabletten angenommen. Ob er die synthetische Droge tatsächlich „nur mal ausprobierte“, wie er vorgab, oder ob er Amphetamin, wie in der Rennszene beliebt, als Appetitzügler einsetzte? Beides charakterisierte ihn gleichermaßen. Es war eine Verlockung, der er erlag.

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